KunstGeschichten

KunstGeschichte: Ufos am Limoniberg

Wollten Sie auch schon einmal Unerklärliches am Himmel auf einer Fotografie festhalten? Nach einer schlagkräftigen Begegnung der dritten Art versucht Klinikpatient Franzi Buchwieser seinen Alien-Kontrahenten zu zeichnen. Seltsam nur, was dabei herauskommt. Mehr erfahren Sie in unserer neuen KunstGeschichte.

Wenn man die Stadt Wien mit dem Auto von Westen her anfährt, wird man von der Autobahn nach dem Rasthaus „Auhof“ auf die „Wientalstraße“ abgeleitet. Diese zweispurige Einbahn in Richtung Innenstadt führt entlang des Flüsschens „Wien“ und entlang der U-Bahn Linie U4. Und nachdem man etwa zwei Kilometer die Straße entlang gefahren ist, kann man links, in einiger Entfernung auf dem „Satzberg“, der auch „Baumgartner Höhe“ genannt wird, die grüne Kuppel der „Steinhofkirche“ sehen.

Diese, dem heiligen Leopold geweihte Kirche ist das wahrscheinlich bedeutendste Gebäude des Jugendstils in Wien und stammt vom Architekten Otto Wagner. 1907 war das Gebäude fertig gestellt und seither wird das Gebiet von den Wienern auch „Limoniberg“ genannt, weil die Kuppel einer halben Zitrone gleicht.
Offiziell befindet sich die Otto-Wagner-Kirche in „Steinhof“, wie das Gebiet nach den Ottakringer Steinbrüchen und Steinlagern genannt wird, die sich früher hier befanden. Und außerdem ist der Begriff „Steinhof“ durch die Irrenanstalt charakterisiert. Aussprüche wie: „Du g'hörst ja nach Steinhof“ bedeuten die Einschätzung, dass der Angesprochene einer psychiatrischen Behandlung bedürftig wäre.

„Steinhof“ gilt also in Wien als Synonym für das „Psychiatrische Krankenhaus am Steinhof“, das aus 60 Pavillons besteht, die von Carlo von Boog entworfen worden waren. Insgesamt wurde die Anstalt aber ebenfalls von Otto Wagner geplant und wird auch Otto-Wagner-Spital genannt.

Diese 60 Gebäude befinden sich auf dem Südhang des Berges, sind aber von Wien aus nicht zu sehen. Allerdings ist die Kuppel der Otto-Wagner-Kirche weithin sichtbar, die sich an der höchsten Stelle des Areals befindet, was zu einer anderen Redensart geführt hat: „Grüne Kuppel“, verbunden mit einer Handbewegung in die Richtung der Kirche hat exakt die selbe Bedeutung wie die Redensart „Du g'hörst ja nach Steinhof!“

Wie jede andere Millionenstadt, hat Wien natürlich auch das Potential, die 60 Pavillons zu füllen. „Depperte“ gibt es überall. Und auch in Wien offenbar nicht zu knapp!

An einem schönen, warmen Frühlingstag saß Eva Gatterbauer auf dem Gang im Pavillon 16 und nahm eine Lösung von Vitamin B zu sich, die aus einer Plastikflasche, die über ihr hing über einen Schlauch in ihre Vene tropfte. Sie war schon seit zwei Tagen da, nachdem sie vorher im Elisabeth-Spital im 15. Bezirk nach dem Genuss von über eineinhalb Litern Wodka erst wegen Alkoholvergiftung behandelt worden war. Da sie aber dort geistige Ausfälle gezeigt hatte, war sie auf die Baumgartner Höhe überstellt worden und jetzt kümmerte sich Schwester Angelika um sie.

