KunstGeschichten

KunstGeschichte: Rache ist süß

Rache ist ein Gericht, das kalt serviert wird. Erich Wurth über den skrupellosen und bei eisigen Temperaturen geführten Kampf zweier Rivalinnnen um den geliebten Künstler.

Karin Leitgeb war das, was man in Wien ein „Trutscherl“ nennt.
Der Ausdruck „Trutscherl“, natürlich abgeleitet vom Namen Trude, bezeichnet ein naives, weibliches Geschöpf, wobei die Naivität über die ganze Palette deren Abstufungen reichen kann.
Dabei war Karin eine „g’statzte Gredl“, ein „fescher Has’“, ein durchaus hübsches Mädchen von etwa 24 Jahren, dem man auf der Straße gerne nachsah. Außerdem war sie blitzgescheit, war im Gymnasium sogar Klassenbeste gewesen und hatte vor der Reifeprüfung nebenbei, aber intensiv rhythmische Sportgymnastik in einem Verein betrieben, was man ihren anmutigen Bewegungen sogar noch ansah.

Als „Farferl“, also ein nach dem italienischen „farfalla“, dem Schmetterling, benanntes, überempfindliches Wesen oder als „Zezn“, eine allzu zarte, schonungsbedürftige „Cäcilia“, als „fade Nocken“ also konnte man sie nicht bezeichnen. Trotzdem war sie ein Dummerchen, ein „Trutscherl“ - aber ein liebenswertes.
Ihre Naivität betraf hauptsächlich ihren unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Karin war ein „Weh“, wie in Wien die Bezeichnung für einen Menschen lautet, der sich von jedem rücksichtslos ausnützen lässt. Ihre beinahe pathologische Gutmütigkeit führte dazu, dass sie sämtliche an sie herangetragene Wünsche, und waren sie auch noch so unverschämt, ohne aufzubegehren erfüllte.

Schon im Gymnasium konnten alle von ihr abschreiben. Ihre Sitznachbarin Susanne Feldbauer, ein ebenso hübsches Mädel wie Karin, nützte das weidlich aus und sie hätte die Matura wohl ohne die tatkräftige Unterstützung ihrer Freundin Karin gar nicht geschafft.
In einer Hinsicht waren Karin und Susanne allerdings Rivalinnen. Der Gegenstand der Rivalität trug den Namen Keith Kowalski und saß zwei Reihen hinter ihnen in der Klasse.

Keith, ein gut aussehender Bursche, war schon mit sechzehn das, was er sich selbst unter einem „ganzen Mann“ vorstellte. Er war sehr selbstbewusst, wozu sein modischer, „amerikanischer“ Vorname einiges beitragen mochte, ein ziemlicher Frauenheld und er umgab sich mit dem Nimbus des Künstlers. Keith malte und gab fürchterlich an mit seinem Wissen über moderne Malerei. Die Mädel der Klasse liefen ihm ausnahmslos alle nach, aber Keith konzentrierte sich auf die beiden hübschesten, Susanne und Karin.

Mit der Zeit entwickelte sich so etwas wie eine Dreierbeziehung zwischen Keith und den zwei Mädels. Susanne, die lebhaftere und gewandtere der beiden, begleitete Keith in Diskotheken, Karin, die Stille und Schüchterne leistete ihm manchmal Gesellschaft, wenn Keith an einem Kunstwerk arbeitete. Bis zum Abschluss des Gymnasiums – und sogar darüber hinaus - blieb diese seltsame Dreiecksbeziehung aufrecht.
Mittlerweile hatte Karin eine Stelle bei einem Softwareunternehmen angetreten, Susanne hatte ihre Ausbildung zur Grundschullehrerin abgeschlossen und Keith studierte. Sowohl Kunstgeschichte an der Universität als auch Malerei an der Kunstakademie. Einen gewissen Namen als Künstler hatte sich Keith auch schon gemacht. Er malte hauptsächlich einfarbige Flächen. Viel Sorgfalt verwendete er bei der Mischung des Farbtones, dann allerdings war die Leinwand in wenigen Augenblicken mit einem sauberen Anstrich versehen.

