Ausstellungsbesprechungen

Leibhaftig. Der menschliche Körper zwischen Lust und Schmerz, Arp Museum Rolandseck, Remagen, bis 25. Januar 2015

So manche Heiligenvita könnte auch ein Splatter-Movie sein: Es wird gehäutet, durchbohrt, geröstet und abgeschnitten. Die Drastik solcher Schmerzdarstellungen findet sich in den barocken Kunstwerken der Remager Schau gespiegelt. Die Lust bleibt da auf der Strecke, findet Rainer K. Wick.

Dass es alles andere als leicht ist, aus den Beständen einer existierenden Privatsammlung mit einem facettenreichen Profil eine überzeugende Themenschau zu destillieren, zeigt die aktuelle Sonderausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck mit dem neugierig machenden Titel »Leibhaftig«. Der Untertitel »Der menschliche Körper zwischen Lust und Schmerz« lässt allerdings sogleich Zweifel aufkommen, ob hier nicht zu hoch gepokert wird. Denn es ist illusorisch, mit rund sechzig Exponaten der ganzen Bandbreite dieses Themas gerecht werden zu wollen. Zumal dann, wenn der Anspruch erhoben wird, »den Körper im Wandel der Zeiten und im Wechsel der Kunstmedien« – so Museumsdirektor Oliver Kornhoff – zur Anschauung zur bringen.

Während andere Museen im Jahr des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren die Reaktionen der Künstler auf die Kriegsereignisse und die physischen und psychischen Verletzungen der in das Kriegsgeschehen Verwickelten zeigen, möchte das Arp Museum »die Schrecken jener ersten globalen Katastrophe [...] nicht im großen Kriegs-Panorama, sondern mit Blick auf den Menschen selbst erfahrbar machen«, so Kornhoff weiter. Das bleibt sehr allgemein und unverbindlich, und so gelingt der Ausstellung trotz interessanter Exponate keine inhaltlich überzeugende Zentrierung oder thesenartige Zuspitzung.

Den Kern der von Susanne Blöcker kuratierten Ausstellung bilden Werke aus der Kunstkammer Rau, sprich aus der Sammlung des 2002 verstorbenen Tropenmediziners und Kinderarztes Gustav Rau, der seinen Kunstbesitz schon zu Lebzeiten der Stiftung des Deutschen Komitees für UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, vermacht hatte. Im Arp Museum in Rolandseck wird ein Teil dieser Werke wissenschaftlich aufgebarbeitet und in wechselnden Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass Rau nicht nur als Arzt, der nach dem Vorbild von Albert Schweitzer in Afrika in einem eigenen Krankenhaus vor allem Kinder behandelte, ein genuines Interesse am Menschen hatte, sondern auch als Kunstsammler, macht die aktuelle, durch Leihgaben ergänzte Schau unmittelbar deutlich. Entgegen der durch den Untertitel suggerierten Erwartung des Besuchers, dass diese Ausstellung den menschlichen Körper gleichermaßen hinsichtlich seiner lustvollen und schmerzhaften Aspekte thematisiert, liegt der Akzent allerdings eindeutig auf Darstellungen des körperlichen Leidens. Denn tatsächlich dominieren in der Ausstellung Gemälde und Skulpturen, die die Ausübung physischer Gewalt und deren Folgen demonstrieren – bis hin zum Tod.

Dies belegen etwa zwei antike Darstellungen des Satyrn Marsyas, der es gewagt hatte, Apoll zu einem musikalischen Wettkampf herauszufordern, in dem er unterlag und zur Strafe gehäutet wurde. Von Marsyas schlägt die Kuratorin einen großen Bogen zur Kunst der Gegenwart, nämlich zu Damien Hirsts vergoldeter Skulptur »Saint Bartholomew« von 2011, die den Heiligen als Märtyrer vorstellt, der seine Haut, die ihm von seinen Folterern abgezogen wurde, über den scheinbar triumphal ausgestreckten Arm geworfen hat. Hirst zitiert hier den berühmten »Muskelmann« mit seiner anatomisch genauen Wiedergabe der menschlichen Muskelgruppen, den der klassizistische französischen Bildhauer Jean-Antoine Houdon im Jahr 1767 geschaffen hatte. Diese Strategie der Appropriation, der Aneignung und verfremdenden Verarbeitung vorhandenen Materials ist ein typisches Merkmal postmoderner Kunstpraxis, die seit geraumer Zeit unter dem Begriff der Appropriation Art zirkuliert. Im Unterschied zur Hirst »Bartholomew« erscheint die 2007/08 entstandene wächserne »Pietà« der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere künstlerisch wesentlich eigenständiger, auch wenn sie ein ikonografisch traditionsreiches und kunstgeschichtlich stark besetztes Thema aufgreift. Ihre eindringliche Wirkung bezieht diese Skulptur aus der irrtierenden Tatsache, dass sie nicht nur kopflos ist, sondern auch daraus, dass die traditionell den leblosen Christus auf dem Schoß haltende Schmerzensmutter fehlt.

