Ausstellungsbesprechungen

Le Corbusier. Kunst und Architektur

Le Corbusier (1887–1965) gilt als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk hat bis heute einen beträchtlichen Einfluss auf Architektur und Städtebau. Doch sein Œuvre ist weitaus vielschichtiger. So war das intensive Zusammenspiel von Architektur, Städtebau, Malerei, Design, Film und anderen Disziplinen, die die Ausstellung anhand dreier Bereiche thematisiert, kennzeichnend für die von ihm angestrebte Einheit von Wohnen und Leben.

Die Ausstellung, die der Martin-Gropius-Bau in Berlin diesen Sommer Le Corbusier (1887–1965) widmet, trägt den Titel »Kunst und Architektur«. Nanu, mag man sich wundern, Kunst? In erster Linie fallen einem bei dem Namen dieses großen Architekten des 20. Jahrhunderts doch Bauwerke wie die Unité d’habitation in Marseille, die Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut in Ronchamp oder die Villa Savoye in der Nähe von Paris ein. In erster Linie, ja. Aber in genau diesen Assoziationen offenbaren sich auch jene künstlerischen Disziplinen, die Le Corbusier mit ebenso intensiver Hingabe ausübte, wie das Planen und Bauen selber: die Kunst am Bau, oder – und so lautet der Titel des Ausstellungskatalogs – die Kunst der Architektur. Schließlich spielte die Innenausstattung der Corbusier’schen Bauten eine essentielle Rolle im Planungsprozess. Nicht nur die Deckenhöhe der Zimmer oder die Anordnung der zu durchschreitenden Räume und Flure, sondern gerade die Wandfarben, die Mobilität der Schiebewände, die Platzierung der berühmten Möbel, die vorgeformte Liegefläche der Badewanne, das Muster der Tapeten, die Farbgebung in der Küche bis hin zur Gestaltung der Kunstobjekte an den Wänden vollenden erst das, was Le Cobusier nicht bloß als Wohnung oder Haus verstand, sondern als »Wohnmaschine«.

Den Kuratoren der Berliner Ausstellung, Mateo Kries, Stanislaus von Moos und Arthur Rüegg, geht es darum, Le Corbusier nicht nur als Architekten, sondern als multidisziplinär arbeitenden Künstler zu präsentieren. Er selber sah sich schließlich Zeit seines Lebens als »plasticien«, das heißt als plastischen Künstler. Bezeichnenderweise genoss Le Corbusier auch nie eine klassische Architekturausbildung, sondern erarbeitete sich sein Wissen und seinen Formenkatalog aus den Quellen seiner Ausbildung an der Schweizerischen Kunstschule in seiner Heimatstadt La Chaux-de-Fonds, sowie auf zahlreichen Reisen, die ihn um die ganze Welt führten. Objekte dieser Reisen sind Teil der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Betrachtet man die organischen Formen einiger antiker Vasen und deren Ornamentierung, so versteht man die Formengenese Le Corbusiers, die beispielsweise auf seinen Wandteppichen oder in seinen Gemälden wieder auftaucht.

Das Œuvre des Architekten, Malers, Bildhauers, Theoretikers und Designers einer Ordnung zu unterwerfen, fällt aufgrund dieser vielen Verquickungen der unterschiedlichsten Einflüsse schwer. Die Ausstellung »Kunst und Architektur« gliedert sich daher in drei Themenbereiche, die Le Corbusier in all seinen Facetten darzustellen suchen.

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Der erste Bereich, »Kontext«, befasst sich mit den Anfängen seines Schaffens und den Einflüssen, denen er formal und ästhetisch verpflichtet ist. Der zweite Bereich, »Privacy and Publicity« untersucht Le Corbusiers komplexes Geflecht von Privatheit und Öffentlichkeit in seinen Bauwerken. So finden sich in jeder privaten Villa doch entscheidende Interaktionen mit der Öffentlichkeit, beispielsweise mit den enormen Fensterfronten, die den Bewohnern und Passanten Gelegenheit zur Kommunikation bieten. Aber auch Le Corbusiers Selbstverständnis als Architekt und Künstler wird hier beleuchtet. Schließlich wusste er sich zu präsentieren und ein Bild seiner Persönlichkeit nach außen zu vermitteln. Die charakteristische Brille mit den dicken Rändern und die schwarze Fliege verleihen ihm bis heute einen starken Wiedererkennungseffekt.
Der dritte Teil der Ausstellung präsentiert schließlich eine Auswahl des baulichen Schaffens Le Corbusiers. Der Titel »Built Art – Gebaute Kunst« lenkt den Fokus zum Schluss wieder auf den wesentlichen Aspekt der Ausstellung: der Verbindung von Kunst und Architektur.