Einige unbedeutende Ausstellungen hatte Keith bereits hinter sich, einige Gemälde bereits verkauft, aber im Moment stagnierte seine Karriere. Dazu kam, dass Keith, in der selbstbewussten Überzeugung, eine großartige Laufbahn vor sich zu haben, finanziell nicht die nötige Vorsicht an den Tag legte. Er fuhr einen Sportwagen, der zwar gebraucht aber immer noch vergleichsweise teuer gewesen war und hatte sein Konto gehörig überzogen. Nach wie vor unterhielt er seine Beziehungen zu Susanne und Karin und rühmte sich im Freundeskreis mitunter damit, „zweigleisig unterwegs“ zu sein.

Langsam hatte in den letzten Jahren allerdings Susanne ihrer Freundin Karin in der Gunst Keiths etwas den Rang abgelaufen. Keith war öfter mit Susanne zusammen als mit deren Rivalin, was sicher damit zusammenhing, dass Susanne die Aktivere war, mit der man mehr Spaß haben konnte. Trotzdem hütete sich Keith, Karin, an deren menschlichen Qualitäten ihm viel lag, zu sehr zu vernachlässigen.
Selbstverständlich bemerke Karin, dass sie ins Hintertreffen geriet und bemühte sich umso mehr, Keith ihre ehrliche Zuneigung zu demonstrieren. Da sie natürlich über seine angespannte Finanzlage informiert war, steckte sie ihm öfter Beträge zu, ohne die sich Keith kaum hätte über Wasser halten können. Von Susanne bekam Keith nichts.

Eines Tages, es war Anfang Februar, gelang es Keith, die einmalige Chance zu erhalten, einige seiner monotonen Bilder im Foyer des Hauptgebäudes eines Baustoffkonzerns auszustellen. Wie ihm das gelungen war, wusste er hinterher selber nicht so recht, ein Studienkollege an der Uni, der mit einem Manager des Konzerns verwandt war, hatte jedenfalls maßgeblichen Anteil daran.
Keith, der nie im Glauben an sich und seine künstlerischen Qualitäten gezweifelt hatte, war fest entschlossen, diese Chance zu nützen. Der Baustoffkonzern hatte soeben seine ausgezeichneten Quartalszahlen veröffentlicht, dem Kurs seiner Aktien damit einen ordentlichen Impuls verschafft und die Konzernleitung überlegte, sich künftig durch Engagement auf kulturellem Gebiet einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Zur Ausstellungseröffnung wollte man daher die Medien einladen.
Keith erfuhr davon am Vormittag. Sofort rief er Karin in ihrem Büro an und bat sie, ihm bei der Auswahl der auszustellenden Gemälde behilflich zu sein. Ob sie am Abend zu ihm kommen könne?
Karin konnte und sagte sofort hoch erfreut zu. Sie würde um neunzehn Uhr in Keiths Studentenbude auftauchen.

In seiner Aufregung über die Ausstellung vergaß Keith völlig, dass er am Abend bereits mit Susanne verabredet war und als es ihm schließlich doch noch einfiel, war es schon später Nachmittag. Er versuchte, Susanne anzurufen, aber ihr Mobiltelefon war offenbar ausgeschaltet, was für sie ungewöhnlich war. Keith hinterließ eine Nachricht in der Mobilbox und entschuldigte sich mit dringenden Arbeiten für die ihm so überraschend angebotene Ausstellung.

Was er nicht wissen konnte, war, dass der Akkumulator von Susannes Handy den Geist aufgegeben hatte. Susanne konnte daher an diesem Tag weder Anrufe entgegennehmen, noch ihre Mobilbox abhören und so erschien sie gemäß der ursprünglichen Verabredung um zwanzig Uhr bei Keith.
Zu diesem Zeitpunkt lag Keith höchst zufrieden, völlig entspannt und nackt auf dem Rücken im Bett und Karin befand sich unter der Dusche. Als die Türglocke ertönte, erfasste Keith so etwas wie Panik. Was, wenn Susanne seine Nachricht nicht erhalten hätte und jetzt vor der Tür stand? Er hatte es bisher immer erfolgreich verstanden, sowohl Susanne als auch Karin einzureden, dass seine Zuneigung zur jeweils anderen völlig harmlos wäre, nur auf Sympathie beruhe und ihm nichts ferner läge, als mit beiden Mädchen zugleich eine erotische Beziehung zu unterhalten. Und er war immerhin so sehr von sich selbst überzeugt, dass er davon ausging, beide Mädchen würden seinen Beteuerungen Glauben schenken.
Als er jetzt nur mit einem hastig übergeworfenen Bademantel vor Susanne stand, fühlte er sich wie ein ertappter Verbrecher. Er stammelte etwas davon, mitten in der Arbeit zu sein, sich mit Farbe beschmutzt zu haben und ähnlichen Unsinn. Dann bat er Susanne dringend, ihn doch für heute allein zu lassen, es ginge bei ihm einfach momentan völlig chaotisch zu..