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In erster Linie ist es die christliche Kunst vom Mittelalter bis in die Zeit des Barock, die mit oft überaus drastischen Bildmitteln Schmerz, menschliches Leiden und qualvolles Sterben zeigt. Dabei stehen der geschundene und gekreuzigte Jesus von Nazareth wie auch die Märtyrer und Märtyrerinnen in seiner Nachfolge im Mittelpunkt. Obwohl im Sinne einer christlichen Erlösungserwartung immer religiös hinterlegt, ist manchen dieser Kunstwerke ein ausgesprochen sadomasochistischer bis nekrophiler Charakter zu eigen. Belege gibt es genug, von Darstellungen des von Pfeilen durchbohrten hl. Sebastian aus der nordischen Renaissance über eine Szene des Martyriums des hl. Laurentius, der der Legende nach von seinen Folterknechten auf einem Rost dem Feuertod überantwortet wurde, bis hin zu einer moselländischen, farbig bemalten Tonstatue aus der Zeit um 1500, die die hl. Agatha zeigt, der im Rahmen ihres Martyriums mit Zangen die Brustwarzen ausgerissen und die Brüste abgeschnitten wurden. Natürlich darf in der Ausstellung der Sensenmann als memento mori, als mahnende Erinnerung an die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit allen irdischen Seins, nicht fehlen – hier in Form eines aus Holz geschnitzten, dynamisch agierenden Todes aus dem Zeitalter des Barock. Dass in Rolandseck das dazu thematisch passende Motiv des Totenschädels eine prominente Rolle spielt, ist nur konsequent. Im Kontrast zum Schrecken, der von diesen Exponaten ausgeht, muten die schön gearbeiteten Votivbleche, die die Menschen im Barockzeitalter in die Wallfahrtskirchen brachten, geradezu versöhnlich an. Sie zeigen Gliedmaßen und Körperteile wie Arme, Beine, Füße, Brüste, Augen und Münder. Als Bittopfer waren sie Ausdruck eines Wunsches, zum Beispiel im Fall des Herzens eines Liebeswunsches. Nach überstandenen schweren Krankheiten stifteten die Gläubigen ihre Votivgaben zum Dank für das Wunder der unverhofften Genesung.

Angesichts des Übergewichts von Darstellungen gequälter, leidender und sterbender Leiber tritt in der Ausstellung der komplementär gedachte Aspekt körperlicher Schönheit und sinnlicher Freuden leider stark in den Hintergrund. Erwähnt seien nur der sogenannte Herakles Lansdowne aus der Zeit um 340 v. Chr., der als klassischer „Idealkörper“ in Erscheinung tritt, der hellenistische »Barberinische Faun«, der sich den Blicken in einer lasziven Pose darbietet (beide Skulpturen als Abgüsse des Bonner Akademischen Kunstmuseums), Gustave Courbets in einer unkonventionellen Perspektive gegebene nackte »Bacchantin« aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, deren erotische Reize der Künstler dezidiert zur Schau stellt, und Frédéric Bazilles proto-impressionistischer, am Ufer stehender »Fischer mit Netz« von 1868, ein Rückenakt mit »unterschwellig homoerotischer Ausstrahlung«, so Susanne Blöcker. Dass in der Ausstellung das 20. Jahrhundert krass unterrepräsentiert ist, dürfte den Interessen und Neigungen des Sammlers, Gustav Rau, geschuldet sein.

Empfehlenswert ist das farbig bebilderte Katalogbuch, in dem sich neben Aufsätzen der Kuratorin und anderer Autoren Kleinabbildungen aller Exponate mit kurzen, aber prägnanten Begleittexten und sachdienlichen Literaturangaben finden. Wer an einer thematischen Vertiefung interessiert ist, sei auf das vor mehr als sechzig Jahren erschienene, immer noch lesenswerte Grundlagenwerk »Das Nackte in der Kunst« des britischen Kunsthistorikers Kenneth Clark hingewiesen, in dem der Verfasser in den Kapiteln »Schmerz« und »Ekstase« ausführlich auf zwei Aspekte eingeht, die in identischer Begrifflichkeit auch im Katalog der Ausstellung in Rolandseck zur Sprache kommen. Jenseits des kunstgeschichtlichen Betrachtungshorizontes bietet die Ausstellung im Arp Museum eine ganz spezifische Reflexionsebene für die immer neu sich stellende Grundsatzfrage nach dem »sogenannten Bösen« (Konrad Lorenz), das dem Gattungswesen Mensch offenbar tief eingeschrieben ist und sich seit eh und je und bis in die unmittelbare Gegenwart mit oft unfassbarer Brutalität Bahn bricht.