KunstGeschichten

KunstGeschichte: Zweite Generation

Melanie Taussig ist ein sehr emotionaler Mensch: Weinen kann sie quasi auf Knopfdruck. Mit diesem Talent macht sie sich in kleinen Bühnen- und Fernsehrollen einen Namen. Papa Taussig, ein bekannter Maler, schüttelt darüber nur den Kopf. Er hätte es lieber gesehen, wenn Melanie in seine Fußstapfen getreten wäre. Dieser Wunsch erfüllt sich überraschenderweise durch die Bekanntschaft seiner Tochter mit einem jungen Musiker.

Maximilian Taussigs Vorfahren waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg aus der Bukowina nach Wien gekommen, wo den Taussigs der Nationalsozialismus in den ersten Jahrzehnten erhebliche Probleme bereitete. Großvater Taussig entging dem KZ Theresienstadt dadurch, dass ihn ein SS-Mann im Keller des Hauses Taborstraße 49 versteckte und nach dem Krieg konnte er rasch einen größeren Textilhandel aufbauen. Sein Sohn studierte Malerei und schaffte eine Karriere beim Rundfunk.

Es mag seltsam anmuten, dass Sohn Maximilian beim Rundfunk mit Malerei Karriere machte, aber seine Ölbilder nahmen immer die aktuelle politische Situation aufs Korn und über die Gemälde wurde wöchentlich im Rundfunk berichtet. Worauf sie ganz besondere Verkaufspreise erzielten.

Die Taussigs hatten schon immer großes Glück im Leben gehabt. Immer, wenn es dramatisch wurde, gab es irgendeinen Helfer (siehe den SS-Mann in der Leopoldstadt) und schon ging es wieder ganz gut weiter.

Und dann, 1985, bekam Maximilian Taussig eine Tochter. Diese Melanie Taussig entwickelte sich zu einem Prachtmädchen. Mit kohlschwarzem, langem Haar sah sie einer osteuropäischen Zigeunerin ähnlich und sie verfügte auch über ein bemerkenswertes Talent. Zu jeder Zeit konnte sie die größte Verzweiflung mimen. Die Tränen liefen ihr nur so übers Gesicht, wenn sie in der Volksschule einmal keinen „Einser“ bekam. Und die Volksschullehrerin fürchtete ihre Verzweiflungsausbrüche derart, dass die kleine Melanie nur die allerbesten Noten erhielt – was Maximilian Taussig in der Überzeugung bestärkte, seine Tochter wäre ganz einfach ein Genie.
Und um ihr ein standesgemäßes Einkommen zu sichern, entschied Maximilian, seine Melanie müsse in seine Fußstapfen als Malerin treten!

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Das kam bei ihr allerdings gar nicht gut an. Melanie wollte Karriere auf der Bühne machen. Wenn sie schon so wunderbar auf Knopfdruck verzweifelt heulen konnte, musste man das ja ausnützen. Na ja, Fernsehen würde zur Not auch gehen, oder ein Film. Aber da in Österreich die Filmindustrie praktisch nicht präsent ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen), wäre eben die Bühne ideal.

Als Melanie 15 geworden war, begann Maximilian Taussig, seine Tochter zu unterrichten. Diese begann, sich nach Rollen umzusehen und pfiff auf den Malunterricht ihres Vaters. Es gab zu Dutzenden tränenreiche Verzweiflungsausbrüche, wenn Papa Taussig ihr zu erklären versuchte, wie man eine menschliche Gestalt zu Papier brachte.

„Papa, ich will zur Bühne! I hust' auf deine blöden Figuren auf'm Papier! Verschaff mir a Roll'n beim Burgtheater und lass mi mit dem Blödsinn in Ruh'!“
„Melanie, du musst das lernen! Du kannst ja dann mit meinen Bilder weitermachen und kommst halt so ins Fernsehen! Hauptsach', du wirst prominent!“
„Ich will aber ans Burgtheater!“
„Du klane Idiotin! Was hast denn schon davon? Is a Kasperltheater wie alle anderen!“
„Nein! Das Burgtheater is was Besseres!“
„Na, dann schau halt, wie du da rein kommst! I mach nix dafür! Und du lern' zeichnen!“
Melanie lernte es nicht. Aber sie hatte anderweitig Glück.