Eben kam sie vorüber. „Na, Frau Gatterbauer, wie geht’s Ihnen?“
„Schmeckt nach gar nix“, sagte Eva und deutete auf die Infusionsflasche.
„Soll je net schmecken, wirken soll's“, meinte die Schwester.
„Außerdem darf man da net rauchen“, beklagte sich Eva. „I muss dann gleich runter, eine pofeln.“
„Können S' eh, nur nix saufen!“
Eva machte eine wegwerfende Handbewegung. „Brauch aa nix. Hab genug für so drei, vier Wochen.“

In der Tat war die Eva Gatterbauer eine lupenreine „Quartalssäuferin“. So etwa alle Monate überkam es sie und dann brauchte sie ihr Quantum. Und zwar eines, das regelmäßig zum Kollaps führte. Eine Entziehungskur hatte sie bereits hinter sich und war daraufhin über zwei Jahre trocken geblieben. Aber dann starb ihre Mutter, was Eva sehr hart traf – und alles hatte wieder von vorne begonnen.

Als Schwester Angelika das nächste Mal an Eva vorüber ging, war die Infusion bereits in Evas Vene gelaufen und Angelika hängte sie ab. Eva lief nach ihrer Schachtel Marlboro und dem Feuerzeug und verzog sich ins Freie. Gleich nach dem Ausgang des Pavillons zündete sie sich ihren Friedhofsspargel an und ging die im Zick-Zack verlaufende Zufahrtstraße entlang bergauf.

Das Otto-Wagner-Spital befindet sich in einer sehr ansprechenden Parklandschaft mit hohen Bäumen und reichen Blumenbeeten vor den einzelnen Pavillons. Dazwischen befinden sich verstreut Bänke.
Auf einer dieser Bänke saß ein junger Bursche mit zerschlissenen Jeans und einem Dreitagebart und rauchte ebenfalls. Eva kam heran und sah sich den Burschen an. Er wirkte ganz friedlich, sah aber so aus, als könne er ziemlich effektiv zuschlagen.

Es handelte sich um Franzi Buchwieser, ein amtsbekannter Hooligan, der einfach alles rauchte, exzessiv trank und der beim letzten Match im Hanappi-Stadion von Rapid Wien zwei Polizisten krankenhausreif geschlagen hatte.
Die beiden beschädigten Ordnungshüter waren auch der Grund für seine Anwesenheit in Steinhof. Der eine Polizist hatte sich gewehrt und dem Franzi noch eine kräftige auf die Birne gedroschen, so dass man ihn leicht festnehmen konnte.

Eva Gatterbauer gefiel dieser Franzi und sie setzte sich ganz einfach auf die Bank.
Franzi nahm das widerspruchslos zur Kenntnis und er nickte Eva sogar freundlich zu, worauf diese fragte: „Warum bist denn du da im Guglhupf[1]?“
„Hab zwa G'schmierte[2] zerlegt in Sankt Hanappi[3] “, gestand Franzi. Und dann fügte er hinzu: „War a bissl eingraucht.“
„Hast jetzt no was zum Rauchen?“, wollte Eva wissen.
„Gar nix. Haben die G'fraster mir g'stessen. Und da kriegt ma a nix. Nur Kindertschick!“ Franzi zog eine zerknüllte Packung Zigaretten aus der Tasche seiner Jeans.
„Willst a Marlboro?“, fragte Eva.
Franzi nickte. „Besser als die Giftnudeln“, meinte er. „I bin stier momentan. Aber heut kommt eh die Steffi mit a bissl Marie.“ Und dann fügte er hinzu: „Mei Has. Jedenfalls momentan.“
„Gehn ma da rauf?“, fragte Eva und deutete den Weg entlang in Richtung Norden. „I will no net z'ruck ins Zimmer.“
„I aa net“, sagte Franzi. „Da will nur der Gaisbichler, dass i so an Blödsinn auf a Papierl mal.“
„Was sollst? Malen?“
Franzi nickte. „Therapie. Sagt jedenfalls der Gaisbichler. Die spinnen alle da! Weißt, wie man die Depperten von den Ärzten unterscheidet? Naa? Ganz einfach: Die Ärzte haben die Schlüssel!“
Eva machte höflichkeitshalber „Hihi“.

Langsam stiegen die beiden nebeneinander die serpentinenartig gewundene Straße hinan, die die einzelnen Pavillons miteinander verbindet. Schließlich waren sie oben vor der Otto-Wagner-Kirche angekommen.
Aber zwischen der Straße und dem Kirchenbau erstreckte sich etwas Eigenartiges. Da war eine ziemlich große Fläche bestanden von einer Art Pflöcken, die etwa einen Meter lang waren, deren Unterteil aus Aluminium bestand und deren oberstes Ende offenbar beleuchtet werden konnte. Die Pflöcke ähnelten in irgendeiner Form den Begrenzungspflöcken einer Landstraße und staken in der Erde, die mit blühenden Pflanzen bedeckt war.

