Ausstellungsbesprechungen

Leipzig: MADE IN LEIPZIG – Bilder aus einer Stadt

Bis in den Frühsommer hinein war im schweizerischen Burgdorf eine Ausstellung unter dem Titel »Made in Germany« zu sehen, die gegenwärtige Malerei von Gerhard Richter über Herbert C. Ottersbach bis hin zu Henrik Eiben und Torben Giehler zeigte – ein flotter Überblick über ein halbes Jahrhundert hinweg.

Zu Ende ging kürzlich auch eine weitere Ausstellung in der Münchener Hypo-Kunsthalle, die zwar ohne ein allein deutsches Gütesiegel auskam, aber in der Schau »Zurück zur Figur« auch ein großspuriges Licht auf die deutsche Gegenwartskunst warf: Christian Brandl, Neo Rauch, Christoph Ruckhäberle, Annette Schröter u.a.m – wie alte Bekannte schlendern sie nun auch durch die Ausstellung in Klosterneuburg. Die Kunst aus deutschen Landen steht ohne Frage zur Zeit hoch im Kurs, zumal in ihrer figurativen Darstellung. Die Schau in Klosterneuburg bei Wien geht noch einen Schritt weiter und verankert die jüngste Strömung der »angesagten« Malerei in Leipzig.

Für Österreich ist es ein Novum, wohl noch nie wurde so offenherzig der Fokus auf die aktuelle Kunst in einer deutschen Stadt gelenkt. Die Ausstellung ist aber auch über den österreichischen Blick und ungeachtet des oben angedeuteten öffentlichen Interesses an deutscher Kunst hinaus ein Novum insofern, als die vorgestellte Zeitspanne weit ins 20. Jahrhundert zurück reicht und auch eine Tür geöffnet wird zur Druckgrafik und zur Fotografie hin, die bislang seltener im Kontext der Leipziger Schule auftauchte. Etwa 100 Arbeiten von 29 Künstlerinnen und Künstler sind noch bis Anfang September in dem österreichischen Privatmuseum zu sehen. Die meisten Werke sind museumseigene Ankäufe der vergangenen Jahre, was ein Zeichen für die Begeisterung ist, mit der der Sammler Essl an die jungen Realisten herangeht.

Vor fünf Jahren schien alles noch relativ offen: Die neuen Realisten waren ausgemacht, flächendeckend. Dass dann der Blick sich auf Leipzig einschoss, ja auf die Klasse des Malers Arno Rink, ging manchem zu geschwind – Rink winkte schon ab, sah etliche kleine Lichtlein im Rampenlicht verglühen (und hatte auch nicht so unrecht). Darüber hinaus übersahen allzu enthusiastische Trendsetter, dass es die eine Leipziger Schule gar nicht gab und gibt, sondern gleich viele Schulen dort, die zu vermarkten mehr Fingerspitzengefühl erfordern, und dass zumindest die Leipziger Schule, die plötzlich in aller Munde war, keineswegs so viel Profil hatte, um als künstlerisches Zentrum durchzugehen. Zum einen lässt sich unter den jungen Leipziger Künstlern kein programmatisches Bekenntnis zum Realismus ablesen, selbst wenn dieser klar dominiert, zum anderen finden sich andernorts Künstler, die man bedenkenlos den Leipzigern zuordnen könnte, obwohl sie ihre Prägung ganz woanders bekamen (konkret wären das etwa, um nur zwei wichtige Namen zu nennen, Eckart Hahn, der in Stuttgart sein Handwerk erlernte, oder Leif Trenkler, der in Düsseldorf und Frankfurt studierte).

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Man muss das voraus schicken, um die Esslsche Ausstellung recht zu würdigen. So beeindruckt der durchaus kauffreudige Hausherr von den jungen Realisten unter den Leipzigern war – die besten, Rinks Lehrstuhlnachfolger Neo Rauch, und der Biennale-Teilnehmer Matthias Weischer erzielen heute gut und gerne sechsstellige Preise für ihre Arbeiten –, er ließ sich nicht einengen. Schon der Titel der Schau ist klug gewählt: »Made in Leipzig« hat etwas von Jeff Koons’ »Made in Heaven«, sprich öffnet die Kontur ein wenig, was durch den Untertitel »Bilder aus einer Stadt“ noch bekräftigt wird – einer Stadt eben, es könnte wohl auch eine andere sein, nur in der Klosterneuburger Schau finden sich zufällig Arbeiten, die in Leipzig gemacht wurden. Und da ist sie schon, die Vorzeigeriege: neben Rauch und Weischer sind das Stars wie Baumgärtel, Eitel oder Ruckhäberle, kaum weniger bekannt sind inzwischen Brandl, Busch, Hartwig und Wolfram Ebersbach, Grahnert, Kobe, Kowski sowie Lehner, beachtlich außerdem Loy, Puder, Richter, Schnell, Schröter und Schulz. Greift man nur mal Hartwig Ebersbach heraus, ahnt man die Spannweite, die Leipzig zu bieten hat – der jüngst ausgezeichnete Jerg-Ratgeb-Preistäger zeigt in seinem Werk einen fast abstrakten Expressionismus. Auch in der Technik räumt die Galerie mit einem Vorurteil auf, demzufolge die neuen Medien in Leipzig zu kurz kämen: Ganz erstaunliche Fotografien präsentieren Matthias Hoch, Maix Mayer und Ricarda Roggan. Und wo schon andere Techniken angesprochen sind, muss man die grandiosen Holzschnitte von Christiane Baumgartner hervorheben, die den guten alten Hochdruck in ganz neue Gefilde hebt. Und noch eine Frau sei in die vorderste Reihe gestellt: Herzhaft erfrischend sind die Gemälde von Rosa Loy, die in der männerbetonten Leipziger Akademie ganz eigene Töne anstimmt, die sicher so schnell nicht verklingen werden.

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Unter die oben und sogenannten jungen Leipziger hat sich fast wie von selbst ein alter Herr eingeschlichen, dem man sein Alter im Werk nicht ansieht: Hartwig Ebersbach ist Jahrgang 1940 und gehört eigentlich der älteren Generation an, die in Klosterneuburg ein Forum bekommt: In DDR-Zeiten prägten Sighard Gille, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Arno Rink und Werner Tübke die Leipziger Akademieszene. Ebersbach, der heute mit seinen gestischen Chiffren brilliert, malte damals noch figürlich (vergleichbar dem noch heute kaum veränderten Stil Gilles). Es ist ein großes, wenn auch kaum beabsichtigtes Verdienst der Jung-Leipziger, dass sie eine Brücke zu den wichtigen Malern des untergegangenen ostdeutschen Staates geschlagen haben. Auch wenn diese von ganz anderem, politischem, Kaliber gewesen sind als die zuweilen gefälligen »Erben«, so steht man doch staunend vor derart vielfältigen, über Generationen hinweg gültigen Spielarten des Realismus. Die Leipziger Kunst als solche ist wohl nicht zu finden, aber die Sammlung Essl zeigt herrliche Werkbeispiele, die in Leipzig entstanden sind oder hier vorbereitet wurden.

 

 

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