Eine Schulkameradin lud sie ein, bei einem Beach-Volleyball-Turnier im Kongressbad teilzunehmen. Und Melanie sagte zu. Sie war körperlich ziemlich fit und das Herumhopsen auf dem Sand des Platzes schien ihr kein Problem zu sein. Die beiden Mädchen traten ohne irgendwelche Vorbereitungen und gänzlich ohne Training an. Es handelte sich nur um eine Veranstaltung des Bezirkes Ottakring und die Zuschauerzahl hielt sich in Grenzen.

Melanie Taussig und Astrid Wildenhofer machten im Bikini eine ausgezeichnete Figur. Das fiel Marcel Vogel auf, einem der wenigen Zuschauer, der von einem der Wiener Privatfernsehsender kam. Marcel moderierte eine Talenteshow, die junge Leute vorstellte, die behaupteten, singen zu können oder sonstige Qualitäten aufzuweisen. Diese Shows sind heute in beinahe jedem Sender ein Dauerbrenner und bei unserem war es nicht anders.

Marcel fiel in erster Linie Astrid auf, die in ihrem knallroten Bikini einen erstklassigen Eindruck auf den jungen Mann machte. Nachdem das Duo Melanie/Astrid gegen ein Geschwisterpaar mit ägyptischen Wurzeln sang- und klanglos untergegangen war, machte er sich folglich an sie heran: „Gnädiges Fräulein, haben Sie schon einmal dran gedacht, sich bei 'Showchance' zu bewerben?“
Astrid lachte: „Als was denn? Als Beach-Volleyball-Verliererin?“
„Na, irgendwas werden Sie ja können! Singen zum Beispiel!“
„I bin völlig unmusikalisch! Aber die Melanie kann was! Die kann auf Zuruf völlig verzweifelt losheulen! Da glaubt man, sie bringt sich demnächst um!“
„Na, da lasst sich ja a Nummer draus machen! Kommts ihr zwei zu mir ins Studio? Ich mach da schon was draus!“

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So war's dann auch. Marcel hatte ja alles zur Verfügung: Drehbuchautoren, Texter, und auch so etwas, was man heute „Komponist“ nennt. Ein solcher nahm zwei Töne im Abstand einer Quart und ein extra lautes Schlagzeug dazu und schrieb einen Rap, dessen Text sich um eine fatale Liebesbeziehung drehte. Den Rap sollte Astrid singen und Melanie dazu die Verzweiflung interpretieren.

Nach einer halben Stunde Probe hatte erstere dann tatsächlich die beiden Noten intus und brachte den Rap halbwegs ins Mikrofon. Die Elektrogitarren verzerrten die Gesangstöne derart, dass es sogar ganz schräg und halbwegs gut klang. Und Melanie zog eine Show der abgrundtiefen Trauer ab. Beinahe hätte man auf dem Bildschirm einen Scheibenwischer benötigt, so viele Tränen vergoss sie!

Die Show kam beim Publikum an. Was beweist, dass es heutzutage dem Fernsehzuschauer in erster Linie um Tragik geht. Die Krimis haben sich zu Geschichten gewandelt, die in Prosekturen und Leichenschauhäusern spielen – und der Klientel für Rock- und Rapmusik geht es auch vor allem um Tränen und Verzweiflung. Schöne, neue Fernsehwelt!

Mehrere hunderttausend Klicks bei Youtube waren die Folge und Astrid bastelte bereits an ihrer Karriere als neue Rapperin. Nur Melanie blieb die stille Heulsuse und fand weiter keine Beachtung. Das Burgtheater meldete sich nicht bei ihr. Dafür aber ein anderes. Die Bühne Breitensee hatte ein relativ neues „Rührstück“ ins Programm genommen. „Der Förster vom schwarzen Wald“ war ein Drama um einen Förster, der einem Wilderer verfallen war und der Pfarrer weigerte sich, die beiden zu trauen. Und da gab es auch eine gewisse „Jessica“, die ebenfalls dem Förster zugetan war, aber gegen dessen Homosexualität nicht ankam. Diese Jessica hatte einen ganzen Haufen Verführungsszenen zu absolvieren, wobei sie aber jedes Mal am Ende Rotz und Wasser heulen musste, weil der Förster ihren Reizen immer widerstand und stattdessen seinen warmen Geliebten vorzog. Ein durch und durch tragisches Stück! So richtig nach dem Geschmack eines modernen Publikums!