„Was is denn des für a Blödsinn?“, fragte Franzi.
„A Ufo-Landeplatz?“, vermutete Eva.
„Kann schon sein“, stimmte Franzi zu.
Da kam oben aus der Kirche ein Mann im blauen Schlosseranzug, der einen Werkzeugkoffer trug und eine billige, filterlose Zigarette rauchte. Es handelte sich dabei um Herrn Slobodan Nicolic aus Novi Sad, seines Zeichens Hausmeister im Otto-Wagner-Spital. Der hatte den Auftrag, die Leuchten der Gedenkstätte, die durchgebrannt waren, auszutauschen.
Also verschwand er hinter der Kirche und dann flammten die Leuchten auf.
Franzi und Eva schauten ganz verdutzt. Von der Gedenkstätte hatten sie keine Ahnung.

Hier stehen nämlich die Pflöcke zum Gedenken an jene Kinder, die Opfer der „Kinderanstalt Spiegelgrund“ geworden waren. Im Dritten Reich war ein Teil des Krankenhauses zur Unterbringung geistig behinderter Kinder verwendet worden, an denen ausgiebig geforscht wurde. Die Forschungstätigkeit hatte unweigerlich den Tod der Kinder zur Folge. Gemäß der nationalsozialistischen Lehre handelte es sich bei den Kindern um Fälle von „lebensunwertem“ Leben. Allerdings wollte man die „Euthanasiemorde“ nicht an die große Glocke hängen, deshalb starben die Kinder meist an Diphterie oder Lungenentzündung oder einer ähnlichen Krankheit. Die Opfer mit solchen Bakterien zu infizieren war immerhin für eine Ärzteschaft unter Parteieinfluss nicht allzu schwer.

Die treibende Kraft hinter den Gräueln war der Leiter der Säuglingsabteilung, Dr. Heinrich Gross, der übrigens nie dafür zur Verantwortung gezogen wurde.
Als ihm im Jahr 2000 endlich der Prozess gemacht wurde, bescheinigte der Psychiater Reinhard Haller dem Doktor Gross fortgeschrittene vaskuläre Demenz und eine ausgeprägte Depression, worauf der Prozess vertagt, aber nicht mehr aufgenommen wurde.
2005 starb Doktor Gross in Hollabrunn.

Gemäß eines Dokumentes des Klinikdirektors wurden im Monat etwa zwischen 6 und 10 Kinder getötet, meist durch eine Gabe von „Luminal“ (Phenobarbital).
Im April 2002 wurden die Überreste (meist die Gehirne und der Zentralnervenstrang) von 789 Opfern auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt und das Mahnmal in Steinhof errichtet.
Für jedes der Euthanasieopfer steht ein beleuchteter Pfahl hier vor der Steinhofkirche.
Und von all dem hatten weder Eva noch Franzi die geringste Ahnung.
Jetzt kam Slobodan Nicolic wieder hinter der Kirche hervor. Franzi rief der blauen Gestalt zu: „Was soll denn des? Kommt a Ufo? San des die Landelichter?“

Slobodan kam natürlich sofort dahinter, dass es sich bei dem jungen Mann um einen Insassen der Psychiatrie handeln musste, und da dieser Herr Nicolic kein sehr weit denkender und liebenswürdiger Mann war, beschloss er, mitzuspielen und sich einen Spaß zu machen.

„Klingonen haben gesagt, Lichter an. Ob kommen, ich nix wissen“, rief er von der Kirche herunter. (Auch in Serbien war die Serie „Star Trek“ gelaufen, allerdings in Originalsprache mit serbischen Untertiteln.)
„I glaub', i werd mir des Papierl zum Malen holen“, sagte Franzi. „Fotoapparat hab i net.“ Und damit wandte er sich zurück und stieg den Hang wieder hinunter. Eva folgte ihm.

