KunstGeschichten

KunstGeschichte: Zwillinge

Einen Doppelgänger zu haben führt nicht nur bei Prominenten und ihren Doubles zu mancher Verwirrung. Auch in seiner neuen KunstGeschichte geht Erich Wurth der Frage nach: Was ist Ich und was ist Du?

Das AKH, das Allgemeine Krankenhaus in Wien, ist die größte Klinik Europas und gemeinsam mit dem Chris Hani Baragwanath Hospital in Südafrika auch das größte Krankenhaus der Erde. Ein direkter Vergleich der beiden Spitäler ist schwierig, so dass beide als größte Klinik der Welt gelten. Das AKH wurde 1991 eröffnet und verfügt neben 51 Operationssälen in seinen beiden Bettentürmen auf je 22 Geschoßen über 2.199 Krankenbetten. Das Personal umfasst etwa 8.900 Personen, davon 1.400 Ärzte - und die beiden riesigen, etwa würfelförmigen Bettentrakte prägen das Stadtbild Wiens (nicht unbedingt zu dessen Vorteil).

Damian Reiter und Florian Steingruber hatten ein besonderes Verhältnis zu dieser Klinik. Sie waren nämlich dort gefunden worden.
Und zwar zu einem Zeitpunkt, als der riesige Bau noch gar nicht in Betrieb war.
Damals gab es noch das so genannte „Alte Allgemeine“, eine Klinik, die 1784 unter Josef II. eröffnet worden war, deren Anfänge aber bis ins Jahr 1686 zurück reichen. Längst hätte das „Neue AKH“ schon in Betrieb sein sollen, aber dass die neue Klinik auf Grund eines Bauskandals verzögert fertig gestellt wurde, dürfte der Mutter der beiden Babys nicht bekannt gewesen sein.
1989 fanden Polizisten, die das noch unfertige neue Krankenhaus im Zuge ihrer Streifentätigkeit mehrmals pro Nacht begingen, einen Kinderwagen im Eingangsbereich.
Die beiden darin friedlich schlummernden Buben wurden natürlich den zuständigen Behörden übergeben. Es stellte sich heraus, dass die beiden Babys kerngesund und etwa zwei Tage alt waren.
Die Mutter konnte nie ermittelt werden.

Die beiden eineiigen Zwillinge wurden zur Adoption frei gegeben. Einer der beiden kam zur Familie Reiter nach Wiener Neustadt und erhielt den seltenen Namen Damian, der andere zur Familie Steingruber in den sechzehnten Bezirk und wurde auf den gängigeren Namen Florian getauft. Die Reiters besaßen ein kleines, aber erfolgreiches Elektronikunternehmen und die Steingrubers waren gut situierte Gastwirte. Die Voraussetzungen für die beiden Buben waren also ausgezeichnet.
Die beiden entwickelten sich – ohne miteinander in Kontakt zu sein – zu veritablen „Rotzpippen“. Schon in der Grundschule bereiteten sie ihren Adoptiveltern erhebliche Sorgen und wenn die beiden Adoptivelternpaare miteinander in Kontakt gewesen wären, hätten sie erstaunliche Parallelen festgestellt. Gemeinsam war den beiden hoffnungsvollen Jünglingen ein absoluter Mangel an Gehorsam. Man brauchte einem der beiden nur etwas zu verbieten – schon tat er es. Damit zusammen hing wohl die zweite bemerkenswerte Charaktereigenschaft der zwei: Eine vollständige Missachtung jeglicher Autoritäten.

Folglich entwickelten sich beide unabhängig voneinander zu großen Raufern vor dem Herrn. Ausgestattet mit einem geradezu phänomenalen Selbstwertgefühl dachten sie nie daran, dass es vielleicht günstig sein könnte, einmal nachzugeben. Ansprüche wurden einfach durchgesetzt, notfalls ohne Rücksicht auf Verluste.