Und währenddessen war im Bad deutlich das Geräusch der Dusche zu hören.
Susanne ließ sich selbstverständlich nicht täuschen. Sie stieß dem Keith den ausgestreckten Zeigefinger in den Bauch, nannte ihn „Hurenbeutel“ und rauschte ab, wie ein Zerstörer nach fehlgeschlagener Torpedoattacke, wobei sie ihm noch auf der Treppe zurief: „Lass die Karin, den unverschämten Trampel, schön grüßen, du Arschloch!“

‚Die Karin, dieses auserlesene Miststück’, ging es Susanne durch den Kopf, als sie nach ihrem taktischen Rückzug heimfuhr. ‚Tut so harmlos und naiv, die Trutschen, und dann kugelt sie ungeniert mit dem Keith im Bett herum.’
Selbstverständlich hatte Susanne gewusst, dass da „was lief“, zwischen Karin und Keith. Deshalb ja auch ihre intensiven Bemühungen um den Maler. Aber dass sich Keith erst mit ihr verabredet hatte und dann ihrer Rivalin den Vorzug gab, das traf Susanne mitten in das auch bei ihr recht kräftig entwickelte Ego.
Das schrie nach Rache!
Den ganzen Abend, den sie nun notgedrungen einsam zu Hause verbrachte, grübelte sie über eine Möglichkeit, nicht nur Karin, sondern auch dem Keith eins auszuwischen.
Ihr erster Gedanke war Gift für das Trutscherl Karin. Aber so weit wollte sie denn doch nicht gehen. Besser wäre es, ihre Rivalin möglichst wirksam zu demütigen und Keith klar zu machen, dass sie, Susanne, die einzig geeignete Partnerin für ihn wäre.

Während Susanne ihren kohlrabenschwarzen Gedanken nachhing, unterzogen Karin und Keith in dessen kleiner Wohnung die dort vorhandenen Gemälde einer kritischen Musterung. Die kleineren Bilder hatte Keith im Abstellraum, einem ans Schlafzimmer angrenzenden Miniaturkämmerchen gelagert, die größeren im Keller. Insgesamt waren etwa fünfzig Arbeiten vorhanden, etwa dreißig sollten auf der Ausstellung präsentiert werden.
Keith hatte selbstverständlich die sarkastischen „Grüße“ Susannes nicht ausgerichtet, ja er hatte mit keinem Wort erwähnt, dass Susanne da gewesen war. Es war schließlich schon unangenehm genug, dass Susanne ihn mit Karin erwischt hatte, da musste nicht auch noch Karin verärgert werden, weil Susanne aufgetaucht war.

Keith hatte die großen Bilder aus dem Keller geholt, noch während Karin sich im Bad frisch machte. Dabei hatte er sich so weit beruhigt, dass Karin seine Betroffenheit über den eben erfolgten Auftritt nicht bemerkte und gemeinsam sahen sie dann die Arbeiten durch. Karin wollte unbedingt Informationen über Größe und Gliederung des Raumes, in dem die Gemälde zur Schau gestellt werden sollten, aber damit konnte Keith leider nicht dienen,
„I muss mir die Ausstellungsfläche anschauen“, beharrte Karin. „Hängt doch sehr vom Licht ab und der Einrichtung dort, welche von deinen Bildern gut wirken.“
Das sah Keith ein. Man kam zum Entschluss, sich die Eingangshalle des Baustoffkonzerns erst einmal anzusehen, bevor man eine Auswahl an Bildern treffen würde.

Am nächsten Tag gelang es ihm, wieder durch Vermittlung seines Freundes mit dem Verwandten im Management, einen Besichtigungstermin im Foyer des Bürogebäudes zu vereinbaren und abends holte er Karin mit seinem Sportwagen ab, um mit ihr gemeinsam die Örtlichkeit zu besichtigen.
Das Gebäude lag, von einem großen Parkplatz umgeben, am südlichen Stadtrand in einem relativ locker verbauten Industriegebiet. Als Keith und seine Begleiterin dort eintrafen, war die Belegschaft schon nach Hause gegangen und nur mehr der Portier erwartete sie.