Franzi war im Pavillon 29 untergebracht. Eva wartete vor dem Eingang auf ihn und Franzi lief seine Farben holen.
Als er mit den Farben wieder auftauchte, sagte er: „I brauch dringend was zum Rauchen!“
Eva hielt ihm die Packung mit den Marlboro vor die Nase.
„Net so was!“, sagte Franzi. „Da wird’s doch irgendwo a Gras geben! Vielleicht unten an der Einfahrt. Da is so a Kiosk. Und der hat aa an Schnaps! Komm, gemma!“
„Da müssen wir no amal da raufsteigen“, meinte Eva sauer. Aber sie ging mit Franzi nach unten.

Unten, an der Einfahrt zum Spitalsgelände, war tatsächlich ein kleiner Holzbau neben dem Tor errichtet und da gab es Blumen, Obst und Süßigkeiten. Ein dicker, glatzköpfiger Mann von etwa 30 Jahren betrieb den Kiosk und Franzi fragte ihn ganz offen: „Hörst, gibts bei dir a Gras zum Rauchen?“
„Lass di' abe![4] “, sagte der Dicke. „Glaubst, i bin deppert, G'schmierter[5] ?“
„Schau i aus wie a G'schmierter, du Pfosten?“, konterte Franzi. „Die G'fraster haben mir mei Gras g'happt[6] . Und i brauchs dringend!“
„Des kannst der Wetti-Tant' unterm Wasser erzähl'n, du Eing'spritzer!“
„Halt di z'ruck, sonst gibt’s Fotzen[7] , du blade Sau![8] I zerleg di wie die zwa Kieberer in Sankt Hanappi!“

Der Dicke vom Kiosk und Franzi standen einander gegenüber, nur getrennt durch die hölzerne Kioskwand unter dem Fenster und sahen einander an, als ob es es demnächst zum Totschlag kommen würde. Eva war sehr unbehaglich zumute. „Lass ihn doch! Der hat an Obstler da, den nehm' ma uns!“ Angesichts der verlockenden Flasche war ihre Aussage zur Schwester Angelika von vorhin natürlich vollständig vergessen. „Geben S' uns an Obstler“, verlangte Eva vom Dicken.
Der griff wie automatisch zu einer der plumpen Literflaschen und reichte sie durchs Fenster. „Siebzehn Euro“, sagte er und nahm von Eva einen Zwanziger entgegen.
„Preise wie im Sacher“, meinte Franzi. Aber die bedrohliche Situation war einigermaßen entschärft. „Verdient si am Schnaps a goldene Nasen und Gras hat er kans, der Verfressene!“
Eva hatte die Flasche mittlerweile geöffnet und goss die Hälfte des Inhalts in sich hinein. Einfach so, ohne abzusetzen. Dann reichte sie die Flasche weiter an Franzi, der bewies, dass er dasselbe Kunststück auch zustande brachte.
Dann stellte Franzi die leere Flasche zurück, rülpste genüsslich und marschierte mit Eva zurück auf das Krankenhausgelände. Der Kioskbetreiber freute sich, dass Eva nicht mehr an die ausständigen drei Euro Wechselgeld gedacht hatte...

Auf dem Weg den Hügel bergauf fragte Eva: „Sag einmal, wie heißt du eigentlich?“ Ihr war eingefallen, dass sie beide den Namen des anderen noch nicht wussten.
„Franzi Buchwieser, bekannt vor allem im Wachzimmer Isbarygasse“, sagte Franzi. „I verdresch' meistens die Schmier von dem Wachzimmer. Die san für Sankt Hanappi zuständig.“
„Brauchst immer a Match zum Verdreschen?“
„Net unbedingt. Aber wenn Rapid spielt, is halt meistens was los. Wie heißt denn du?“
„Eva Gatterbauer“
„Sollt ma Bruderschaft trinken! Und jetzt hab'n ma nix mehr zum saufen. Gehn ma wieder runter zum Bladen?“
„Des war mei letzter Zwanziger“, sagte Eva bedauernd.
„Verflucht! Hast no an Tschick?“
Eva holte ihre Marlboro hervor. „Aa nimmer viel“, sagte sie. Franzi nahm eine Zigarette und zündete sie an. Dann setzten sie etwas torkelnd den Weg bergauf fort. Wie üblich bei echten Alkoholikern hatte der halbe Liter Obstschnaps jeden der beiden völlig besoffen gemacht.