Melanie unterzog sich also der Tortur, den Text zu lernen. Aber da dieser hauptsächlich in Jammern bestand, machten auch ein paar „Hänger“ nicht so viel aus, die konnte man durch Tränen wett machen – und der Rest bestand aus Liebesschwüren, die auch relativ austauschbar waren. Mit einigen Anpassungen meisterte sie ihn. Und da sie bei der Aufführung nicht nur durch ihre Schmerzausbrüche beeindruckte, sonder auch die Liebesszenen ansprechend gestaltete, unternahm ihr Mentor Marcel, der Freikarten zur Premiere erhalten hatte (und sich ja eigentlich mehr für Astrid interessierte), einen Vorstoß bei seinem Sender.

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Melanie bekam eine tragende Rolle in einer sogenannten Doku–Soap und vergoss ihre Tränen eindrucksvoll im gesamten Sendegebiet und sogar ein wenig darüber hinaus, weil die Sache im Kabelfernsehen lief.

Es war höchste Zeit, sich einen Künstlernamen anzuschaffen! Melanie entschied sich für „Melanie Blüte“.

Am Abend der Erstausstrahlung fand in den Räumen des Fernsehsenders so etwas wie eine Premierenfeier statt. Der Produzent und der Regisseur waren anwesend und auch der Drehbuchautor, ein gewisser Edmund Havlicek. Dieser hatte eine ganz alltägliche Geschichte mit einigen Höhepunkten versehen und tatsächlich so etwas wie eine Dokumentation daraus gemacht, in der Melanie eine Menge mitmachen musste und entsprechend zu Weinen hatte.

Diese kam mit dem Drehbuchschreiber ins Gespräch und mit der Zeit erzählte sie ihm von ihren Plänen und den Träumen ihres Vaters. Der alte Havlicek (er war bereits über das Pensionsalter hinaus) war offenbar ein sehr erfahrener Mann. Denn er lobte Melanie für ihre Konsequenz bei der Umsetzung ihrer Theaterpläne, brachte aber auch Kritik an, weil sie sich nicht mit der Malerei befassen wollte.

„Die zweite Generation hat doch a g'mahte Wies'n“, erklärte er. „Die Leut' geh'n davon aus, dass die zweite Generation die Talente von ein' Prominenten der ersten Generation geerbt hat. Na, manchmal kann das ja stimmen, aber meistens net. Wenn a Sohn nach'm Vater g'ratet, dann war des meistens die Gewohnheit, weil ja der Sohn dem Papa nacheifert und schon früh selber auch was machen will. Und im Endeffekt übernimmt der Sohn halt die gleiche Beschäftigung. Und der Papa schiebt hinten an, dann wird das schon was. Aber, Melanie, wenn du schon so ein' Vater hast, dann mach was draus! Lern' a bissel Malen, schön muss's ja net sein, du hast ja das Talent vom Papa! Das kann ausschau'n wie's will, es is auf alle Fälle gut! Sei net blöd, Madel, und mal a bissel! Wer weiß, zu was d' das no brauchen kannst!“

Nun, Melanie war ganz bestimmt nicht blöd. Und weil man nie wissen konnte, was einmal wäre, begann Melanie tatsächlich, sich ein wenig mit dem Zeichnen zu beschäftigen. Allerdings nur ein klein wenig. Sie begann damit, sich weinend im Spiegel zu fotografieren und dann zu versuchen, ihr Gesicht abzuzeichnen. Nach einigen völligen Fehlversuchen gelang das sogar in einigen Fällen. Papa Taussig war sehr angetan! Und jetzt, da die Melanie ja ihre Bereitschaft zum Malen bewiesen hatte, „schob“ Vater Taussig auch ein bisserl bei der Presse an. Eine Tageszeitung brachte eine Kritik an der „Dokumentation“ des Fernsehsenders und vergaß nicht, zu erwähnen, dass die so herzzerreißend Leidende und Weinende die Tochter des Malers Maximilian Taussig wäre. Das war also Melanies erste gute Kritik.