Die einander identischen Erbanlagen der beiden bewirkten ganz ähnliche Lebensläufe. Mit zwölf Jahren hinkten beide mit einem Gipsbein nach einem Skiunfall und mit sechzehn hatten sie beide an ihrem jeweiligen Gymnasium ernste Probleme, weil sie ihre Klassenlehrer in beschämender Weise porträtiert hatten. Nicht etwa an der Tafel mit Kreide, nein, ausgeführt in Ölfarbe und ausgestellt in der Aula der jeweiligen Schule (natürlich ohne Genehmigung). Denn wenn sie eine besondere Begabung aufwiesen, war das ihr erstaunliches grafisches Talent.

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Zu seinem siebzehnten „Geburtstag“ (zu dem man den Tag zwei Tage vor der Auffindung der Zwillinge erklärt hatte), gestand Damians Vater ihm, dass seine Eltern gar nicht seine leiblichen waren. Und dabei erfuhr der Sohnemann die Geschichte mit dem gefundenen Kinderwagen im AKH. Allerdings erzählte der Vater dem Damian nicht, dass man Zwillinge gefunden hatte. Das hielt der Vater für unerheblich.
Damian nahm es nicht tragisch, dass seine Eltern gar nicht seine richtigen waren. Aber sein Interesse am Allgemeinen Krankenhaus war geweckt. Er äußerte den Wunsch, sich das Riesenspital einmal ansehen zu wollen.

Etwas anders war es bei Florian Steingruber. Der kam nämlich selbst dahinter, dass er adoptiert worden war, als er in den Dokumenten seiner Eltern wühlte.
Im ersten Moment war Florian etwas geschockt, dann war er aber ganz froh darüber, dass er nicht der Sohn eines biederen Restaurantbesitzers war. Trotzdem stellte er seine Adoptiveltern zu Rede, aber am Ende blieb ja doch alles beim Alten.
Am Tag nach der Auseinandersetzung mit seinen Eltern bestieg Florian einen Straßenbahnzug der Linie 46 und begab sich ins Allgemeine Krankenhaus. Bisher war er noch nie dort gewesen. Er war erstaunt über die Menge der Besucher, die hier den Haupteingang benutzen, denn das AKH verfügt über insgesamt 392 Ambulanzbereiche und am Vormittag ist hier eine Menge los, zumal die meisten Medizinstudenten ebenfalls den Haupteingang benützen.
Und dann sah er eine junge Verkäuferin in dem Blumenladen der Klinik.

Das junge Mädchen hörte auf den Namen Henriette und war in Ausbildung zur Floristin. Das war zwar dem Florian egal, allerdings fiel ihm das überaus lange, rotbraune Haar des Mädchens auf und weckte sofort seine Jagdinstinkte. Und da Schüchternheit eines Florian Steingruber nicht würdig gewesen wäre, sprach er das ausnehmend hübsche junge Ding sofort an.
„Tschuldigung, darf ich Sie malen?“
Henriette verstand natürlich nicht. „Was woll'n S' bitte?“
„Sie malen! Sie hab'n so schöne lange Haar', die müssen auf a Porträt! Dauert net lang.“
Henriette verstand noch immer nicht. Aber es schien ihr klar, dass der junge Mann keine Blumen haben wollte. Also sagte Henriette: „Machen S', was S' wollen.“

Das wollte Florian nur hören. Er sauste hinüber in die ebenfalls in der Empfangshalle angesiedelte Tabak Trafik mit angeschlossener kleiner Papierhandlung, wo er sich Zeichenkarton und Ölkreide besorgte. Er bekam zwar nur rötlich – braune Ölkreide, aber das war ihm egal. Seine Bilder von jungen Damen malte er immer in allen möglichen „Fehlfarben“, nur nicht in den natürlichen.

Von Florians Werken sahen den Betrachter hübsche, junge Mädchen an, die erstens ausnahmslos nackt waren und zweitens mit grüner, blauer oder roter Ölkreide gezeichnet waren, wobei Florian manchmal mehrere Farben kombiniert hatte, was den Aktbildern eine eigene, aber recht ansprechende Note gab.
Dann setzte sich Florian auf eine der Metallbänke im Eingangsbereich und legte los. Innerhalb kürzester Zeit entstand eine erste Skizze der Henriette. Nur deren Gesicht zwar, das aber ganz oben auf dem Zeichenkarton. Es musste da noch Platz bleiben, denn Florian wollte später das Porträt zu einem vollständigen Aktbild ausgestalten.

