Buchrezensionen, Rezensionen

Lars Olof Larsson: »Nur die Stimme fehlt!«. Porträt und Rhetorik in der Frühen Neuzeit, Verlag Ludwig 2012

Mit den rhetorischen Elementen in Porträts der Frühen Neuzeit beschäftigt sich der an der Universität Kiel lehrende schwedische Kunsthistoriker Lars Olof Larsson in einer konzise argumentierenden Abhandlung. Seine Bildbeschreibungen, vorgetragen im Vokabular der Rhetorik, legen die Strukturen der Bilder offen, besitzen aber darüberhinaus auch sozialhistorische Bedeutung. Stefan Diebitz hat das interessante Buch gelesen.

Larsson geht es in seiner Studie nicht um das Porträt als um die möglichst lebensnahe oder gar wahrhaftige Abbildung einer Person, sondern um die Funktion des Bildes, das die Rolle einer Person in der Gesellschaft abzubilden hatte. Charakter, so belehrt uns der Autor, hat in der fraglichen Zeit – 1500 bis 1800 – eine weitere Bedeutung gehabt als heute, denn er umfasste zusätzlich den gesellschaftlichen Stand – natürlich besonders jenen von Herrschern. Deshalb hat sich der Autor vor allem auf die Beantwortung der Frage konzentriert, »in welcher Weise die Erscheinung einer Person im Porträt von ihrer Rolle geprägt ist. Wenn die Regeln und Normen der klassischen Rhetorik sich dabei als fruchtbar erwiesen haben, liegt es daran, dass sie mit den gesellschaftlichen Normen der Epoche so eng verwoben waren.«

Authentizität in einem modernen Sinne von einem Porträt dieser Zeit zu verlangen, hieße also von ganz falschen Voraussetzungen auszugehen. Es ging um Selbstdarstellung, und in dem entsprechenden Kapitel (dem interessantesten des Buches) werden nacheinander die verschiedenen Möglichkeiten aufgezählt und mit Beispielen belegt, mit deren Hilfe der Porträtierte den Betrachter ansprechen konnte. Ein wesentliches Moment waren etwa Blick oder Gestik, was gelegentlich auch illusionistische Elemente mit einschloss. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang war der Wechsel vom reinen Profil zur ¾-Ansicht, in welcher der Porträtierte den Betrachter mit anschauen und gelegentlich mit in das Bild hineinnehmen konnte. Besonders interessant sind hier die Bilder Lorenzo Lottos (1480 – 1547), der breite Gemälde schuf, in denen sich der Porträtierte ganz vorn im Bild aufhält und mit einer ausladenden Gestik den Betrachter anzusprechen scheint.

Ein anderes rhetorisches Mittel sind Handgesten aller Art, vor allem (und von Larsson an erster Stelle genannt) die Gesten von Rednern, die sich auf vielen Porträts, etwa von Tizian, finden. Besonders Gelehrte und Künstler gestikulieren, wogegen die wirklich Mächtigen sich hier einer gewissen Zurückhaltung befleißigen. Gelegentlich stützen sie sich mit der Hand auf einen Tisch, auf dem sich die Attribute der Macht befinden.

Als eine Steigerung der rednerischen Geste erscheint die Darstellung des Porträtierten als einer sprechenden Person. Das ist eine besonders ungewöhnliche Art der Darstellung, für deren Seltenheit Georg Simmel in seinem Essay über »Die ästhetische Bedeutung des Gesichts« einen plausiblen Grund anbietet. Dem Gesicht geht nämlich durch das Öffnen des Mundes die Sammlung und Geschlossenheit verloren, und eben hierin sah Simmel den Grund dafür, dass sich ein offener Mund nur höchst selten in Porträts findet.

Möglicherweise wurde auf manchen Porträts der Mund auch nicht deshalb als geöffnet dargestellt, um einen Menschen als redend darzustellen, sondern um das Porträt lebendiger wirken zu lassen. Durch einen offenen Mund kann man ja auch atmen.

