Rezensionen

Kunsthaus Zürich (Hg.): Ottilia Giacometti – ein Porträt. Werke von Giovanni und Alberto Giacometti. Scheidegger & Spiess

Ottilia Giacometti, die Schwester von Alberto, Diego und Bruno ist die am wenigsten bekannte Figur der berühmten Künstlerfamilie. Fast dreißig Jahre nach einer der gemeinsamen Mutter gewidmeten Ausstellung rückt das Kunsthaus Zürich nun Ottilia in den Fokus. In rund 70 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen des Vaters Giovanni und des ältesten Bruders Alberto Giacometti skizzieren Schau und Katalog ein facettenreiches Porträt Ottilias. Eine Rezension von Spunk Seipel.

Cover © Scheidegger & Spiess
Cover © Scheidegger & Spiess

Endlich bekommt sie die verdiente Aufmerksamkeit: In der großen Schweizer Künstlerfamilie Giacometti ist die jung verstorbene Ottilia (1904–1937), Schwester von Alberto, Diego und Bruno, den wenigsten bekannt. Obwohl sie als sympathische Persönlichkeit galt wurden ihre Talente und Interessen, ihr eindrucksvoller Lebenslauf und die unvergesslichen Spuren, die sie im Schaffen ihres Vaters und Bruders hinterlassen hat, bis heute noch nie angemessen gewürdigt.
Kurator und Giacometti-Kenner Casimiro Di Crescenzo (*1961) legt zusammen mit den vielen Porträts ihres Vaters Giovanni und ihres Bruders Alberto nun einen kurzen Bericht über ihr Leben vor und schildert gleichzeitig auch Albertos frühe künstlerische Entwicklung.

Auf den ersten Blick wirkt das idyllische Leben der großen Schweizer Künstlerfamilie in der Abgeschiedenheit des Engadins wie ein Paradies. Auch später berichten die Kinder noch von der „schönen Zeit“. Allerdings sind die Rollen in der Familie klar verteilt: Während der erfolgreiche Spätimpressionist Giovanni Giacometti (1868–1933) die Begabungen seiner Söhne fördert (Alberto studiert in Genf, Diego besucht die Handelsschule in Basel, Bruno wird Architekt), erhält Ottilia die die typische Ausbildung für Mädchen aus gutem Hause: sie besucht zuerst ein Mädchenpensionat in Horgen bei Zürich, dann eine Frauenarbeitsschule in Bern, schliesslich ein Mädchenpensionat in Lausanne, wo neben dem Schulunterricht auch Näh-, Koch- und Hauswirtschaftskurse angeboten wurden, um perfekte Hausfrauen und Mütter auszubilden.
Alberto, dem Erstgeborenen stand das Atelier des Vaters mit all seinen Materialien (Farbstifte, Tempera, Ölfarben, Plastilin) sowie die Kontakte zu bekannten Schweizer Künstlern offen. Die offensichtliche Begabung, geerbt vom Vater, durfte weiterentwickelt werden. Von Ottilia ist hingegen keine Zeichnung oder ein anderer künstlerischer Versuch überliefert. Der einzigen Tochter des Hauses blieb in der patriarchalischen Familienordnung lediglich der Part des Modells. Aber auch darin verharrt der Vater in konservativen Rollenzuschreibungen: Die Tochter wird wie eine Puppe zurechtgemacht präsentiert, oft artig auf einem Stuhl sitzend. Interessant an diesen Arbeiten ist nicht die Persönlichkeitsentwicklung eines Mädchens zur Frau, die der Vater scheinbar kaum wahrnahm, sondern die verschiedenen stilistischen Experimente des Hausherrn. Unter anderem malt er sie im Stil seines Freundes Giovanni Segantini (1858–1899), bei dem er einen sehr reduzierten expressionistischen Pinselstrich mit kräftigen Farben anwendet. Fast scheint es, als ob Giovanni Giacometti keine eigene Formsprache gefunden und anhand der Bilder, der „Schablone Ottilia“ immer wieder neue Stile ausprobiert hat.
Sohn Alberto (1901-1966) folgt dem Beispiel des Vaters und sucht seine ersten Motive im Familienkreis. Auch für ihn wird die Schwester zum beliebten Sujet. Die ersten Bilder zeigen noch wenig Eigenständigkeit und sehen jenen des Vaters zum Verwechseln ähnlich. Erst um 1935 fertigt Alberto ein Porträt seiner Schwester Ottilia, welches die Besonderheiten seines eigenen künstlerischen Schaffens bereits vorausahnen lässt. Ob es allerdings wirklich die begeisterten Berichte der Schwester von einer Ägyptenreise und der altägyptischen Kunst waren, die Alberto zu diesem Stilwandel veranlassten, wie der Autor behauptet, bleibt spekulativ.