Dieser war glücklicherweise darüber informiert, dass für die Ausstellung eigene mobile Ausstellungswände, so genannte „Rahmenfaltdisplays“ angeschafft worden waren, die Keiths Bilder im gesamten, etwa zweihundert Quadtratmeter großen Foyer verteilt, präsentieren sollten. Die Aufstellung dieser Displays sollte der Künstler selbst überwachen.

Neben dem Foyer befand sich ein relativ großer Seminarraum. In diesem wollte der Vorstandsvorsitzende eine Rede halten, die Absicht des Konzerns, in Hinkunft aufstrebende Künstler zu unterstützen, bekannt geben und gleichzeitig eine neuartige, für den nachträglichen Ausbau konzipierte Wärmeisolierung vorstellen. Dort, im Seminarraum, sollte auch ein kaltes Buffet aufgebaut werden.
Karin war hoch zufrieden. Das Foyer des Bürohauses schien ihr bestens geeignet und sie wäre nun gern bereit, die Zusammenstellung der auszustellenden Gemälde vorzunehmen.

In Keiths Studentenbude hatte Karin dann in kürzester Zeit fünfunddreißig Bilder ausgewählt, die in einer Ecke des Wohnzimmers für den Abtransport zur Ausstellung zusammengestellt wurden. Dann gab man sich einer Wiederholung jener Tätigkeit hin, die die beiden auch am Vortag, vor dem Auftauchen Susannes, ausgeübt hatten, an diesem Tag aber länger ausdehnten, was dazu führte, dass Keith erst sehr spät eine sehr glückliche Karin nach Hause brachte. Diese war überzeugt, in den letzten zwei Tagen gegenüber ihrer Freundin Susanne einiges an Terrain gewonnen zu haben.
Von eben dieser Susanne erhielt sie am nächsten Tag einen Anruf, der sie einigermaßen besorgt machte.
„I muss mit dir reden“, sagte Susanne. „Der Keith hat wahrscheinlich Probleme. Treff’ ma uns beim Chinesen heut Abend?“

Selbstverständlich sagte Karin zu.
Während die beiden jungen Frauen abends ihrem Schweinefleisch süß-sauer zu Leibe rückten, äußerte Susanne ihre Befürchtung, Keith könnte vor dem finanziellen Kollaps stehen. Seit Monaten habe er kein Bild mehr verkauft. Die Ausstellung (von der Susanne mittlerweile wusste – sie hatte doch noch Keiths Nachricht abgehört), wäre doch eine einmalige Gelegenheit, dem Keith eine gehörige Portion Publicity zu verschaffen.
Karin stimmte dem zu. Aber wie so etwas bewerkstelligen?

Nun, Susanne hatte da bereits eine Idee. Ob Karin bereit wäre, ein gewisses Risiko einzugehen? Sie selbst, Susanne, könne das natürlich nicht, sie würde ihren erst kürzlich angetretenen Job als Grundschullehrerin riskieren. Der Stadtschulrat habe keinerlei Verständnis für solche Dinge.

Welche Dinge, wollte Karin wissen.
Nun ja, man müsse dafür sorgen, dass die Presse über Keith berichtete. Da wäre es doch das beste, wenn ein paar seiner Gemälde plötzlich abhanden kämen…
Karin sah ihre Freundin entgeistert an. Was? Keith bestehlen?
Nein! Natürlich nicht wirklich stehlen, die Bilder! Nur ausborgen.

Dann wurde Susanne plötzlich sentimental. Es läge ihr schon lang schwer auf der Seele, dass Keith sich offenbar nicht zwischen Karin und ihr entscheiden könne. So ginge es doch nicht weiter! Es müssten klare Verhältnisse geschaffen werden.
Da wäre es doch hilfreich, wenn während der Ausstellung plötzlich ein, oder vielleicht sogar zwei Bilder weg wären. Dafür müsste ein Brief dort hängen, wo die Bilder gewesen waren: Die Gemälde würden retourniert, sobald Keith sich zwischen Karin und Susanne entschieden hätte.
Das wäre doch ein gefundenes Fressen für die Journalisten! Ein Gemäldediebstahl verknüpft mit einer Liebesgeschichte! Noch dazu mit einer Dreiecksgeschichte!
Keith hätte seine Publicity und er würde endlich kapieren, dass er eine Entscheidung zu treffen hatte. So wäre doch allen geholfen!