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Es hätte ihm eigentlich so ziemlich egal sein können, ob ihm dafür die junge Dame Modell sitzen würde, oder nicht, denn Florian hatte es durch genaue Beobachtung bereits so weit gebracht, dass er auch eine bekleidete junge Frau äußerst treffend nackt zeichnen konnte. Aber an einer Ergänzung des Bildes aus der Fantasie lag ihm natürlich nichts.

Nicht die Vervollständigung des Bildes war ihm wichtig, sondern das „Drum herum“. Schließlich befand sich auch Florian, genau wie sein ihm unbekannter Zwillingsbruder bereits im Zenit seiner Manneskraft...
Florian bemerkte nicht, dass ihn ein älterer Mann in weißem Arbeitsmantel beobachtete, der hinter seiner Bank stand. Als Florian das Porträt fertig hatte, machte er sich wieder an sein Modell heran. Henriette stellte soeben einen bunten Frühlingsstrauß zusammen und achtete gar nicht auf die Zeichnung. Aber Florian wartete eben ein bisschen.

Dann zeigte er der jungen Dame sein Werk.
„Wow“, sagte Henriette. „Das bin ja wirklich i!“
„Logisch“, meinte Florian. „Jetzt brauch i nur mehr den Rest. Wie heißen S' denn, schöne Frau?“
„Henriette“, gestand die Angesprochene, fügte aber sofort hinzu: „Was heiß der Rest? Wie meinen S' denn des?“
„Na ja, der Akt halt.“ Florian hatte keinerlei Hemmungen, die hübsche Henriette gleich direkt damit zu konfrontieren.
Die wurde blass. „Akt? Sie meinen - nackert?“
„Logisch. Wann hab'n' S' denn einmal Zeit zum Modellsitzen, Frau Henriette?“
Henriette fand, dass sie sich keine vornehme Zurückhaltung mehr auferlegen musste: „San Sie wo dagegen g'rennt? Schädel – Hirn Trauma? Glauben S', i bin a Solchene?“
„Wie kommen S' denn auf so was? Is doch ganz seriös! Nur malen! Wenn man so ausschaut wie Sie, g'hört das für die Nachwelt dokumentiert! Gehen S', Frau Henriette, Sie können doch net so ein' Anblick der Allgemeinheit vorenthalten, nur weil Sie a bisserl g'schamig san!“ Florian war in seinem Element. Den Widerstand einer solchen „Katz“ zu brechen, schien ihm noch interessanter, als diese zu malen.
Also legte er sich gehörig ins Zeug. Sie werde noch berühmter als die Mona Lisa, versprach er dem so begehrten Modell, denn er selbst, Florian Steingruber, wäre im Begriff, sich in der Kunstszene einen bedeutenden Namen zu machen! Da könne sie wohl gleich die ganze Blumenbinderei an den Nagel hängen, denn mit so einem Aussehen würden sich sämtliche namhafte Maler um das Modell Henriette nur so reißen! Jeden Betrag könne Henriette für Sitzungen in Zukunft verlangen! Dazwischen flocht Florian gekonnt immer wieder ein paar Komplimente ein – und langsam wurde Henriette tatsächlich ein wenig unsicher.

Den Ausschlag gab schließlich der ältere Herr im weißen Arbeitsmantel. „Der junge Mann kann wirklich was“, warf er plötzlich ein. Er war die letzten Minuten ganz in der Nähe gestanden und hatte Florians Balz um Henriette mitverfolgt.
Henriette sah den so unvermutet aufgetauchten Befürworter erst verständnislos an, dann blitzte aber so etwas wie Erkennen in ihren Augen auf.
Jetzt erst wandte sich der ältere Herr an Florian. „Doktor Senner, Anästhesist“, stellte er sich vor. „Meine Frau hat einen Kunsthandel im Internet und ich würde das Bild sofort dafür nehmen – das heißt, wenn es denn überhaupt zustande kommt.“
„Na sehn S', Frau Henriette! Ich sag's ja: In a paar Wochen sind S' am Titelblatt vom Playboy“, nutzte Florian sofort die Gunst der Stunde. Und zum Doktor sagte er: „Nächste Woche können S' den Akt haben! Weil die Frau Henriette ist nicht blöd!“ Dann wandte er sich wieder an sein Modell: „So a Chance kommt nur einmal im Leben! Sie machen a super Karriere als Model! Is doch besser, als Grünzeug z'samm'binden, das man net einmal in die Suppen tun kann.“