In Berlin findet die Ausstellung, die zwei Jahre lang durch Europa gereist ist, ihren Abschluss. Nicht ohne Grund! Schließlich verband Le Corbusier mit Deutschland eine besondere Beziehung. In Berlin sammelte er prägende Erfahrungen in seiner Zeit bei Peter Behrens in den Jahren 1910/11. Damals besichtigte er auch das Museum der Berliner Kunstgewerbeschule, das sich einst im heutigen Martin-Gropius-Bau befand. In Dresden besuchte er 1913 die Bauausstellung, ein Jahr später die Werkbundausstellung in Köln. In Stuttgart konnte er 1927 als einziger nicht deutschsprachiger Vertreter an der Weißenhofsiedlung mit gleich zwei Bauten teilnehmen, einer Doppelwohnung und einer Maison Citrohan. Ende der 50er Jahre wurde er schließlich eingeladen in Berlin eine Unité d’Habitation zu bauen.
Ein Jahr später beteiligte er sich an einem utopischen städtebaulichen Wettbewerb für Berlin-Mitte, der einen Masterplan für den Fall einer Wiedervereinigung von Ost und West darstellen sollte.

Die Ausstellung präsentiert eine Fülle an Exponaten, die größtenteils aus der Fondation Le Corbusier in Paris stammen: Pläne, Zeichnungen, Skizzenbücher, Fotos, Dokumentationen, Plastiken, Gemälde, Möbel, Publikationen, originale und nachgebaute Modelle, Kunsthandwerk sowie Objekte, die er von seinen Reisen mitgebracht hat. Gezeigt werden aber auch Werke von wichtigen Zeitgenossen Le Corbusiers: Gemälde von Picasso, Delaunay, Gris und Léger, Möbel von Charlotte Perriand und Jean Prouvé verdeutlichen die gegenseitige Inspiration der Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der in Umfang und thematischer Vielfalt der Ausstellung in nichts nachsteht. Versammelt sind Essays zu Le Corbusiers Werken und Wirken, die sich vor allem auch mit der Frage auseinandersetzen, was einer der einflussreichsten Architekten und Städteplaner des 20. Jahrhunderts der heutigen Architekturwelt noch zu sagen hat. Natürlich sind seine Vorschläge zur Neustrukturierung der Pariser Altstadt nördlich von Notre Dame, dem Plan Voisin, für die heutige von der Denkmalpflege regulierte Stadtplanung kaum nachvollziehbar. Aber Le Corbusiers gestalterisches Erbe, sein Formenkatalog und seine intensive Auseinandersetzung mit dem Wohnen des Individuums und der Gesellschaft sind heute noch spürbar. In anderen Aspekten war er sogar seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, etwa in der Überlegung, wie man den bebauten Raum durch Nutzung der Dachflächen der Natur zurückgeben kann.    

Parallel zur Ausstellung, die bis zum 5. Oktober 2009 zu sehen ist, finden Sonderveranstaltungen statt. Besonders hinzuweisen ist auf zweierlei: Zum einen auf die Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen, die in diesem September das musikalische Werk von Iannis Xenakis darbringen. Xenakis war 1958 als Mitarbeiter in Le Corbusiers Büro maßgeblich an der Umsetzung des Philips-Pavillons für die Weltausstellung in Brüssel beteiligt.
Zum anderen werden an sechs Terminen Führungen durch die Unité d’Habitation in Charlottenburg angeboten, jenem Bauwerk, das Le Corbusier nach Auseinandersetzungen mit der Stadt Berlin nicht mehr unter seinem Namen angepriesen sehen wollte: Die von Le Corbusier in Marseille umgesetzte und auch für Charlottenburg geplante Aufteilung der Wohneinheiten wurde von der Stadt aus Platzgründen abgelehnt. Wohlgemerkt ohne Le Corbusier davon zu unterrichten! So kommt es, daß die charakteristischen Wohnungen mit Wohnzimmern von zweigeschossiger Höhe in Charlottenburg dem typischen sozialen Wohnungsbau und einer Vielzahl an Ein-Zimmer-Appartments weichen mussten. Auf diese Weise hat sich Berlin bedauerlicherweise um einen echten Corbusier gebracht. Dennoch ist es ein lebendiges Beispiel für die Kontroverse, die er oftmals ausgelöst hat, und der Ablehnung, die ihm – gerade in Berlin – zuteil wurde.

Mit der Ausstellung »Kunst und Architektur« kehrt Le Corbusier nun nach über 50 Jahren nach Deutschland zurück. Sie ist einerseits eine Präsentation seines Schaffens, seines Wirkens und seiner aktuellen Rezeption. Aber sie ist auch eine tiefe Verbeugung vor dem großen Architekten, die ihm einst in Charlottenburg verwehrt wurde.