Die zweite Fernsehrolle ließ nicht lang auf sich warten. Der ORF verpflichtete Melanie Blüte zu einer Folge einer Serie mit Christiane Hörbiger, in der die „Tränenblüte“ wieder einen ganzen Teich voll Wasser aus den Augen rinnen ließ. Das Publikum war begeistert. Und dann, sie war gerade 18 geworden, wurde Melanie Jurymitglied. Es handelte sich wieder einmal um einen der so beliebten Nachwuchswettbewerbe des Marcel Vogel, aber die Prominentenliste des Senders war bereits etwas erschöpft. Und Dieter Bohlen war einfach nicht zu kriegen. Es musste also ein neues Gesicht her. Nun, das Gesicht der Melanie war ja recht ansprechend. Sie sah zwar immer ein wenig „verweint“ aus, aber das hatte sicher damit zu tun, dass man sie ganz einfach nur heulend kannte und ihr Gesicht mit Schmerzausbrüchen gleichsetzte.

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Da der Privatsender nicht über einen eigenen größeren Saal verfügte, fand die Show im Metropol statt, einem Lokal im siebzehnten Bezirk, das vor vielen Jahren einmal ein Lebensmittelhandel und nachher eine Gaststätte gewesen war.

Einer der Kandidaten, die an dem Wettbewerb teilnahmen, war ein gewisser Dominik Großkopf, seines Zeichens Pianist. Dieser Dominik war ein Unikum. Er pfiff nämlich auf die gesamte Rock- und Popmusik und hatte sich den alten Meistern verschrieben. Und der Sender nahm ihn ins Programm, weil man sich erstens ein wenig von DSDS unterscheiden wollte – und zweitens eigentlich gar keinen Superstar suchte. Da konnte also ruhig einer die „alten Deppen“ auf dem Klavier spielen, er würde ja ohnehin rasch rausfliegen.

Das tat Dominik überraschenderweise nicht! Bei seinem ersten Auftritt spielte er den langsamen Satz aus Beethovens Mondscheinsonate – und zwar durchaus werkgetreu und mit einigem an gespielter Emotion. Die Jurorin Melanie war hingerissen! Sie hatte natürlich keinerlei Ahnung von ernster Musik. Aber die getragenen, zerlegten Dreiklänge in dem Satz berührten sie doch einigermaßen. Überdies war es auch wahrscheinlich der Überraschungseffekt, die plötzliche Erkenntnis, dass auch die Komponisten vor zweihundert Jahren erstaunlich gute Musik machen konnten.

Die anderen Juroren machten Dominik „zur Schnecke“. Na ja, wenn jemandem Musik aus der Steinzeit gefalle, könne er ja seinen Spaß dran haben. Jedenfalls habe das alles mit „Musik“ gar nichts zu tun! Sterbenslangweilig!

Dem widersprach Melanie. Und zwar vehement! Das wäre doch großartig gewesen! Wenn sie gewusst hätte, dass der alte Herr Beethoven solche Melodien geschrieben hat, hätte sie sich schon bisher etwas von dem alten Knacker angehört! Sie habe Mühe gehabt, die Tränen zurückzuhalten (was Buhrufe im Publikum auslöste – man sah sie schließlich so gerne weinen). Schließlich verdrückte Melanie doch noch ein paar Krokodilstränen – und Dominik war eine Runde weiter.

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Nach der Show hatte Dominik soviel Anstand, sich mit ausgesuchter Höflichkeit bei Melanie zu bedanken. Ihm war jedenfalls klar, dass er ohne ihre Tränen aus dem Wettbewerb geflogen wäre. „Banausen, diese Fernsehfritzen! Beethoven sterbenslangweilig! Haben nicht alle Tassen im Schrank! Dabei ist Beethoven der Allergrößte! Neben Mozart vielleicht. Den spiel' ich auch recht gern! Darf ich Ihnen einmal was vorspielen?“

Melanie hatte nur den allerbesten Eindruck von dem Herrn Großkopf. Deshalb sagte sie ihm zu, ihn einmal in seiner Wohnung zu besuchen und sich ein paar Musikstücke anzuhören.
Vier Tage später war es so weit. Melanie begab sich in Dominiks Altbauwohnung im siebenten Bezirk. Dominik bewohnte ein größeres Appartement, das von einem gewaltigen Wohnzimmer dominiert war. Hier stand der Bösendorfer Flügel und hier stand auch eine Staffelei.

