Ausstellungsbesprechungen

Lieber Tröger male mir …, Galerie Rainer Wehr, Stuttgart, bis 16. Mai 2012

Der Galerist Rainer Wehr war wieder unterwegs auf Entdeckungstour durch die Kunstakademien der Republik. Fündig geworden ist er an der Nürnberger mit Sebastian Tröger. Seine Bilder sind ein verwegener Ritt durch den Anachronismus der Kunstgeschichte. Günter Baumann hat sich dem gestellt.

Schon der Titel der Ausstellung verfehlt seine irritierende Wirkung nicht: Die Anrede klingt im Ansatz vertraulich, aber es folgt kein lieber »Sebastian«, sondern salopp die als Anruf eher fremdelnde Benützung des Nachnamens des Künstlers, »Tröger« — die Aufforderung »male mir …« verlegt sich wieder aufs Du, doch im Kontext gleicht die Formel einem Affront: Der moderne Künstler malt in der Regel, was er will, der Imperativ hat hier allerdings eher etwas von einem Zuruf, als habe man einen Sitcom-Artisten vor sich, der eben mal etwas darstellt, was andere sich wünschen. So klar allerdings der Adressat ist, so undeutlich bleibt, wer als Absender fungiert. Ist es ein fiktiver Auftraggeber, ist es der Galerist? Ist es womöglich Sebastian Tröger selbst, der sich selbst Aufgaben stellt? Wie auch immer: Sebastian Tröger, der in Nürnberg und Karlsruhe studiert hat, gehört zu den beeindruckenden Neuentdeckungen im Land, und er ist selbstbewusst genug, dass er den Titel über seiner Ausstellung womöglich gar nicht als Aufforderung liest, sondern als narzisstische Aussage unter Weglassung des Subjekts, im Sinne von: »Lieber Tröger, (ich) male mir …«.

Mit eruptiver Power presst Sebastian Tröger (geb. 1986 in Erlangen) die Farben gleich tubenweise auf die Leinwand, mischt trotzig-frech und widerborstig Assoziationen an Baselitz, Förg, Kippenberger, Richter & Co. unter, lässt Klee und Mondrian aufeinander los, konfrontiert Kubismus mit Minimalismus — und erschafft dabei ›echte Tröger‹ mit kompositorischer Prägnanz und eigenwilliger Farbgestaltung. Hinter den witzigen Titeln verbergen sich zuweilen doppelbödige Reflexionen über die Kunst und ihren Markt: »Sehr guter chinesischer Maler kopiert einen Tröger im Maßstab 1:18« etwa parodiert den momentanen Hype um chinesische Künstler, die allesamt begnadete Kopisten sind, denen jedoch zuweilen das eigene Genie abhanden kommt.

Auf einer anderen kunterbunten Leinwand deutet Tröger einen Raum an mit figurativen und gegenständlichen, aber bis zur Unkenntlichkeit abstrahierten Motiven sowie einem dürren Hund inmitten des Saales. Der Titel bietet gleich eine Anekdote und eine Art Kunsttheorie an: »Günther Förg hat Geburtstag und alle haben etwas mitgebracht (Frau Graw hält eine Rede)«. Es geht also um ein Fest für den Kollegen Förg, beglückt mit Kartons, Pflanzen, Kunstobjekten usw., sowie mit einer Laudatorin, die zwar nicht auszumachen, aber konkret fassbar ist: Es handelt sich um die Kunstkritikerin und Professorin für Kunsttheorie Isabelle Graw, die mit Publikationen wie »Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity« an die Öffentlichkeit getreten ist. Tröger beherrscht sowohl das große als auch das kleine Format, die in der monumentalen Größe zum Anti-Pathos neigen (»Gerhard Richter entdeckt die abstrakte Malerei«), während die Miniaturen eine gewollte Komik bieten (»Gerhard Richter findet einen Pinsel, der aussieht wie ein schöne Blume«). Es wundert nicht, dass der Jungwilde auch ohne Respekt an die Schöpfungsgeschichte herangeht, wie er den RAF-Terror (den viele seiner Altersgenossen kaum noch dem Namen nach kennen) veralbert.

Spätestens hier zeigt sich, dass der kindlich-naive Duktus der Gemälde vorgetäuscht ist — wer mit den Elementen der persönlichen oder auch kollektiven Erinnerung spielt, muss eine Vorstellung von den Hintergründen haben. Selbst die Farben gaukeln eine heitere Welt vor, die vergessen macht, dass die Szenerien häufig mit Isolierung, kommunikativen Engpässen und nüchternen Verdinglichungen zu tun haben. Man muss nicht gleich von einer kafkaesken Position reden, aber wenn man sich vor Augen führt, dass Franz Kafka herzhaft über seine tiefgründig-düsteren Erzählungen lachen konnte, dürfen wir die Bilder von Sebastian Tröger mit Amüsement lesen, wenn wir ihnen zugleich den durchdachten Aufbau und den intellektuellen Gehalt zugestehen. Wie sagte doch schon Friedrich Schiller: »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst« — Tröger geht weiter, seine vom Leben gezeichnete Kunst bildet hier die Schnittmenge ab.