Ausstellungsbesprechungen

Le Corbusier – The Art of Architecture

Deutschland (Weißenhofsiedlung) und Frankreich (Ronchamp) rüsten sich, um gemeinsam das Werk Le Corbusiers zum Weltkulturerbe erheben zu lassen. Das wäre gar nicht so abwegig, gehört der Künstler doch zu den wichtigsten Architekten und Städteplanern des 20. Jahrhunderts, der sich zudem um das Kunsthandwerk sehr verdient gemacht und obendrein auch als freier Künstler Erstaunliches geleistet hat.

Das Vitra Design Museum und das Nederlands Architectuur Institut (Rotterdam) sowie das Royal Insitute of British Architects haben nun mit dieser Ausstellung angesichts der stetig steigenden Würdigung Le Corbusiers dessen Platz im Architektenhimmel bereitet. Es ist höchste Zeit gewesen, hat es doch über 20 Jahre keine Großausstellung mehr über den universal agierenden Menschen und sein Werk gegeben, der gern auch mal als Übervater der Architektur bezeichnet wird. Keineswegs hat Le Corbusier, der mit richtigem Namen Charles-Edouard Jeanneret hieß, immer diese höchste Wertschätzung erfahren. Es gab genügend Menschen, die seine Ideale für gescheitert erklärten – mit einigem Recht, denn seine streng durchgesetzten Maße kamen wohl einem klösterlichen Einkehrwillen nahe, für den Massenwohnungsbau (nicht zuletzt auch den Massengeschmack) waren sie kaum tauglich. Eine solche Kritik verstummte regelmäßig auch wieder schnell hinter der ohnehin vorgehaltenen Hand vor dem Mund. Denn unbestritten schuf er architektonische Meilensteine, die als Einzelobjekte die Nachwelt mehr prägten als alle anderen, zumindest was das 20. Jahrhundert anging, und die als Städteplanung bzw. Siedlungsbau – hätten sie denn würdige und ästhetisch vergleichbar sichere Nachfolger gehabt – womöglich die Gesellschaft verändert hätten. Wie gesagt, das blieb Zukunftsmusik, die irgendwann ausgeklungen war.

Die Ausstellung macht deutlich, dass Le Corbusier überall mitmischte: Für neoklassizistische Fingerübungen war sich der junge Architekt nicht zu schade, auch wenn er rasch die zaghaften Reformbewegungen der Jahrhundertwende in die Hand nahm und sie in knapp 20 Jahren strikt zu einem bis dahin kaum gesehenen Purismus führte, den er nach 1945 in organisch-plastizistischen Beton goss. Als Praktiker machte er Schule, und er untermauerte seine Erfolge auch theoretisch – sein Engagement für die CIAM, verbunden mit seiner »Charta von Athen« (1941), wurde selbst dann noch als Sternstunde der architektonischen Moderne angesehen, als ihr Mitbegründer ins Fahrwasser von Vichy geriet. Doch nicht nur der Architekt wird in Weil am Rhein greifbar, nimmt sich die Ausstellung doch Raum und Muße, um auch den bildenden Künstler in rechtem Licht erscheinen zu lassen.

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Die Schau macht in drei Teilen die verschiedenen Anknüpfungs- und Durchkreuzungspunkte deutlich: im Kontext seiner Reiseeindrücke und Studien, im Mit- und Nebeneinander seiner Wohnhäuser in den epochemachenden 20er-Jahren und schließlich im Kontext seiner Idee vom Gesamtkunstwerk, an dem er rund 60 Jahre arbeitete. Mehr als 200 Exponate (Modelle, Gemälde, Möbel, Plastiken, Bücher u.a.) geben Auskunft über ein üppig gefülltes Arbeitsleben. Dass dabei nicht verschwiegen wird, dass das allumfassende Sammelbecken, aus dem Le Corbusier schöpfte – Knochenfunde, kunsthistorische Reiseeindrücke, eigene Skizzen tauchten immer wieder auf und flossen in neue Bauten, Plastiken usw. ein – auch eine Radikalität beförderte, adelt die grandiose Schau: Für die Umsetzung seiner Utopie von »Voisin« hätte Le Corbusier auch ganze Stadtviertel mitten in Paris geopfert. Jeder Idealismus hat auch seine Schreckensseiten… – und solange die Gedanken frei sind und bleiben, der Verstand regulierend mitarbeitet und die Realisierung einer Idee am Menschen Maß nimmt, entstehen eben solche unerreichbaren Highlights der Baugeschichte wie die Kapelle von Ronchamp.

Als Standardwerk darf man den Begleitband zur Ausstellung betrachten. Die Literatur zu Le Corbusier ist nahezu unüberschaubar, was noch durch dessen eigenen Publikationseifer überbordende Ausmaße annahm. Da tut es gut, wenn der Katalog erst mal biographisch Fakten und damit ein bibliophiles Basislager schafft, um das Werk rundherum zu erschließen. (Es mag ein Unterschied sein, ob man den Architekten mit seiner berühmten strengen Brille wahrnimmt oder ihn am Strand mit Badehose ertappt – zumindest was das problematische Image als Übervater angeht. So rückt er auf das immer noch beachtliche Genie-Niveau eines Picasso oder Einstein »hinab«.) Er nimmt auch das Beziehungsgeflecht auf, das die Ausstellung nur andeuten kann: die Wechselwirkungen der verschiedenen Künste etwa oder die Faszination des Orients.
 

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Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag 10-18
Mittwoch 10-20 Uhr

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