Ausstellungsbesprechungen

Land in Sicht, Thüringer Landtag, Erfurt, bis 18. Februar 2012

Etwas biedermeierlich erscheint der Freistaat Thüringen zuweilen im allgemeinen Bild. Durch aktuelle Berichte gefördert, avancierte dementsprechend ein Käfig-Hitler zum Shootingstar der Ausstellung. Abseits der ganzen Klischees gibt es jedoch einen Flecken Erde zu entdecken, der eine fruchtbare und facettenreiche Ideenschmiede beherbergt. Rowena Fuß lotst sie durch bisher wenig bekanntes Fahrwasser.

Zuerst im Flur des Thüringer Landtages bei den anderen Werken der Ausstellung postiert, musste der kleine Mann mit Rotzbremse unter der Nase und Hakenkreuz auf der Armbinde schnell in einen der Parlamentsräume der Grünen, den Schirmherren der Schau, umziehen. Plötzlich war die Präsidentin des Landtags etwas pikiert über den Käfig mit der Hitlerfigur. Sie muss Ausstellungen, die politische Inhalte ausdrücken, genehmigen, so die allgemeine Pressemeldung der dpa. Hatte Sie keine Ahnung, dass sich die Landespresse nach der Mordserie an Ausländern durch thüringische Rechtextreme auf gerade dieses Stück stürzen würde? Seit Wochen ist dies immer wieder Thema in verschiedenen Medien. Ein Objekt, das den Umgang mit Rassismus symbolisiert, musste in diesem Kontext natürlich Wellen schlagen.

Doch halt, der Hitler ist ja eingesperrt! Nach Sebastian Hertrich, dem Schöpfer der Arbeit »Your brown cage«, soll es an den Betrachter appellieren, seinen eigenen kleinen Hitler im Zaun zu halten. Denn jeder ist selbst dafür verantwortlich, ob er den Käfig öffnet und den Fremdenhass hinaus lässt oder in verschlossen hält. Kein schlechter Gedanke. De facto gibt es in Deutschland mehr Alltagsrassismus als waschechte Neo-Nazis.

Interessant ist übrigens der Ort der Verbannung. Neben der Tür zum Parlamentsraum, in dem Hitler Asyl gefunden hat, hängt »Fremdenfreude« von Katja Triol. Ausgelassen toben junge Menschen verschiedener Hautfarben auf dem Bild umher. Sie juchzen, sie lachen, sie umarmen sich. Wer in den Freudentrubel einstimmen möchte, braucht also nur die Tür zum eh schon abgeschobenen Hitler zuzuschlagen. Ganz unbewusst haben die zuständigen Abgeordneten somit das richtige Signal in der Debatte gesetzt.

Es gibt aber noch andere Arbeiten zu bestaunen, die nichts mit Hitler zu tun haben. Zum Beispiel das nahezu lebensgroße Porträt »Frau Samer«. Es zeigt eine ältere Frau in Kittelschürze und in die Hüften gestemmten Armen. Die Schürze ist DDR-Schick, der nun Teil der neuen Avantgarde wird. Diese besteht aus acht Künstlern der Bauhaus Universität Weimar. Ihre 25 Werke illustrieren eine Entwicklung, die schließlich in der Etablierung einer »Thüringer Kunst« münden soll, so Achim Preiß, Künstler und Initiator der Wanderausstellung. — Aber ohne »Heimatschmalz«, wie er weiter ausführt.

In den gezeigten Arbeiten werden aktuelle Probleme, wie der Bevölkerungsschwund in bestimmten Thüringer Gegenden, die Gleichstellung von Mann und Frau und natürlich die Bewältigung der Vergangenheit sowie der Umgang mit Ausländern thematisiert. Es bleibt allerdings ein Rätselraten, was die rot-weiß-blau karierte XXL-Plastiktasche mit dem Titel »Pandora« in diesem Zusammenhang wohl beinhalt. Sind es Übel oder Gaben? Der beliebte Begleiter vieler Ein- und Auswanderer enthält ganz sicher einiges: Hab und Gut, Vergangenheit und Zukunft, Ängste und Sehnsüchte. Alles in allem ein ganz schöner Ballast, den sie da mit sich herumschleppen.

Etwas leichter wird er, wenn man, wie bei »Fremdenfreude«, gemeinsam lachen kann. Haiying Gao präsentiert dazu »Das große Witzereißen«: Vor rosa-roten Farbstrahlen entspringt eine schwarz gefleckte Kuh einem Eingeborenen mit mexikanischer Maske in der linken unteren Ecke. Schadenfroh steckt sie ihrem Jäger dabei auch noch die Zunge heraus.

Zur Völkerverständigung regen auch die Zeichnungen von Dan Guo an. In mehren kleinen Blättern macht er Denkmuster in Verhaltensweisen sichtbar. Eine Diskussion im Parlament ist beispielsweise super, wenn sich niemand zu Wort meldet. Fragwürdig ist sie hingegen, wenn Tumult in den Rängen der Abgeordneten herrscht.

Für allerlei Auf- und Erregung sorgen nun ein pinkfarbener Plastikpenis auf einem grünen Schmuckkissen und ein Morgenstern, der zur Vagina umfunktioniert wurde. Cosima Göpfert möchte mit ihrem Dildo darauf aufmerksam machen, dass dringend mehr junge Menschen in Thüringer Dörfern benötigt werden. Dort gibt es vielerorts nur noch die Generation 60+. Rosmarie Weinlich thematisiert mit »female weapon« hingegen den Kampf um die Gleichstellung der Frau. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010 bejahten lediglich 19% der befragten Frauen und 28% der befragten Männer, dass die Gleichstellung im Berufsalltag geglückt ist. In den Bereichen Familie und Politik ist dieser Anteil mit über 60% wesentlich größer.

Es wird Zeit, den Abfall aus Vorurteilen, Klischees und überholten Vorstellungen vor die Tür zu bringen und sich entschlackt der Gegenwart und Zukunft zu stellen. »Pandora, die andere« von Katja Triol spricht dies mit einem großen blauen Müllsack am Ende des Ausstellungsganges an. Er hängt übrigens gegenüber von »Frau Samer«. Das heißt, wir selbst müssen tätig werden, um den Ballast von Bord zu werfen. Ist dies geschehen, ist die Integration gelungen und ein nachhaltiges System begründet. Einen Ausblick bietet Ihnen die Schau »Land in Sicht«!