Ausstellungsbesprechungen

László Moholy-Nagy - Retrospektive. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Bis 7. Februar 2010

Die Zukunft gehört dem ganzen Menschen. Eine spannende Retrospektive widmet sich dem Multimedia-Künstler László Moholy-Nagy - eine Besprechung von Nicola Hille.

Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Gründung des Bauhauses zeigt die Frankfurter Ausstellung die enorme künstlerische Bandbreite Moholy-Nagys und realisiert den bis 2009 unverwirklicht gebliebenen „Raum der Gegenwart“, ein viele Theorien des Künstlers umfassendes Raumkunstwerk. Im Werk des am Bauhaus in Weimar und Dessau lehrenden Künstlers stehen alle Medien gleichwertig nebeneinander und werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile eines universellen Gesamtkonzeptes verstanden. Die Retrospektive verdeutlicht, dass Moholy-Nagy wie kaum ein anderer Künstler der an utopischen Entwürfen reichen Epoche der 1920er Jahre ein breites Spektrum an künstlerischen Ideen und Aktivitäten verfolgte.
Mit seinem Motto „Kunst und Technik – eine Einheit“ zeigte er sich als ein experimenteller Geist und als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Möglichkeiten. Moholy-Nagy, der engen Kontakt zu Kurt Schwitters, Raoul Hausmann, Theo van Doesburg und El Lissitzky pflegte, setzte sich intensiv mit Merzkunst, De Stijl und Konstruktivismus auseinander. Bevor er im Frühjahr 1923 von Walter Gropius als Bauhaus-Meister nach Weimar berufen wurde, stellte sich ein erster künstlerischer Erfolg bereits mit der Einzelausstellung in der Berliner Galerie „Der Sturm“ (1922) ein.

Fortsetzung von Seite 1

Am Bauhaus in Weimar und Dessau übernahm Moholy-Nagy mit 28 Jahren den Vorkurs von Johannes Itten und die Metallwerkstatt von Paul Klee. Mit seiner Lehre prägte er maßgeblich die dortige gesellschaftliche Neuorientierung. Die Verzahnung von Kunst, Leben und Technik sowie die Betonung des Visuellen und der Materialaspekte in der Gestaltung waren Kernpunkte seiner Arbeit und führten zu einer modernen, technikorientierten Formensprache.
So aktuell wie seine künstlerische Arbeit wirken bis heute auch seine pädagogischen Ansätze als Bauhaus-Lehrer, die eine Erziehung zum künstlerisch-politischen Menschen und zur Kreativität in den Mittelpunkt stellen. Neue Wege beschritt Moholy-Nagy auch mit dem berühmten, vom Künstler als „Apparat zur Demonstration von Licht- und Bewegungserscheinungen“ konzipierten „Licht-Raum-Modulator“ von 1930, einem Gesamtkunstwerk aus Farbe, Licht und Bewegung sowie im Bereich der Fotografie und des Films. Mit seiner kameralosen Fotografie, den Fotogrammen und schließlich seinen abstrakten Filmen wie „Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau“ (1930) gilt er bis heute als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und Vordenker aktueller Medientheorien. Als einer der ersten Typografen der 1920er Jahre erkannte er die neuen Möglichkeiten, die in der Kombination von Schrift, Flächengestaltung und bildhaften Zeichen mit den neuen fotografischen Techniken lagen. Moholy-Nagy gestaltete nahezu alle der 14 zwischen 1925 und 1929 erschienenen Bauhaus-Bücher und übernahm – neben der gemeinsamen Herausgeberschaft mit Walter Gropius – die inhaltliche und organisatorische Produktion der Publikationen. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierte der Künstler über Amsterdam und Großbritannien nach Amerika und gründete 1937 das „New Bauhaus“ und nach dessen Schließung 1939 die wenige Jahre später in Institute of Design umbenannte School of Design in Chicago, wo er sich weiter für die Integration von Kunst, Wissenschaft und Technologie einsetzte, bevor er 1946 verstarb.

Fortsetzung von Seite 2

Die Ausstellung ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Raum sind Arbeiten und Werkgruppen der 1920er Jahre zu sehen, während im daran anschließenden Teil das Spätwerk ab 1930 präsentiert wird. Die frühen Arbeiten sind stark durch die Auseinandersetzung mit der russischen Avantgarde geprägt. Moholy-Nagys Interesse am Konstruktivismus führte ihn zur Beschäftigung mit Malewitsch, El Lissitzky, Rodschenko und Tatlin. Der Austausch mit den russischen Künstlern bewirkte für ihn auch eine Weiterentwicklung im Medium Fotografie. Durch Techniken wie Montage, Collage oder Mehrfachbelichtung, aber auch durch die abstrakten Licht-Bilder (Fotogramme) sowie durch die Wahl unkonventioneller Perspektiven und Ausschnitte avancierte er zu einem Pionier experimenteller Fotografie. Prominent vertreten war er daher auch auf der Stuttgarter Werkbund-Ausstellung „Film und Foto“ 1929, wo 97 seiner Fotoarbeiten gezeigt wurden. Die „FiFo“ hatte in einer Zeit großer technischer und kultureller Entwicklungen die neuen Arbeits- und Gestaltungsgebiete moderner Fotografie und des Films vor Augen. In verschiedenen Ausstellungsräumen wurde den damaligen Besuchern die Nutzung der Fotografie in Kunst, Werbung, Propaganda und Presse präsentiert.

Fortsetzung von Seite 3

Das „Neue Sehen“ wurde als Folge filmischer, fotografischer und fototypischer Experimente zum Inbegriff avantgardistischer Produktion. Als einer der ersten Multimedia-Künstler beschäftigte sich Moholy-Nagy jedoch nicht nur mit zweidimensionaler, flächiger Kunst, sondern auch mit der Gestaltung und Bewegung im Raum: die kinetischen Objekte, Wandgestaltungen und Bühnenbilder entwickeln eine spezifische Ästhetik im dreidimensionalen Raum. Der zweite Ausstellungsbereich der Frankfurter Retrospektive thematisiert die Entwicklung des Künstlers in den USA. Die späten 30er Jahre sind vor allem durch die Beschäftigung mit der Farbfotografie bestimmt. Moholy-Nagy arbeitet nun mit einer 35-mm-Leica, die er in England erworben hat und mit einem von der Firma Kodak neu auf den Markt gebrachten Farbdiafilm. Es entstehen Kleinbilddias, auf denen die Bewegungsspuren von Feuerwerken, Neonlicht-Reklamen, Autoscheinwerfern, Taschenlampen und anderen Lichtreflexen aufgezeichnet sind.

Die von der Kuratorin Dr. Ingrid Pfeiffer hervorragend konzipierte Retrospektive ermöglicht eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Werk des ungarischen Bauhaus- und Avantgarde-Künstlers. Sie zeigt, dass die Bedeutung und Faszination dieses Gesamtwerks bis in die Gegenwart in der Überwindung künstlerischer Spezialisierung liegt.

Weitere Informationen

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Es gibt ebenfalls umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Filmen und Themenführungen, nahezu täglich finden öffentliche Führungen zur Ausstellung statt.