„Mein zweites Hobby“, sagte Dominik. „Zu den Melodien fallen mir meistens Bilder ein. Erst spiele ich – und dann wird das gemalt. Soll ich's Ihnen einmal vormachen?“
„Das wär' schön“, sagte Melanie.
Dominik setzte sich an den Flügel und spielte zunächst eine Sonate von Mozart. Und zwar der Einfachheit halber die Sonate Nr. 16 in C-Dur, die Sonata facile. Melanie war zunächst einmal sehr überrascht über die Einfachheit der Melodie und sie dachte an Dominiks Mitteilung, bei der Musik Bilder zu sehen. Natürlich fragte sie sich, wie so etwas möglich sein könnte.

Und plötzlich sah sie die Bilder! Etwas sehr Seltsames, ungefähr wie der Zeiger einer Uhr, bewegte sich mit der Melodie auf und ab und zeichnete eine violette Kurve auf weißen Untergrund. Und die Bässe, von Mozart sparsam gesetzt, bewirkten eine zweite Kurve in dunkler Farbe, die die erste, violette, ergänzte. Manchmal verschlangen sich die beiden Kurven und formten kunstvolle Knoten, die in allen erdenklichen Farben erstrahlten.

Da stand ja Dominiks Staffelei! Melanie fragte ihn einfach, ob sie die Staffelei benutzen dürfe. Der Dominik sagte natürlich ja und im nächsten Moment saß sie vor der Leinwand und pinselte die violette Kurve. Dominik sah ihr interessiert zu, spielte aber weiter die 16. Sonate. Und Melanie malte wie besessen. Als das Stück zu Ende war, bat sie ihn, noch einmal zu spielen. Und Dominik begann noch einmal von vorn. Die ganze Angelegenheit dauerte etwa 15 Minuten. Dominik hatte mit wachsendem Erstaunen zugesehen, wie Melanie das Bild zustande gebracht hatte. Dieses Mädel konnte tatsächlich Töne in Bilder umsetzen! Und zwar wesentlich besser, als es der Dominik je gekonnt hätte! Dominik drückte ihr seine Hochachtung aus und lobte das Gemälde über den grünen Klee, was bei Melanie ein Hochgefühl auslöste. Also war das mit Vaters Malerei doch kein so riesiger Unsinn! Sie konnte anscheinend wirklich was!

Wie es bei jungen Leuten so üblich ist, drehte sich das weitere Gespräch von Melanie und Dominik erst um ernsthafte Themen, wie das Verhältnis von Musik zur Malerei, dann um Kunst im Allgemeinen und schließlich kam es zum Austausch von Zärtlichkeiten.

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Melanie hatte an diesem Nachmittag drei wichtige Dinge erfahren:
Erstens: Die ernste Musik ist gar nicht so ernst, sondern nur sehr emotional.
Zweitens: Sie war in der Lage, unter dem Einfluss von Musik ganz ansprechende Bilder zu malen.
Und drittens: Der Dominik Großkopf war ein äußerst netter und sympathischer Kerl.

Natürlich folgten daraus Konsequenzen. Zunächst besorgte sich Melanie ein paar CDs mit Klaviermusik von Mozart und Haydn. Der Dominik hatte ihr diese beiden Komponisten zum Einstieg in die ernste Musik empfohlen. Sie fand Gefallen daran. Nach kurzer Zeit folgten die Haydn-Streichquartette und die Klavierkonzerte von Mozart.

Ganze Nachmittage saß Melanie nun vor ihrer eigenen Staffelei und malte all die Musik, die sie sich anhörte. Es wurden beeindruckende Gemälde! Und außerdem besuchte sie nun regelmäßig Dominik. Es wurden Hausmusikabende, die vor allem Melanie mit großer Freude genoss. Zumal so ein Abend immer mit Zärtlichkeiten endete. Und diese Zärtlichkeiten wurden immer intensiver!

Etwa zwei Wochen nach Melanies erster Erfahrung mit klassischer Musik traf sie am Abend wieder einmal den alten Edmund Havlicek. Es ging um ein neues Drehbuch, diesmal einen Krimi (so was wollen die Leute eben immer wieder sehen). Und der alte Edmund legte Wert darauf, dass Melanie am Drehbuch etwas mitreden sollte. Das tat sie auch in erstaunlich hohem Maß (sie wollte zum Beispiel entführt werden, damit sie möglichst gute Gründe hatte, den Bildschirm nass zu heulen), sie berichtete aber auch von ihrer Erfahrung mit Dominik Großkopf und der klassischen Musik.