Karin hatte ihrer Freundin aufmerksam zugehört, aber ihr war nicht wohl bei der Sache. Sie war zwar ein „Trutscherl“, aber dumm war sie nicht. Das würde wohl tatsächlich die endgültige Entscheidung bedeuten und sie wusste sehr wohl, dass sie die schlechteren Karten hatte, obwohl sie in letzter Zeit gegenüber Susanne hatte aufholen können.

Karin überlegte lange und schweigend aßen die beiden jungen Frauen den Rest ihrer Portionen. Dann legte Susanne noch „ein Schäuflein nach“: Na ja, wenn Karin nicht den Mut hätte, eine Entscheidung herbeizuführen, dann müsse man die ganze Sache eben abblasen. Schade. Denn für Keith wäre es das beste gewesen, was ihm passieren konnte. Der Marktwert seiner Bilder würde steigen, er wäre schlagartig in der Öffentlichkeit bekannt – und seine beiden Geliebten würden endlich wissen, woran sie waren.

„Wir zwei bleiben natürlich Freundinnen, egal wie’s ausgeht“, fügte Susanne schließlich hinzu, als sie den obligaten, abschließenden Pflaumenwein tranken.
Karin fühlte, wie ihre Augen ein wenig feucht wurden. Erstens war es ihre Sache nicht, etwas kategorisch abzulehnen und zweitens sah sie die Vorteile von Susannes Plan ein. Wenn sie aber zustimmte, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie Keith verlor.
Schließlich gab sich Karin doch einen Ruck. Okay. Die Sache werde gemacht!
Susanne war gerührt und erging sich in Komplimenten für ihre Freundin. Sie könne es nachvollziehen, dass die Entscheidung für Karin nicht leicht gewesen wäre. Aber immerhin hätten sie jetzt beide eine faire, fünfzigprozentige Chance, in Zukunft Keith für sich alleine haben zu können.

Der Rest des Abends wurde dafür benutzt, den Aktionsplan in groben Zügen festzulegen. Ins Detail wollte man erst gehen, wenn der genaue Ablauf der Vernissage feststand. Jedenfalls sollte Karin mit ihrem alten Renault zu der Eröffnung kommen und in dessen Kofferraum die entwendeten Bilder deponieren, während Susanne die vorbereiteten Texte an die Stelle der verschwundenen Gemälde hängen würde.

Als Karin dann nach Hause kam, war sie todtraurig. Sie zweifelte nicht daran, dass Keith sich für Susanne entscheiden würde und erstmals dachte sie kritisch über ihre Schwäche, es allen recht machen zu wollen, nach. Aber jetzt war es zu spät…

Bei der Vorbereitung der Vernissage half Karin tatkräftig mit. Sie wählte die Standorte für die Displays aus, hängte die einzelnen Gemälde mehrfach um und genoss es, noch einmal mit Keith für längere Zeit zusammen zu sein. Da sie erst jeweils nach Büroschluss mit diesen Arbeiten beginnen konnten, brauchten sie für die Vorbereitungen die letzte drei Abende vor der Vernissage - und alle endeten in Keiths kleiner Wohnung.

Die Durchführung des von Susanne geplanten Coups erwies sich als wesentlich einfacher, als befürchtet. Sicherheitsmaßnahmen waren seitens der Geschäftsleitung der Baustofffirma nicht vorgesehen, dazu war der Künstler zu unbedeutend. Und der Portier kannte Karin mittlerweile als Mitarbeiterin des Malers. Sie würde also keine Probleme haben, die Gemälde fort zu schaffen, während im Seminarraum der Vorstandsvorsitzende Reklame für seine neuartige Wärmeisolierung machte.

Allerdings hätte das Wetter beinahe die Durchführung von Susannes Plan zunichte gemacht. Die Vernissage war für Anfang März vorgesehen und an jenem Freitag gab es einen veritablen Wintereinbruch in Wien. Es war saukalt und es schneite den ganzen Tag leicht. Viele Gäste würde die Veranstaltung wohl nicht anlocken. Aber Hauptsache, von der Presse waren Vertreter da.
Um achtzehn Uhr holte Karin mit ihrem alten Renault den Keith ab. In seinem Sportwagen, dessen Verdeck löchrig war, wäre er wohl erfroren.