Interessant ist die Auflistung von emotional bedeutsamen Gesten wie zum Beispiel das Aufstützen des Kopfes oder das Kreuzen der Arme, die sich in verschiedenen Bildern finden. Und endlich ist die Blickrichtung oder überhaupt die Haltung des Kopfes ebenso bedeutend wie die Wahl der Kleidung.

Wie anders Porträts in der damaligen Zeit verstanden wurden, wird an der Stellvertreterrolle deutlich, welche Porträts von Herrschern einnehmen konnten; die Bilder unseres Staatsoberhauptes auf Polizeiwachen dürften nur noch ein schwacher Abklatsch sein. Tatsächlich waren in absolutistischen Zeiten dem gemalten Herrscher dieselben Demutsbezeugungen zu erweisen wie dem Landesherrn in Fleisch und Blut; in einigen Fällen durfte man ihnen nicht den Rücken zukehren. Larsson kann auch einige schöne Beispiele dafür bringen, wie besiegte Feldherren vor dem Porträt des gegnerischen Kriegsherrn kapitulieren mussten, etwa vor Philipp IV. von Spanien.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Körpersprache und Rhetorik der Standes. Das interessanteste Beispiel betrifft ein Bildnis Heinrichs VIII. aus der Hand Holbeins, an dem Larsson demonstriert, dass die für uns aufreizend aggressiv-selbstbewusste Körperhaltung des Königs von den Zeitgenossen keinesfalls »als vermessen oder arrogant empfunden wurde«, sondern dass der Maler hier lediglich Konventionen folgte.

Viel schwieriger auszudeuten ist das lebensgroße Bildnis eines überaus selbstbewussten Bürgerlichen von Frans Hals, bei dessen Betrachtung Larsson seine Ratlosigkeit offen eingesteht. »Man fragt sich, ob das Porträt wirklich ganz ernst gemeint ist, oder ob das demonstrative Offiziersgehabe des Kaufmanns vielleicht eine spöttische Note hat?«

Bildnisse von Bürgerlichen sind in dieser Zeit naturgemäß relativ selten, wogegen es eine große Anzahl von Porträts von Frauen gibt, die fast ausnahmslos die typische Frauenrolle umschreiben. Eine Ausnahme allerdings nehmen hier die Bildnisse Elisabeths I. von England ein, die eine extreme Stilisierung aufweisen, besonders auf einem Bild von Hans Eworth von 1569, das die Königin in einer Gruppe von Frauen darstellt: »Während die drei Göttinen und auch die begleitenden Hofdamen plastisch und in lebhaft bewegten Posen dargestellt sind, erscheint Elisabeth starr wie eine Statue. Ihre Kleider lassen keine Bewegung erkennen, ihre Arme sind im rechten Winkel gebeugt und unbewegt. In der rechten Hand hält sie das Zepter, in der linken den Reichsapfel.« Larsson zeigt, dass besonders die Starrheit und Steifheit des Porträts der sonst überaus bewegungsfreudigen Königin – sie war eine begeisterte und ausdauernde Tänzerin – in keiner Weise ihrem Wesen, ihrem Charakter oder ihrer Individualität gerecht wird, sondern allein auf sie als die regierende Fürstin abzielt.

Der Autor ist schwedischer Herkunft, und so werden nicht allein Porträts aus der Hand italienischer, englischer oder deutscher Maler, sondern auch verschiedener nordischer Künstler interpretiert, Maler wie etwa der in Hamburg geborene Schwede David Klöcker Ehrenstrahl (1628 – 1698), der in Deutschland weniger bekannt ist. Auch die Bildnisse der Königin Christina und anderer skandinavischer Herrscher werden ausführlich dargestellt.

Larssons systematisch aufgebautes und abwägend urteilendes Buch dürfte für jeden, der sich mit diesem Gebiet zukünftig beschäftigen möchte, unverzichtbar sein.