Henriette schaute immer noch skeptisch drein.
„Sie brauchen ja net immer an Maler Modell stehn“, setzte Florian seine Bemühungen fort. „Da gibt’s doch jede Menge Fotografen! Und dann sind S' plötzlich in ein' Haufen Zeitungen! Aber Maler san schon besser! Deppert aufs Knopferl drucken kann a jeder. Probier'n S' doch des einmal, das Modell sitzen! Tut sicher net weh, wenn man g'malt wird. Der Herr Doktor da kann's Ihnen bestätigen! Net wahr, Herr Doktor?“
Der Doktor bestätigte das zwar nicht, aber er sagte: „Das könnte wirklich ganz anständig werden, das Gemälde. Das Talent von dem jungen Mann und Ihr Aussehen...“
Da sagte Henriette: „Na ja, probieren könnt' i's einmal. Aber net ganz nackert!“
Florian hörte im Geiste die Siegesfanfaren schmettern. „Na, lassen S' halt a Hoserl an“, konzidierte er, wobei er sich sicher war, dieses letzte Hindernis für seine Absichten auch noch beseitigen zu können. Erst musste er die Henriette in seinem Zimmer haben, das Weitere würde sich schon ergeben.
Doktor Senner bot Florian fünfhundert Euro für das Aktbild und Henriette bekam große Augen. Spontan bot Florian der Henriette hundert Euro Honorar, zahlbar nach Erhalt seiner fünfhundert. Und daraufhin wurde ein Termin für Freitag Abend bei Florian vereinbart.

Der Anästhesist verabschiedete sich. Florian schrieb seine Adresse auf ein Stückchen Seidenpapier, das zum Einwickeln von Blumensträußen diente und dann fuhr er hoch zufrieden mit U-Bahn und Straßenbahn wieder heim.

Freitag Abend war ideal! Da waren seine Eltern beide im Restaurant und würden nicht vor Mitternacht heim kommen. Zeit genug, die Henriette zu malen – und zu... nun ja...
Denn dass sie ihren Widerstand ihm gegenüber bald aufgeben würde, davon war Florian überzeugt.
Tatsächlich erschien Henriette am Freitag Abend. Mit nur vierzig Minuten Verspätung.

So lange hatte sie gebraucht, um sich „schön zu machen“. Beinahe hätte Florian sie nicht wieder erkannt. Sie trug unförmige, schwarze Jeans, die ihr nicht passten, einen völlig struppigen dicken Pullover und dazu Schuhe, die ein Mittelding zwischen Springerstiefeln und Sicherheitsschuhen eines Bauarbeiters waren. Außerdem war sie geschminkt wie für einen Abend in der schrillsten Diskothek. Sie sah einfach unmöglich aus! Nur das lange, rotbraune Haar ließ erkennen, dass sich da ein hübsches, junges Mädchen hinter der Maskerade verbarg.

Florian sorgte dafür, dass Henriette die „coole“ Verschalung rasch los wurde.
Vom weiteren Verlauf des Abends soll aus Gründen der Diskretion nicht berichtet werden. Nur so viel: Das Aktbild wurde großartig.
Die nächsten zwei Wochen hörte Henriette nichts mehr von dem Maler.
Nach zehn Tagen sah sie allerdings den Doktor Senner, der sich am Buffet in der Empfangshalle einen kleinen Imbiss holte. Sofort sprach sie ihn an.
Ja, der Florian Steingruber hätte ihm das Gemälde zugesandt. Es wäre schon im Internet veröffentlicht, aber noch nicht verkauft.

Wieder einmal versuchte Henriette, den Maler Florian über dessen Handy zu erreichen. Vergeblich. Auch ihre SMS waren vergeblich. Florian reagierte einfach nicht.
Der Grund war, dass dieser bereits wieder hinter einem anderen Hasen her war. Einer gewissen Gerda, einer seiner Meinung nach „süßen Maus mit Atombusen“, wobei das „Atom“ eher vom Begriff der Atombombe hergeleitet war und nicht von der Dimension des Teilchens selber.
Nun wusste ja Henriette, wo der Florian wohnte. Ihn dort aufzusuchen und zur Rede zu stellen, verschob sie aber immer wieder. Das hätte bedeuten können, den Eltern des jungen Malers gegenüber zu treten. Und das war Henriette unangenehm.