„I geh jetzt rauf zum Ufo-Landeplatz“, sagte Franzi. „Wird eh scho finster. Da werden's bald auftauchen. Kommst mit?“
„Wenn i zur Schwester Angelika komm, wird mir die wahrscheinlich a Schlafpulver geben. I hab ihr nämlich g'sagt, i sauf heut nix mehr. Und die wird den halben Liter sicher bemerken!“
„Na, wenn sie's net merkt, komm halt nach.“
„Mach i, Franzi!“
Sie waren beim Pavillon 16 angelangt. Eva schmiss den Rest ihrer Marlboro ins Gebüsch und verschwand im Gebäude.
Im ersten Stock, auf ihrer Station, lief sie der Schwester genau in die Arme.
„Aha“, sagte Schwester Angelika. „Frau Gatterbauer, i werd sie leider nimmer allein runter lassen können. Hab i mir eh gedacht!“
„Aber da kann i net rauchen!“
„Ja, da haben S' halt Pech g'habt. Aber wer net mit'm Saufen aufhört, muss da bleiben. Legen Sie sich ins Bett und i bring Ihnen a Tabletten.“

Eva war zwar sehr sauer auf die Schwester, gehorchte aber. Sie würde halt später, in der Nacht noch zum Franzi gehen. Vielleicht konnte man da oben bei der Kirche irgendwo im Gebüsch verschwinden. Der Franzi war immerhin gar nicht so übel. Sollte er sie doch einmal kräftig drannehmen...

Aber aus den unter Alkoholeinfluss entstandenen erotischen Fantasien Evas wurde dann nichts. Es kam ganz anders.
Während Eva ins Bett geschickt wurde, stapfte der Franzi den Hügel hoch. Dabei sehnte er sich unbändig nach einem Zug aus einem „Cannabis-Ofen“ und er verfluchte in Gedanken die selbstherrliche Polizei, die ja keine Ahnung von den schönen Dingen im Leben hatte!
So kam er schließlich vor der Kirche und der Gedenkstätte an. Auf der Grasfläche vor den in die Erde gerammten „Leuchtpfosten“ legte er sich auf den Rücken, zündete sich eine seiner billigen, miserablen Zigaretten an und wartete auf die Klingonen. Na, vielleicht hatten ja die was zu rauchen dabei. Es musste ja nicht unbedingt Cannabis sein. Aber irgend etwas hanfartiges musste ja auch auf dem Planeten der Klingonen wachsen! Und auch mit etwas Künstlichem, einer klingonischen Designerdroge, wäre Franzi zufrieden gewesen.

Langsam wurde es dunkel. Slobodan Nicolic erschien wieder auf der Bildfläche, allerdings von der Seite, so dass Franzi ihn nicht sehen konnte. Er hatte vor, nochmals die Beleuchtung der Gedenkstätte zu überprüfen. Jetzt, in der Finsternis, konnte man jede einzelne Leuchte gut ausmachen und Slobodan fürchtete, von seinem Chef zurecht gewiesen zu werden, falls er eine kaputte Leuchte übersehen hatte.

So erstrahlten die leuchtenden Pflöcke plötzlich in einem schimmernden Licht. Franzi war sofort alarmiert und beobachtete angestrengt den Himmel über ihm.
Alle zwei Minuten schreckten ihn die Positionslichter von Verkehrsflugzeugen auf, die vom Funkfeuer Steinhof im Anflug auf Piste 11 am Flughafen Schwechat waren. Aber keines davon machte Anstalten, hier herunter zu kommen und alle entschwanden nach Südosten.