„Gratuliere, Madel, langsam wird was aus dir!“, kommentierte Havlicek. „Besonders, dass d' die Musik in der Malerei umsetzt, is a gute Idee! Da wird dein Papa sicher bald a Ausstellung organisieren. Sag's mir, wenn's so weit is – da komm i natürlich! Und von dem Pianisten lass dir ka Kind anhängen! Es wär' schad um dich! Jetzt musst d' einmal im Job was weiter bringen!“
„Na, wenn schon! Job geht später auch noch!“
„Da täuschst dich, Madel! Alles im Leben hat seine Zeit! Das Leben selber is eh so kurz! Schau, jetzt hab i grad' erst maturiert – und schon bin i über siebzig! Das ganze Leben war ja nur a Huscher – und jetzt is's bald aus. So, wie bei ein' jeden! Tot sein is die natürlichste Sache auf der Welt! Die meisten Leut' san die meiste Zeit lang tot. Oder no' gar net auf der Welt. Und glaub mir, tot sein, das is gar net so schlecht! Aber du kannst nur z'frieden sein mit dein' Leben, wennst es richtig g'macht hast. Du hast doch alle Voraussetzungen dafür! Dein Papa macht was mit der Malerei, du selber machst was mit'm Platzen[1] am Bildschirm und alles schaut so aus, als ob du schön prominent werden wirst! Also mach jetzt einmal weiter – und über ein' Pamperletsch[2] denkst später nach!“

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Der Havlicek hatte so etwas Ernsthaftes, Überlegtes an sich. Melanie wurde tatsächlich ein wenig nachdenklich. Na, würde sie eben die Pille schlucken. Das kündigte sie auch ihrem väterlichen Freund an. Der tätschelte ihr die Hand und sagte: „Na, siehst! Geht doch alles! Also, wer soll dich entführen? Da bietet sich der Gruber an, der hat ja auch die Halsketten g'stohlen!“
Ja, der Verbrecher Gruber wäre ideal, meinte Melanie. Der könne sie auch ruhig ein bisserl foltern, da könne sie noch mehr heulen!
„Hörst, i heiß Havlicek und net Stephen King! Aber wenn du das unbedingt willst, a bisserl kann man das schon machen.“

Die Unterredung war also im Großen und Ganzen recht erfolgreich. Die neue Show nahm Gestalt an. Die Hausmusikabende behielt Melanie natürlich bei. Und jedes Mal gab es hinterher eine „Coda“ in Dominiks Bett. Aber Melanie schluckte brav ihre Pille und die Sache hatte keine Folgen.

Dann kam die zweite Runde in Dominiks Nachwuchswettbewerb. Diesmal trat er sogar mit einem kleinen Orchester auf und spielte den zweiten Satz aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 20. in D-Moll. Melanie war einfach hingerissen! Insbesondere die Durchführung mit ihren langen Soloparts des Klaviers taten es ihr an! Sie fühlte sich beinahe an Jazz erinnert, obwohl Mozart folgerichtig die Tonart G-Moll dafür gewählt hatte, was zur Haupttonart des Satzes (B-Dur) einen starken Bezug besaß. Besonders beeindruckt war sie, weil Dominik alles auswendig spielte, obwohl die raschen Arpeggien eine ganze Menge an Tönen enthielten!

Erstaunlicherweise blieb der Erfolg beim Publikum aus. Mozart gilt eben heutzutage als langweilig, da ändert die aufwühlende Musik gar nichts daran! Die Stille im Auditorium brachte Melanie dazu, etwas zu sagen: „Dass dem Herrn Mozart schon lang kein Bein mehr weh tut, ändert doch nix an der Tatsache, dass seine Musik großartig ist. Beim Michael Jackson ist das doch genauso! Und der wird immer noch im Radio g'spielt! I frag mich, warum die Leut' den Mozart net mögen. Na gut, der Herr is seit mehr als zweihundert Jahren tot. Aber das macht doch nix! Sterben muss a jeder und Millionen von Leut' san schon tot. Manche sogar schon recht lang.“ Im Publikum war vereinzelt Applaus zu hören, was aber nichts nützte. Dominik flog in hohem Bogen aus dem Wettbewerb. Die Anrufer aus dem Fernsehpublikum hatten nicht für den Pianisten gestimmt. Das machte aber gar nichts aus. Zwei Monate später trat dieser im Festspielhaus Sankt Pölten mit den Niederösterreichischen Tonkünstlern auf und spielte mit gutem Erfolg das Klavierkonzert Nr. 2 in C-Moll von Sergej Rachmaninow.

