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Kunstweg am Reichenbach

Der Kunstweg im Reichenbachtal wurde Anfang Juli 2011 um fünf neue Kunstwerke erweitert. Insgesamt säumen inzwischen über 25 Werke bekannter Künstler den Weg durch das Reichenbachtal. Günter Baumann ist dem Rundgang gefolgt.

Manuela Tirler, Waldstück L, 2012 ©Manuela Tirler
Manuela Tirler, Waldstück L, 2012 ©Manuela Tirler

Die Städte schmücken sich gern mit Kunst im öffentlichen Raum: Waren Brunnen lange Zeit beliebte Spielplätze der Kommunen, haben Plastiken im Kreisverkehr mittlerweile die Nase vorn. In Zeiten klammer Kassen schließen sich die Bürgermeister und Kulturamtsleiter auch gern Initiativen an, die zu ganzen Kunstwegen einladen. Die Land Art hat es vorgemacht, indem sie in die, meist weitläufige, Landschaft eingegriffen hat. Der gezügelte kleine Bruder ist der Skulpturenpark, in dem Plastiken mehr oder weniger brav den Weg säumen. Eine besondere Tour verspricht der Kunstweg am Reichenbach. »Es handelt sich um keinen Skulpturenpfad«, darauf legt der Bildhauer Voré großen Wert, der dieses Jahr die künstlerische Leitung im eingetragenen Verein »Kunstweg am Reichenbach e.V.« übernommen hat. Die Natur ist hier nicht nur Kulisse, sondern Teil des Ganzen. Da kann es schon mal passieren, dass eine Betonskulptur wie die von Thaddäus Hüppis vom Bach fortgeschwemmt wird – wie 2008 geschehen.

Vorés Vorgänger Rüdiger Seidt pflichtet bei: Von Anfang an, als er 2004 den Weg ins Leben rief, waren die Alleinstellungsmerkmale zum einen die alten Heuhütten am Reichenbach, die es ermöglichen, auch Zeichner und Maler in die wilde Natur einbinden. Zum andern handelt es sich im Gelände um Privatgrundstücke, was ein besonderes Verhandlungsgeschick erfordert: »Mal steht der Rechtsanwalt am Horizont, mal kümmern sich die Eigner rührend um die Kunstwerke«, so Seidt. Der Bildhauer brennt nach wie vor für das Projekt, kümmert sich um den Internetauftritt und bietet regelmäßig Führungen an. Auch steht Seidt zum abgelegenen Standort, überzeugt davon, »dass die Provinz nicht provinziell« sei.

Nach Sponsoren zu suchen, hat er irgendwann einmal aufgegeben. Das Konzept war ihm wichtiger. Auch Gernsbach als zuständige Gemeinde trug finanziell nichts bei, wohl aber ideell und materiell. »Die Stadtverwaltung«, sagt Jürgen Dieskau, Erster Vorsitzender des Vereins, »steht schon immer mit Rat und Tat zur Seite, hilft beim Transport und bei der Installation der Arbeiten«. Schon um die Eigner und Grundstücksgrenzen auszumachen ist nach Dieskau ein gutes Verhältnis zur Verwaltung unabdingbar: »Einige Würdenträger sind sogar seit seiner Gründung Vollmitglieder des Vereins«, der gegenwärtig rund 40 Mitglieder hat. Da ist es eine Ehrensache, dass der Bürgermeister von Gernsbach Dieter Knittel regelmäßig ein Grußwort hält, wo er die »Seltenheit des Wegs in der Natur- und Kunstlandschaft« betont. Der Erfolg gibt den Beteiligten Recht: Das Interesse in der Öffentlichkeit steigt, wenn auch das Engagement zur Übernahme der Verantwortung kurzfristig lahmte. Als Seidt das künstlerische Szepter weitergeben wollte, herrschte Schweigen im Walde. Wäre sein Kollege aus Ettlingen, Voré, nicht gewesen und hätte die Aufgabe »als Notstopfen für die nächsten drei, vielleicht auch vier Jahre« übernommen, wäre die Kunst am Reichenbach verwildert.

Vergleichbare Kunstwege in der Natur sind selten, wenn man nicht ausgewiesene Skulpturenparks mit einbezieht. Markant und im Sommer wie im Herbst ein beliebtes Ausflugsziel ist der Nuss-Weg in den Weinbergen von Weinstadt-Strümpfelbach, einer Initiative des Bildhauers Karl Ulrich Nuss, die von der Stadt kräftig beworben wird. Immerhin rund 40 Arbeiten des Nuss-Clans gibt es zu sehen; neben Karl Ulrich ist sein Vater Fritz Nuss vertreten sowie aus der jüngeren Generation Christoph Traub. Mit seinen 2,8 km ist der Pfad etwas kürzer als der Reichenbacher Wanderweg.