Noch vor neunzehn Uhr trafen die ersten Gäste ein und um neunzehn Uhr dreißig bat der Vorstandsvorsitzende die Ausstellungsbesucher in den Seminarraum, um seinen Trommelwirbel auf der Werbetrommel zu veranstalten. Da durch die offene Tür des Seminarraums das appetitlich angerichtete Buffet zu sehen war, folgten alle Gäste bereitwillig seiner Einladung.
Karin blieb zurück im Ausstellungsraum. Fünf Minuten nach Beginn der Ansprache würde Susanne aus dem Seminarraum schlüpfen und die vorbereiteten Texte an den Displays anbringen.

„Die hier ausgestellten Kunstwerke befinden sich derzeit an einem sicheren Ort und werden sofort zurückgestellt, sobald Herr Keith Kowalski seine Wahl zwischen Frau Karin Leitgeb und Frau Susanne Feldbauer als momentane Lebensabschnittspartnerin öffentlich bekannt gegeben hat“, lautete der Text der Nachricht, die Susanne auf den Displays anbringen sollte. Der Text, auf den sich die beiden geeinigt hatten, war von Karin in ihrem Büro auf dem Computerdrucker hergestellt worden und zwei Exemplare davon befanden sich in Susannes Handtasche.

Der Portier hinter seinem Empfangsschalter achtete nicht auf Karin. Er glotzte in einen kleinen Fernseher, der in einer Ecke stand.
Karin holte noch einmal tief Luft, dann nahm sie vom zentralen Display ein größeres Bild ab, das grellgelbe Rechtecke auf violetten Grund zeigte und von einer Wand nahe dem Eingang zum Seminarraum ein kleineres, einfarbig graugrün gehaltenes. Ohne dass der Portier sie eines Blickes gewürdigt hätte, ging Karin mit den beiden Bildern zum Haupteingang und die automatische Schiebetür öffnete sich sofort. Karin trat in die abendliche Kälte hinaus.

Sie trug, dem Anlass entsprechend, einen seidenen, eleganten dunkelgrauen Hosenanzug und fühlte sofort, wie die Kälte durch das leichte Gewebe drang. Es schneite wieder und ein eiskalter Nordwind trug den Lärm der nahen Autobahn an ihr Ohr. Schon auf dem kurzen Weg über den Parkplatz zu ihrem Auto begann sie zu zittern.

Der Parkplatz war nicht gerade taghell beleuchtet. Mit zitternden Fingern versuchte sie, in der Dunkelheit das Schloss des Kofferraums zu öffnen. Es ging nicht. Das verdammte Ding war eingefroren.
Erst steckte Karin den Autoschlüssel in den Mund, um ihn anzuwärmen. Ergebnis null. Dann versuchte sie, mit Gewalt den Schlüssel ins Schloss zu zwingen. Vergeblich. Langsam stieg Verzweiflung in ihr hoch.

Die Bilder einfach auf den Rücksitz zu legen, war nicht ratsam. Dort würde jeder sie sofort sehen. Karin brauchte eine andere Depotmöglichkeit für die entwendeten Gemälde.
Susannes Auto stand in der Nähe. Aber das war natürlich abgesperrt und sie hatte keinen Schlüssel. Also machte sich Karin auf die Suche nach einer Unterbringungsmöglichkeit..
Die Buschreihe, die den Parkplatz zum Nachbargrundstück abschloss, bot kein Versteck. Außerdem würden die Bilder dort dem Schnee schutzlos ausgeliefert sein. Zitternd lief Karin um das Bürogebäude herum, eine andere Möglichkeit, die Bilder zu deponieren, herbei sehnend. Aber sie hatte kein Glück.
Etwa fünfzig Meter vom Hauptgebäude entfernt, gab es eine niedrige Halle, die der Lagerung von Zementsäcken diente. Diese Halle unterzog Karin jetzt einer Untersuchung, wobei sie immer noch die beiden unhandlichen Bilder, an denen der starke, kalte Wind zerrte, mit sich schleppen musste. Als sie endlich die Halle umrundet hatte, fand sie einen jener Behälter, in denen Streusplitt gelagert wird. Und der Deckel dieses Behälters war nicht mit dem üblichen Vorhängeschloss gesichert.
Erleichtert hob Karin den Deckel an und legte die beiden Gemälde vorsichtig auf das darin befindliche Streugut.
Dann beeilte sie sich, ins Foyer zurück zu kommen. Sie war mittlerweile halb erfroren.