Es war ziemlich genau zwei Wochen nach Henriettes Sitzung bei Florian, da beschloss in Wiener Neustadt Florians Zwillingsbruder, der Damian Reiter, sich jetzt doch endlich einmal das Allgemeine Krankenhaus in Wien anzusehen.
Mit dem Zug fuhr er bis Wien – Meidling und stieg dort in die U6 um. Nach nicht einmal einer Stunde Fahrt betrat er das AKH.

Fasziniert von den im Zentrum des Krankenhauses befindlichen Fahrsteigen erkundete er die ersten Obergeschoße, dann schlenderte er in die Empfangshalle zurück. Dort setzte er sich auf eine der Bänke und beobachtete die vorüber eilenden Patienten.
„Du traust di da no amal her, du Nudelaug? Erst legst mi rein, schnackselst mi und dann is plötzlich Funkstille? Und mein' Hunderter hab i aa no net! Verbrecher! Häfenbruader, elendiglicher!“
Vor Damian stand ein bildhübsches Mädel mit langem, rotbraunem Haar und machte den Eindruck, als ob es im nächsten Moment dem Damian die Augen auskratzen würde.
„Entschuldigung, gnä Frau, ich kenn Sie ja gar net“, wandte Damian ein.
„Was? Du kennst mi net? Erst schuastern und dann kennst mi nimmer?“ Und dann zählte Henriette Bezeichnungen für Damian auf, die gar nicht schmeichelhaft waren : Bergauf-Bremser, Dackeltrainer, Eiswürfelvorwärmer, Schattenparker und Zechenföhner nannte sie ihn unter Anderem und benutze noch mehr jener Ausdrücke, mit denen Wiener Jugendliche ein Weichei bezeichnen.

Obwohl Damian Mädchen (besonders hübschen) gegenüber immer den Gentleman spielte, eine solche Ausdrucksweise konnte er sich nicht bieten lassen.
„Du Trutschen! Du Quadrattrampel! Verwechselst mi mit wem und pudelst di auf! Hörst, schleich di! Baba und fall net[1]!“ In der ganzen Eingangshalle konnte man Damian hören.
„Florian! Du Misthaxen! Schimpfen lass i mi net!“
„I bin net der Florian! Du verwechselst mi!“
„Wer bist denn sonst?“
„Der Damian!“
„Ja! Stimmt! Damisch bist, du Schwindlicher! Aber mein' Hunderter will i haben!“
„Wennst di für an Hunderter nageln[2] lasst, dann schau dass der Haberer glei brennt, du Schnallen!“
Jetzt war Henriette beleidigt. „So ane bin i net! Der Hunderter is für's Modellsitzen!“
Die ersten Patienten und Besucher blieben stehen und sahen der Auseinandersetzung grinsend zu. Aber dann tauchte plötzlich Doktor Senner auf und steuerte auf Damian zu.
„Is was, Herr Steingruber?“
„Ja, habts es alle an Pascher?“, beschwerte sich Damian. „Bin i da im falschen Spital? Is des a reines Irrenhaus? Gibt’s da ausschließlich Depperte? I haß net Steingruber!“

Henriette mischte sich ein und nach wenigen Sekunden war eine überaus lebhafte Diskussion im Gange. Doktor Senner behauptete fest, sein Gegenüber genau zu kennen und Damian bestritt vehement, der Florian zu sein.
Und dann läutete Henriettes Handy – und Florian war dran.
Florian war bei seiner neuen Angebeteten, der Gerda mit dem Atombusen, „voll auf die Seife gestiegen“. Diese war mit einem gewissen Billy liiert, dem man den Zusatznamen „the ripper“ verliehen hatte. Billy war soeben im Begriff, die Ausbildung zum Fußbodenverleger abzuschließen und er führte ständig ein Stanleymesser mit sich, das er unliebsamen Zeitgenossen vor die Nase zu halten pflegte. Dabei kündigte er an, welchen Körperteil des Widersachers er damit aufzuschlitzen gedenke.
Dem Florian wurde sehr eindringlich gesagt: „Oida! Griffeln weg von der Gerda! Sonst schneid i dir a Uhrentascherl in die Brust! Kapiert?“