Ottilia war eine aufgeschlossene und lebensfreudige Frau, die innerhalb der Künstlerfamilie Giacometti eine wichtige Rolle spielte. 1937, nach der Geburt ihres ersten Sohnes, stirbt sie mit 33 Jahren im Kindbett. Ihr Tod bedeutet für die Familie eine tiefe Zäsur, auch künstlerisch: Alberto zeichnet seine Schwester im Totenbett und den Neffen als Säugling. Es sind konventionelle Arbeiten, die einen bestimmten Moment festzuhalten versuchen, ohne dass Alberto seinen eigenen Stil einbringt.
In den folgenden Jahren gelingt es ihm aus der Erinnerung heraus, eine Büste seiner Schwester zu modellieren. Das Andenken an Ottilia lebendig zu halten wird zum Bruch mit seinen surrealen Arbeiten und zugleich zum Beginn seiner wichtigsten Werkphase. Denn in dieser frühen Plastik zeigt sich zum ersten Mal jene drastische Verkleinerung, die für alle Werke Albertos von 1939 bis zur Nachkriegszeit charakteristisch ist: eine Figur wird aus einer gewissen Entfernung gesehen, ihr Erscheinungsbild bis an die Grenzen des Verschwindens minimalisiert. In diesem Sinne wird auch das Porträt Ottilias wird immer stärker reduziert, zugleich aber durch den Sockel monumentalisiert. Albertos Mutter soll nicht begeistert gewesen sein.
1945 nach Kriegsende kehrt Alberto nach Paris zurück. Sein Bruder Diego hat das Atelier weitergeführt. An das Leben von damals konnte wieder angeknüpft werden. Einzig Ottilia war nicht mehr da, durch ihren Sohn Silvio blieb sie dennoch stets präsent.

Der vorliegende Katalog ist ein kleiner Einblick in die Zwänge der großen Künstlerfamilie Giacometti und der Versuch ein Schlaglicht auf die wenig prominenten Familienmitglieder zu werfen, die das Leben der Künstler dennoch maßgeblich mitbestimmt und beeinflusst haben. Trotzdem: Die Person Ottilia bleibt – aufgrund mangelnder Dokumente, wie zum Beispiel ein Tagebuch, aber auch, weil die Porträts von ihr wenig Persönliches jenseits der erwarteten gesellschaftlichen Rollen offenbaren – blass. Nach wie vor scheint die Tochter aus prominentem Haus das Schicksal so vieler Frauen teilen zu müssen, die in vorgefertigte Rollenbilder gezwängt wurden und deren Talente von ihren (künstlerisch tätigen) Angehörigen nicht gefördert wurden. Wer sich dafür interessiert, wie die Anfänge des künstlerischen Schaffens von Alberto Giacometti aussehen, sollte zu diesem Buch greifen, denn ohne Ottilia würde es diese vermutlich nicht geben.

Ottilia Giacometti – Ein Porträt
Werke von Giovanni und Alberto Giacometti
Hg: Kunsthaus Zürich
Scheidegger & Spiess
ISBN–13: 9783858816726

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