Folgerichtig ging es weiter und Melanie schien das Glück gepachtet zu haben. Bald nach der Erstausstrahlung ihres Krimis veranstaltete ihr Vater eine Ausstellung der Bilder, die sie unter dem Einfluss der Musik gemalt hatte. Es waren ausschließlich abstrakte Werke, die Melanie nach dem Musikstück benannt hatte, das den Gemälden zugrunde lag. Da gab es etwa die Bilder „Anton Bruckners 7. Symphonie“ und „Pjotr Iljitsch Tschaikowskys 6. Symphonie“ und die beiden waren ganze Kollagen von abstrakten Formen, wobei in der 6. Tschaikowsky die dunklen Farben des letzten Satzes dominierten. Weiters gab es da helle, farbenfrohe Mozart-Konzerte, dunkle, schwermütige Schubert–Lieder und Johann Sebastian Bach war mit komplizierten Kurven vertreten. Die gesamte Ausstellung war wirklich ansprechend gestaltet. Die Tagespresse nahm auch Stellung und es gab einige sehr positive Kritiken, wobei Vater Maximilian Taussig gar nicht so viel Einfluss nehmen musste. Eines war den gesamten Zeitungsartikeln gemeinsam: In allen wurde Bezug genommen auf die „tragische Schauspielerin“ und „Tochter des Maximilian Taussig“, die nun „ihre wahre Bestimmung gefunden zu haben schien“.

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Für ihre nächste Rolle in den Kammerspielen hatte Melanie viel Text zu lernen, obwohl sie bereits im zweiten Akt umgebracht wurde. Aber allein der erste Akt hatte es in sich! Melanie hasste es, Texte zu lernen! Aber das ist halt das Schicksal von Schauspielern! Langsam begann sie daran zu denken, sich tatsächlich mehr auf das Malen zu verlegen. Die Gemälde der ersten Ausstellung waren alle schon verkauft. Sogar zu einem sehr guten Preis! Die Sache mit der zweiten Generation schien tatsächlich lukrativ zu sein.

Melanie begann, eine neue Serie von Gemälden anzufertigen. Sogar nach der Premiere in den Kammerspielen malte sie am „Requiem“ von Mozart. Nun, sie war ja eben getötet worden, da passte das Requiem recht gut dazu! Papa Taussig war selig! Seine Tochter hatte sich doch tatsächlich zu einer Malerin gemausert! Dass sie sich auch auf den Bühnen Wiens herumtrieb, betrachtete er als ihr Hobby. Na, sollte sie doch! Das war besser, als mit Mannsbildern herumzufliegen!

Nein. Sie flog nicht mit Mannsbildern herum. Nur mit dem Dominik verband sie eine tiefe Beziehung, die aber vielleicht in erster Linie auf der Musik basierte. Und dann tauchte Dominik Großkopf eines Tages bei Maximilian Taussig auf und hielt um die Hand seiner Tochter an. Und er brachte eines seiner Bilder mit, eine Orgelkantate von Bach. Mit dem konnte Papa Taussig zwar nicht viel anfangen, da er erstens die Orgelkantate nicht kannte und zweitens die abstrakten Formen von Dominiks Bild überhaupt nicht goutierte, aber er verstand doch, was Dominik damit ausdrücken wollte.

Ja, und jetzt sind wir schon in der Gegenwart angekommen. Das Ehepaar Großkopf hat ein reichhaltiges Künstlerleben aufgebaut. Dominik Großkopf gibt Konzerte und malt, seine Frau Melanie setzt sowohl die Theater als auch die Bildschirme unter Wasser und malt ebenfalls.
Nur erzielen die Gemälde der Melanie die besseren Preise!
Na ja, die Taussigs hatten schon immer viel Glück im Leben. Und das scheint auch in Zukunft so zu bleiben, auch wenn es sich jetzt um die „Großköpfe“ handelt.

Anmerkungen

[1] weinen
[2] Kind (vom italenischen bamboleccio)