Als sie durch die Schiebetür eintrat und den ersten Schwall warmer Luft fühlte, war die Halle voller aufgeregter Menschen. Der Diebstahl musste mittlerweile entdeckt worden sein – so lange war sie – notgedrungen - weggeblieben!
Die meisten Leute standen um die Stellen, an denen die beiden Bilder gewesen waren. Aber da war kein Text angebracht!
Dann sah Karin durch das Glasportal Blaulicht. Wenige Sekunden später betraten zwei Polizisten die Eingangshalle.
Der Vorstandsvorsitzende, Keith und die zwei Polizisten begannen, aufgeregt miteinander zu diskutieren und Karin suchte mit den Augen ihre Freundin Susanne. Ganz hinten stand sie und Karin schien es, als ob sie schadenfroh grinste. Sie drängte sich durch die Umstehenden.
„Wo is der Brief, Susanne?“
Susanne sah sie höhnisch an: „Welcher Brief?“
„Unser Text!“, rief Karin und gleichzeitig wusste sie, dass Susanne ein ganz mieses Arschloch war, das sie hereingelegt hatte.
„Du spinnst ja!“, meinte Susanne. „Is dir kalt? Warst draußen, die g’stohlenen Bilder einladen?“ Sie wandte sich an die Gruppe mit den Polizisten. „Gehen S’, Herr Inspektor, da die Frau Leitgeb dürft’ die Bilder g’stohl’n haben. Die hat noch ganz blaue Lippen, weil’s so kalt is draußen.“

Die beiden Polizisten kamen heran, gefolgt von Keith, der ganz bleich geworden war.
„Die Bilder hat’s sicher im Wagen. Schaun S’ halt nach“, schlug Susanne vor.
„Würden S’ mitkommen, gnä’ Frau?“, fragte der eine der beiden Polizisten. Karin nickte nur wortlos.
Sie empfand die Kälte gar nicht, als sie der Gruppe, der sich auch Susanne angeschlossen hatte, folgte. Natürlich kriegten die Polizisten den Kofferraum nicht auf. Aber dann erhitzte einer der Beamten den Schlüssel mit einem Feuerzeug und der Kofferraum öffnete sich.

„Tschuldigung. I hab ihn den ganzen Winter net ’putz, den Kübel“, sagte Karin kleinlaut, als das Chaos im Kofferraum offenbar wurde, aber keine Bilder. Die beiden Polizisten lächelten verständnisvoll.
Susanne stand daneben und biss sich auf die Lippen.
„Hätt i net von dir ’glaubt, Susanne, dass d’ so eine Krätzen bist“, stellte Keith traurig fest. Dann legte er seinen Arm um Karins Schulter. „Jetzt komm schon, Mädel, dir is ja kalt!“

Als die Gruppe zum Hauptgebäude zurückging, flüsterte Karin dem Keith ins Ohr: „Komm mit!“ Und als die anderen das Gebäude betraten, zog Karin den Maler mit sich zu dem Streusplittbehälter neben der Lagerhalle.
„Erklären tu i dir’s später“, versprach sie, als sie die beiden Bilder hervorzog und Keith überreichte.
Drei Minuten später hingen die Gemälde wieder an ihren Displays. „Tut mir furchtbar Leid“, beteuerte Keith den beiden Polizisten. „A blödes Missverständnis. Überhaupt nix passiert. Falscher Alarm.“ Dafür bot er den Beamten ein paar Brötchen vom Buffet an, was die beiden aber bedauernd ablehnten.

Eine halbe Stunde später hatte sich die Aufregung gelegt, das Buffet war kahl gefressen und Susanne hatte es vorgezogen, sich auf Französisch zu empfehlen. Keith und Karin hatten eine ernste Aussprache zwischen den Bildern gehabt, während dieser Karin von ihrem Taschentuch reichlichen Gebrauch machen musste und im Seminarraum die Vernichtung der Sandwichs in vollem Gang war.
Dann nahm Keith den Vorstandsvorsitzenden beiseite und dieser schickte um eine Flasche Champagner, als er von der bevorstehenden Verlobung hörte.

Alles in allem war es für Keith und Karin ein höchst erfolgreicher Abend. Keith hatte vier Bilder verkauft und Karin den Kampf mit ihrer „Freundin“ Susanne um Keith gewonnen.
Erst spät brachte sie ihren Keith nach Hause. Und in Keiths Wohnung machten sie dann dort weiter, wo sie gestern aufgehört hatten.

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