Florian hatte sehr wohl kapiert, zumal er keinerlei Wert auf altmodische Taschenuhren legte und auch nicht gedachte, sich eine solche zuzulegen. Folglich hatte er beschlossen, die Gerda sicherheitshalber sausen zu lassen. Stattdessen erinnerte er sich der Henriette, die ja auch ein mehr als beachtenswerter Käfer war. Na, und jetzt rief er sie halt an.
Henriette hätte beinahe ihr Handy fallen lassen.
So was konnte es doch einfach nicht geben! Aber das Display ihres Handys zeigte tatsächlich „Flo“ und die Stimme war eindeutig die des Malers ihres Aktbildes.
„Tschuldige, Maus, hab Wickeln g'habt. Erzähl i dir schon noch. Was halt'st du von ein' zweiten Bild? Da kriegst dann gleich den Hunderter, den i no schuldig bin.“ Florian tat sein Bestes, um die Henriette erneut „einzubraten“.
Diese, in ihrer Überraschung und Verwirrung, tat das Nächstliegende. Sie hielt dem Doktor Senner das Handy entgegen und sagte nur: „Der Flo.“

Ungläubig übernahm der Arzt das Mobiltelefon – und als er festgestellt hatte, dass der Maler von Henriettes Akt tatsächlich am anderen Ende der Leitung war, erzähle er diesem, dass er soeben mit dessen Doppelgänger sprechen würde.
Florian wollte das nicht glauben.
„Na, kommen S' her da! Sie werden's net glauben, die Ähnlichkeit!“
Florian sagte zu. Er werde sich sofort in eine Bim der Linie 46 schwingen, kündigte er an. Dabei dachte er vor allem daran, dass er schon noch mehr tun werde müssen, als ein Telefonat zu führen, um sich die Henriette für die Zukunft zu sichern. Sein langes Schweigen hatte diese sicherlich übel genommen.
Als Doktor Senner der Henriette das Mobiltelefon zurück gab, sagte diese: „Malen will er mi no einmal, der Florian.“
„Wunderbar“, sagte der Doktor. „Wenn's noch a zweites Aktbild wird, nehm ich's wieder.“
„Malen? Aktbild? Mei Doppelgänger is Maler? I ja aa!“ Damian war plötzlich ganz aufgeregt.
„Sie sind auch Maler?“, Doktor Senner sah ziemlich skeptisch drein.
„Na hören S'! Der beste zwischen Wiener Neustadt und Nebraska! Spezialität weibliche Akte!“ Und an Henriette gewandt fuhr Damian fort: „Lassen S' mich den Akt malen! Des andere Grammel, der Doppelgänger, soll in' Gatsch hupfen!“

Henriette konnte nicht mehr dazu Stellung nehmen. Ihre Chefin kam aus dem Blumenladen gerauscht und und hielt ihrem Lehrling eine Standpauke. Da warte Kundschaft und Henriette führe Smalltalk! Sie solle doch gefälligst ihren Arsch in Bewegung setzen!
Und während Henriette einen Rosenstrauß zusammen stellte, galoppierte Damian in die Tabak Trafik und besorgte sich einen ganz normalen Zeichenblock. Der Strauß war noch nicht eingepackt, da war Damian schon emsig dabei, mit normalem Kugelschreiber eine Zeichnung der Henriette anzufertigen. Nicht nur ein Porträt, sondern ein Gesamtbild inklusive der Jeans und des kurzen Pullovers, die das Mädchen trug. Und die Zeichnung war überaus treffend!

Doktor Senner traute seinen Augen nicht. Erstmals kam ihm der Verdacht, dass zwischen den beiden so ähnlichen jungen Männern eine Verwandtschaft bestehen müsse. Das Aussehen und das beachtliche grafische Talent legten die Vermutung nahe.