Oben, an der Kirche, stand jetzt der Herr Nicolic und zählte die Lichter der Gedenkstätte. Als er bei 761 angelangt war, sah er drunten den Franzi. Das war doch der Django von heute Nachmittag, dem er von den Klingonen erzählt hatte! Hatte der das wirklich gefressen?
Dann fiel dem Slobodan ein, dass dieser Patient ja aus irgend einem Grund hier sein müsse. Wahrscheinlich hatte er auch früher schon Außerirdische gesehen!
Und Slobodan entschied sich, dem Irren ein eindrucksvolles Schauspiel zu bieten. Aber jetzt wusste er nicht mehr, wie weit er beim Zählen gekommen war!
Da Nicolic - wie er selber meinte - äußerst pflichtbewusst war, zählte er nochmals von vorn, stellte fest, dass alle Lampen leuchteten und begab sich dann in den Keller des Pavillon 56, um sich ein paar Requisiten für sein Schauspiel zu besorgen.

Er fand in dem Abstellraum unter anderem eine Atemmaske, die zur Verabreichung von Betäubungsgas gedacht war und an der noch ein Stück eines Gasschlauches hing, einen gelben Schutzhelm, der bei den letzten Bauarbeiten verwendet worden war und schließlich auch noch eine Spritzpistole, die zum Besprühen von Operationstischen mit Desinfektionsmittel gedient hatte. Es war ganz offensichtlich, dass der Pavillon 56 bereits zum „Pulmologischen Zentrum Wilhelminenberg“ gehörte, der ebenfalls auf diesem Gelände untergebrachten Lungenheilstätte.

Schließlich ergänzte Slobodan seine Ausrüstung noch durch einen grünen Ärztemantel und begab sich wieder hinauf zur Otto-Wagner-Kirche.
Mittlerweile lag Franzi noch immer im Gras und beobachtete den Flugverkehr auf die Runway 11. Und soeben kam ein Austrian Airlines Airbus 321 aus Mallorca, den der diensthabende Anfluglotse von Süden kommend noch vor der ebenfalls anfliegenden British Airways in den Endanflug „hineinquetschen“ konnte. Der Pilot der Austrian kriegte die Anweisung, die Geschwindigkeit zu erhöhen und auf den „final descent“ einzuschwenken. Der Airbus ließ daher seine Triebwerke aufheulen, schwenkte auf Vektor elf und gleichzeitig machte der Kopilot die Landescheinwerfer an.

Den Franzi irritierten die Manöver, die die Crew der Austrian da durchführte und er glaubte wegen der hellen Lichter der Scheinwerfer, dass dieses Luftfahrzeug da oben die erwartete fliegende Untertasse der Gorgonen wäre. Als die Maschine aber den Satzberg überflogen hatte, konnte er die Landescheinwerfer natürlich nicht mehr sehen und es entstand der Eindruck, das Flugzeug wäre plötzlich verschwunden.

Franzi sprang auf. Jetzt musste die Raumscheibe gleich landen!
Oben an der Kirche tauchte plötzlich der „Tschusch“ von heute Nachmittag auf und rief zu Franzi hinunter: „Die Gorgonen! Hinter Kirche gelandet!“ Und dann rannte er, um sich in einem Nebenraum der Otto-Wagner-Kirche in einen Außerirdischen zu verwandeln.
Franzi krabbelte inzwischen auf allen Vieren den Abhang neben der Gedenkstätte zur Kirche hoch, um diese zu umrunden und einen Blick auf das außerirdische Raumfahrzeug werfen zu können.
Und plötzlich stand er einem Gorgonen gegenüber!

Der Mann war grün gekleidet, trug einen gelben Schutzhelm, eine Gesichtsmaske, von der ein Atemschlauch unter seinen Umhang führte und – um Himmel Willen – er war bewaffnet!
Franzi legte den Rückwärtsgang ein und zog sich einige Schritte zurück. Gleichzeitig zog er seinen Zeichenkarton hervor und begann, die Umrisse des Außerirdischen zu skizzieren. Aber dabei zitterte er so, dass die Skizze völlig unbrauchbar wurde.
„Fix Laudon“, schimpfte Franzi. Worauf der Außerirdische einen Satz sagte, den Franzi nicht verstand. Übersetzt hätte der serbische Satz etwa gelautet: „Jetzt machst gleich in die Hose, du bloßfüßiger, stinkender, primitiver Kosoware!“ (Was deutlich zeigt, dass der großserbische Gedanke auch bei Auslandsserben immer noch weit verbreitet ist.)