Seit 2005 gibt es auch in Heilbronn einen Wein-Panorama-Weg, der von den Städtischen Museen betreut wird. Andere Skulpturenwege führen meist durch die Innenstädte, die auf eine größere Attraktivität durch die Kunst hoffen, oder ausnahmsweise durch institutionelles Gelände wie der Kunstpfad Universität Ulm, der als Gemeinschaftsprojekt des Landes, der Stadt Ulm, einer Kunststiftung und der Industrie finanziert wurde mit dem Ziel der Begegnung mit moderner Kunst. Auf wohlwollendes Interesse bei den Kulturämtern bis hin zu logistischer oder auch finanzieller Unterstützung stoßen die häufig auf privates Engagement zurückgehenden Skulpturenwege in den Innenstädten etwa von Besigheim, Korntal-Münchingen, Kirchheim u.T., Lörrach, Mannheim, Schwäbisch-Gmünd, um nur ein halbes Dutzend zu nennen.

Ein gewichtiger Modellfall ist Schorndorf, das seit einem ersten Bildhauersymposium vor 25 Jahren einen stets wachsenden Skulpturenrundgang unterhält. »Wir haben kein operatives Kulturamt hier«, meint Alexa Heyder, Geschäftsführerin des Kulturforums Schorndorf e.V. Mit einem jährlichen Budget und einer Unterhaltsverpflichtung der Stadt ausgerüstet, kümmert sich der Verein ehrenamtlich um die inzwischen fast 40 Plastiken. »Die Stadt«, so das begeisterte Fazit Heyders, »ist offener gegenüber moderner Kunst geworden. Über Kunst wird diskutiert, sie ist Stadtgespräch«.

Zurück zum Reichenbach. Viele der Leihgaben, die seit 2006 am Weg Wacht halten oder mit der Natur verwachsen sind, haben einen festen Platz gefunden. Für 2012/13 sind acht neue Kandidaten hinzugekommen, die ins schöne, nahezu wildwüchsige Reichenbachtal locken: Madeleine Dietz ist dabei, die bevorzugt mit Erde, Stein und Stahl arbeitet. Mitgebracht hat sie die zweiteilige Arbeit »Buch – Kein Schritt zurück«, eine Eisenplatte mit Schriftzug, die mit einem Wellengitter und Dornenzweigen die Form eines aufgeschlagenen Buches ergibt. Dietz versteht die 2 Meter hohe Plastik als bildgewordenen Wanderspruch über den Umgang mit der zuweilen schmerzenden, aber auch aus der Erfahrung heraus schützenden Erinnerung.

Der Ettlinger Maler Max Peter Näher hat eine der Hütten bezogen und ein malerisch-räumliches Invironment geschaffen. Die barackenartige Situation hat ihn angeregt, seinen kritischen Realismus über das Bildformat hinaus weiterzudenken, die malerischen Elemente plastische Gestalt annehmen zu lassen und die Architektur zu einem Bestandteil der Malerei umzuwidmen – genannt hat er seine faszinierende Hütten-Installation »Schein und Wirklichkeit«.

Manuela Tirler, die in jüngster Zeit einen Bilderbuchstart in die Kunstlandschaft vollzogen hatte und zur Zeit mit einem Atelierstipendium in Plochingen (Landkreis Esslingen ) arbeitet, hat das zauberhafte »Waldstück L« aus Stahl beigesteuert. Die 1977 geborene Schülerin der Professoren Pokorny, Ullman, Ambach und Ganahl gehört zu den interessantesten Bildhauerin der jüngeren Generation, deren Werk sinnliche Anmutung und kraftvolle Materialpräsenz vereint. Ihre monumental wirkende 300-kg-Plastik am Reichenbach weckt phantasievolle Assoziationen, ohne dass sie dem Eisen seine abstrakte Eigendynamik nimmt. Die nach oben gewundenen, vernetzten Stahlstäbe bzw. -äste lassen an einen undurchdringbaren Märchenwald denken, wie sie zugleich durch die Farbigkeit des Rostes an züngelnde Flammen erinnern. Weitere Teilnehmer sind die bestens etablierten Bildhauer Markus Daum – mit einer an Alfred Hrdlicka und Rolf Szymanski geschulten, figurativen Eisengussplastik – sowie Wolfgang Rempfer – mit einer fragilen wie labilen Architekturvision aus Stahl und Glas. Dazu kommen die jungen Wilden und stillen Konzeptionalisten Beate Körner, Simon Pfeffel und Aleschija Seibt, die die Grenzen der Kunst ausloten und die Natur situativ beim Wort nehmen.

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