Während also Henriette noch einen zweiten Kunden bediente und Florian den Straßenbahnwagen am liebsten angeschoben hätte, fragte Doktor Senner den Damian aus. Der hatte seine Zeichnung schon längst fertig und gestand dem Arzt, dass er adoptiert worden wäre. Und auch, dass man ihn als Säugling hier im AKH gefunden hätte, womit er auch sein Interesse an der riesigen Klinik erklärte.
Dann gesellte sich Henriette wieder zu Damian und dem Doktor. Der Blumenladen machte sein Geschäft hauptsächlich am frühen Nachmittag mit den vielen Besuchern der Kranken und jetzt, vor Mittag war nicht viel Betrieb.

Natürlich wurde Henriette wieder von Damian bestürmt, ihn doch das neue Bild anfertigen zu lassen und seinem Doppelgänger eine lange Nase zu drehen. Und Doktor Senner fügte hin und wieder ein Bemerkung hinzu, dass das wohl das Richtige wäre.
Und plötzlich war Florian da. Auge in Auge standen sich die beiden Zwillingsbrüder gegenüber und waren vom Anblick des jeweils Anderen derart überrascht, dass es beiden die Sprache verschlug.
Für einen Außenstehenden war besonders auffällig, dass beide Burschen ihr Haar ganz ähnlich frisiert hatten. An den Seiten extrem kurz, aber über dem Scheitel relativ lang und von Unmengen von Haargel senkrecht nach oben stehend gehalten.

Damian hatte sich als erster gefasst: „Du willst die Henriette malen, du Ruabnzuzler[3]? Lass das! Des mach i! Kapiert?“
„Logisch“, kam Florians Antwort. „Sobald du aus'm Spital entlassen wirst, wenn'st des überhaupt überlebst, wenn i dir ane aufleg, du Blunzenstricker!“
Doktor Senner stellte sich zwischen die beiden Kampfhähne. „Zwillingsbrüder sollten sich aber nicht prügeln“, stellte er fest.
Die erneute Überraschung von Damian und Florian nützte der Doktor geschickt aus. „Der Herr Damian Reiter is nämlich adoptiert und da im AKH als Baby g'funden worden. Und Sie, Herr Steingruber wahrscheinlich auch.“
„Stimmt“, sagte Florian nur. Und dann musste er sich auf die metallene Bank setzen. Plötzlich war ihm ein wenig schwindlig.

Doktor Senner zog Henriette mit sich, als er die beiden Brüder allein ließ. Ihm war klar, dass jetzt beide die ungeahnte Neuigkeit, dass sie einen Zwillingsbruder hatten, erst verarbeiten mussten.
Henriette kehrte ins Blumengeschäft zurück, ohne mit Florian und Damian noch einmal zu sprechen und Doktor Senner begab sich wieder in seinen OP, wo ein Kaiserschnitt auf dem Plan stand. Was die beiden Zwillinge vereinbarten, erfuhren sie an diesem Tag nicht mehr.

Seltsamerweise wurde an diesem Vormittag in der Eingangshalle des AKH ein neuer Star der Aktmalerei geboren. Sein Künstlername war „Floridam“ und er war äußerst öffentlichkeitsscheu, was aber seinem Erfolg keinen Abbruch tat.
Henriette wurde mehrmals von Floridam gemalt, immer im Zimmer des Florian Steingruber und privat gestand dieser seinem Modell, dass er selbst hinter diesem Pseudonym stecke. Aber Henriette war sich nicht sicher, ob es nicht genau so gut Damian hätte sein können, dem sie als Modell (aber nicht nur) diente.

Damian Reiter und Florian Steingruber waren an jenem Vormittag im AKH zu einer Einheit verschmolzen, beschlossen, es geheim zu halten, dass sie beide unter dem selben Pseudonym tätig waren und sie hatten damit Erfolg. Sowohl künstlerisch als auch bei ihren Modellen.
Das soll dem AKH Wien einmal eine andere Klinik nach machen: Zwei Zwillingsbrüder zu einem erfolgreichen Maler zu verschmelzen!

Anmerkungen
[1] Aufforderung, sich zu entfernen
[2] Siehe 1, 2
[3] Schimpfwort, entstanden aus Gruabnzuzler = Senkgrubenaussauger

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