Da aber der Außerirdische bei seinen Worten gar nicht aggressiv wirkte, fasste sich Franzi ein Herz und sprach ihn an: „Hast du was zum rauchen? Cannabis, Haschisch oder von mir aus Ecstasy? Irgendwas muss' ja auch auf eurem Planeten geben!“
Worauf der „Klingone“ auf serbisch sinngemäß etwa sagte: „Du miserabler Giftler, verzieh dich!“
Obwohl Franzi wiederum kein Wort verstand, interpretierte er den Sinn der Sache richtig. Offenbar weigerte sich der Alien ihm was zu rauchen zu geben.

Franzi fand, dass das nicht gerade die feine, englische Art wäre und er wurde etwas deutlicher: „Du Neidhammel! Net amal ein' einzigen Ofen ruckst du raus? Du, i hab in Sankt Hanappi schon ganze Massen von G'sibergern[9] zerlegt! Und i zerleg ein' herg'laufenen Außerirdischen aa leicht! Du hast es mit an Rapidler z' tun!“
Der Klingone sagte drauf sinngemäß etwa: „Halt die blöde Schnauze!“ Aber sein etwas selbstgefälliger Tonfall weckte in Franzi den Hooligan. Er kündigte nur an: „Jetzt spiel'ns aber Granada!“ und ging zum Angriff über.

Als erstes eroberte Franzi die Waffe des Klingonen. Er richtete die Spritzpistole auf den Gegner und drückte einfach ab.
Worauf selbstverständlich überhaupt nichts geschah. Der Außerirdische begann daraufhin um sich zu treten und traf Franzi am Schienbein, worauf dieser aufheulte und sich „in den Talon“ legte. Der Nicolic-Klingone warf sich auf den auf dem Boden liegenden Gegner und biss ihn in die Nase.
Franzi bekam eine intensiv nach Knoblauch riechende Ladung ausgeatmeter Luft in die Lungen, hatte doch der falsche Klingone heute Mittag eine intensiv gewürzte, gewaltige Portion der „Hundstrümmerl mit Zwiebel“, also der Cevapcici verdrückt, was Franzi zu dem Schluss kommen ließ, dass auf dem Klingonenplaneten Einflüsse vom Balkan vorherrschend wären.
Er schlug dem Außerirdischen die Faust auf den Kopf, riss den Atemschlauch aus seiner Gesichtsmaske und begann damit, den Alien mit dem Plastikschlauch zu verprügeln. Der Klingone stieß sein Knie in Franzis Bauch und fing an, das Gesicht vor ihm mit Inbrunst „abzuwatschen“. Allerdings musste der Klingone jetzt die irdische Luft einatmen, was ihm aber keinerlei Probleme zu bereiten schien.

Die interplanetarische Balgerei zwischen den Kontrahenten dauerte noch einige Minuten und Franzis Backen waren mittlerweile rot gefärbt, da griff eine Gruppe von Krankenpflegern und Ärzten in den Kampf ein. Die Menschen in den Pavillons, die am nächsten zur Otto-Wagner-Kirche standen, hatten die hier stattfindende Schlacht bemerkt und folgerichtig zur Trennung der beiden Kontrahenten eine Eingreiftruppe zusammen gestellt.

Der Klingone wurde von Franzi los gerissen – und galoppierte daraufhin zu seinem Basislager in der Kirche, wo er sich blitzartig in den Slobodan Nicolic zurück verwandelte.
Sehr beeinträchtigt von den soeben erhaltenen Watschen als auch vom vorhin konsumierten Obstler erhob sich Franzi schwerfällig und rief seinen Rettern zu: „UFO ist hinter der Kirchen gelandet!“. Darauf machte er sich in höchster Eile auf den Weg um die Kirche herum.

Die mobile Eingreiftruppe, die ihn gerade aus den Fängen des Klingonen gerettet hatte, folgte natürlich sofort und einer der Krankenpfleger bereitete eine Zwangsjacke vor. Hinter der Kirche fanden sie den Franzi, der entgeistert auf die leere Rasenfläche starrte. „San scho in d' Blüah gangen[10] “, erklärte der Franzi seinen Verfolgern, als diese eintrafen.

