Ausstellungsbesprechungen

Leben mit Pop – Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus, Kunsthalle Düsseldorf, bis 29. September 2013

Sigmar Polke, Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg — das sind die Initiatoren des sogenannten Kapitalistischen Realismus. In der Kunsthalle Düsseldorf wird dieses Phänomen der 1960er Jahre unter dem Titel »Leben mit Pop« derzeit neu aufgelegt. Nina Loose hat sich die »Reproduktion des Kapitalistischen Realismus« einmal angeschaut.

Ein echter Richter ist heutzutage Millionen wert, ein Original von Polke nicht weniger. Dabei haben auch sie einst klein begonnen, etwa mit selbst organisierten Ausstellungen in der NRW-Landeshauptstadt. Dass die hierfür nötige PR vor fünfzig Jahren noch Fleißarbeit war, lehrt ein Blick in die Glaskästen der Düsseldorfer Schau. Da hängen z.B. monochrome Einladungskarten, mit Schreibmaschine getippte Pressemeldungen und sogar Handgeschriebenes: Ein »Antrag auf Anmietung eines Ladenlokals in der Kaiserstraße 31A« aus dem März 1963. Unter ebendieser Adresse hielten Kuttner, Lueg, Polke und Richter die »Erste Ausstellung ‘Deutscher Pop Art’« ab. Ihre Presseerklärung, worin erstmals der Begriff des Kapitalistischen Realismus fiel, erklärt zur Wahl des Schauplatzes: »Für diese Ausstellung, die keinem kommerziellen, sondern einem ausschließlich demonstrativen Charakter trägt, konnte aus verschiedenen Gründen (merkantilen und tendenziösen) keine Galerie, kein Museum und keine Ausstellungsvereinigung infrage kommen.« Also pachteten sie zum Preis von 40 DM eine leer stehende Metzgerei in der Kaiserstraße 31A, wo sie dann im Mai 1963 ihr Frühwerk vorführten.

Wer allerdings hofft, auch die entsprechenden Originale besichtigen zu können, der wird in Düsseldorf enttäuscht. An den Wänden der Kunsthalle prangen nur ca. 50 Reproduktionen, um genau zu sein auf Pappe gezogene Fotografien der Gemälde. Sie zeigen u.a. Richters früheste Foto-Bilder sowie Polkes Zeitschriften-Bilder, wofür dieser Motive aus Illustrierten verwendete. Seinem »Wurstesser«, seinem »Schokoladenbild« oder der »Party« von Gerhard Richter kann der Betrachter unschwer konsumkritische Töne entnehmen. Schließlich erlebten die Künstler das deutsche Wirtschaftswunder mit großer Skepsis, sie begeisterten sich für die amerikanische Pop Art sowie die Fluxus-Bewegung.

Beide Tendenzen flossen denn auch in das namhafte Kunst-Happening »Leben mit Pop – Eine Demonstration des kapitalistischen Realismus« im Düsseldorfer Möbelhaus Berges ein. Hier wurden am 11. Oktober 1963 die Gäste zunächst in ein Wartezimmer gebeten, dann führte man sie samt Programmzettel durch die Räumlichkeiten. Fast unbemerkt hingen die Kunstwerke zwischen dem Inventar, darunter Richters »Schloß Neuschwanenstein« und Luegs »Betende Hände«. Währenddessen figurierten die beiden Künstler selbst als Schauobjekte, indem sie auf Polstermöbeln thronten und den Rücktritt des Kanzlers Adenauer im Fernsehen verfolgten. Neben vielen Zeitdokumenten ist in Düsseldorf auch eine Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen, die diese kuriose Möbelhaus-Szene verewigt. Sie wurde ebenso wie weitere historische Fotos vergrößert, um die Atmosphäre der damaligen Zeit ins Heute zu überführen.

Nach ihrem Auftritt in der Kaiserstraße bescherte »Leben mit Pop« den Künstlern erneut die gewünschte Aufmerksamkeit. Umso enttäuschender war ihre Aktion für Berges, den Besitzer des Möbelhauses. Denn das Inventar wurde ramponiert und die Kundschaft blieb weiterhin rar. Sein Geschäft, die Sessel und das Fernsehen hatten lediglich als Sinnbilder vom deutschen Spießbürgertum hergehalten, dem die Kapitalistischen Realisten eine klare Absage erteilen wollten.

Es gab neben Düsseldorf weitere Spielorte des »Kapitalistischen Realismus«, etwa die Galerie René Block in Berlin oder die Wuppertaler Avantgarde-Galerie Parnass, welche 1964 die Ausstellung »Neue Realisten« eröffnete. Ihnen allen wird in der Kunsthalle eine eigene Sektion gewidmet, um das dortige Happening historisch aufzuarbeiten. Dabei gilt: Kein Rundgang ohne Begleitheft, das die Stationen des Kapitalistischen Realismus bündig rekapituliert. Außerdem liefert es zu jeder Schauvitrine eine Bildlegende, woraus Art und Provenienz der dort versammelten Zeitzeugnisse hervorgehen. Informationen bekommt man in Düsseldorf also zur Genüge. Doch ob diese auch jeden Ausstellungsgast über die fehlenden Originale von Richter & Co. hinwegtrösten werden? Das ist zu bezweifeln.