Jetzt wurde der Franzi in die Zwangsjacke gesteckt und Oberarzt Dr. Sulzbacher redete beruhigend auf ihn ein. Und der Franzi erzählte von seiner Begegnung mit einem Außerirdischen und dass er von diesem eine anständige Tracht Prügel bezogen hätte. Nicht umsonst gelten die Klingonen bei der Besatzung des Raumkreuzers Enterprise als gefährlich!
Dann drängte Franzi danach, auf seine Station zu kommen. Er wollte den Alien zeichnen, als Beweis, dass dieser tatsächlich hier oben am Limoniberg gelandet war. Doktor Sulzbacher hatte nichts dagegen und Franzi wurde in seinen Pavillon gebracht.
Unter Aufsicht eines kräftigen Krankenpflegers wurde ihm die Zwangsjacke abgenommen und Franzi wurde umgehend auf dem Gang seiner Station künstlerisch tätig.

Auf dem Zeichenkarton entstand ein Monster mit vier Armen, einem Atmungsschlauch statt der Nase und mehreren Waffen, die das entsetzliche Geschöpf in dreien seiner vier Hände trug. Nichts an der Zeichnung deutete auf den Slobodan Nicolic hin, folglich fiel auch kein Verdacht auf den Hausmeister.
Doktor Sulzbacher kam zu dem Ergebnis, dass Franzi ein treffendes Bild seiner irren Halluzination angefertigt habe – und die Zeichnung kam zu Franzis Krankengeschichte.

Schließlich bekam der Franzi dann noch etwas. Zwar nichts zu rauchen, aber immerhin etwas zum Einwerfen. Nach einer Tablette Rohypnol schlief der Franzi dann traumlos durch bis 6 Uhr früh.

Bereits kurz vor sieben Uhr suchte er im Pavillon 16 seine neue Bekannte Eva auf. Auch diese hatte eine sehr ruhige Nacht hinter sich und hatte an diesem Morgen tatsächlich keinerlei Gelüste mehr nach Alkohol. Sie war aber sehr gespannt, was die Abenteuer des Franzi mit den Außerirdischen betraf.
Franzi berichtete ausführlich über die Gefahr, in die er beim Kontakt mit dem sechsarmigen Klingonen geraten war und skizzierte den Weltraumknaben nochmals, diesmal aber mit zwei Armen mehr als in der Skizze für Doktor Sulzbacher.

An diesem Tag blieb Eva stocknüchtern und Franzi kriegte von seinem Besuch am Mittag eine kleine Menge Gras, was ihm über die nächsten Tage hinweghalf.
Die Skizze des Franzi blieb vorerst bei Eva, diese gab sie aber schließlich weiter und über mehrere Zwischenstufen landete die Zeichnung schließlich bei einer Gruppe von Ufologen, wo sie eine bemerkenswerte Verehrung genießt. Und an diesem Abend verschwanden doch tatsächlich Eva und ihr Franzi in einem Gebüsch oben in der Nähe der Otto-Wagner-Kirche.

So blieb die Sache mit dem Besuch Außerirdischer im Gebiet von Steinhof eigentlich ohne Folgen, wenn man von dem Bild, das die Ufologen besitzen, absieht. Und auch das hat die Forschung über unbekannte Flugobjekte nicht wesentlich weiter gebracht.
Und was die Zukunft unserer beiden Patienten betrifft, besteht leider keinerlei Aussicht auf Besserung. Da müsste schon ein Wunder geschehen.
Aber auch das soll es ja mitunter geben.

Anmerkungen
[1] Fälschlich Bezeichnung für ein Irrenhaus. Der "Guglhupf" war der Narrenturm im alten Allgemeinen Krankenhaus ab 1782
[2] Polizist
[3] Hanappi Stadion am Rapid-Platz
[4] Verschwinde!
[5] Polizist
[6] abgenommen
[7] Ohrfeigen
[8] Fette (von "gebläht")
[9] Bezeichnung für einen Vorarlberger
[10] Sind schon fort - eigentlich: Haben sich zwischen den Blüten verloren

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