Ausstellungsbesprechungen

Linda McCartney – Die 60er Jahre. Portrait einer Ära, Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 19. Juni 2016

Zurück in die wilden 60er geht die Reise! Das kleine, aber feine Kunsthaus Apolda Avantgarde zeigt Fotografien von Linda McCartney aus diesem wilden Jahrzehnt. Sie portraitierte zahlreiche Musiker und offenbart sich dabei als großartige Fotografin. Stefanie Handke hat sich die faszinierenden Bilder angesehen.

Auf den Ellbogen gestützt, den Kopf in die linke gelegt, fixiert ein junger Mann aus runden Brillengläsern fragend etwas außerhalb unseres Blickfeldes, das Gesicht von langen Jahren umrahmt. Er trägt ein Hemd, darüber einen Wollpullunder. John Lennon ist es, den Linda McCatney so dereinst portraitierte. Das Bild ist sicherlich eines der prominentesten der Ausstellung und auch ein typisches für das Werk der Fotografin. Sie erfasste mit ihren Aufnahmen die Persönlichkeit ihrer Modelle, stellte ihr Innerstes dar. Das macht sie zu einer brillanten Portraitfotografin, schien einigen Modellen aber auch besorgniserregend. So beschrieb Linda McCartney ihre Begegnung mit Jim Morrison: »Als ich er zum ersten Mal in mein Appartement kam, sah er meine Arbeiten an und meinte hinterher, er wüsste nicht genau, ob er sich von mir fotografieren lassen will, weil ich den wahren Charakter meiner Figuren enthüllen würde.« Vielleicht hatte Morrison damit sogar recht; die Bilder, die von ihm in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen ihn als Sänger, aber auch als nachdenklichen, melancholischen jungen Mann, den ein Sonnenstrahl sanft erleuchtet.

Andere Stars, die einem in der Ausstellung begegnen, sind Aretha Franklin, Jimi Hendrix, Tiny Tim oder Janis Joplin. Oft sind den Bildern Zitate und Berichte beigegeben, etwa über das geringe Selbstbewusstsein der Rocksängerin, die erst durch die Aufmerksamkeit des Publikums aufzuleben begann und die wir hier als ganz der Musik und dem Publikum ergebene Person erleben, die sich aber trotzdem vor dem Auftritt mit Unmengen Alkohol Mut antrinken musste. Auch Jimi Hendrix und die große Aretha Franklin begegnen in der Ausstellung keinesfalls als abgehobene Poplegenden, nein, Linda McCartney setzte sie sensibel und vor allem in ruhigen Momenten in Szene. So sind die Bilder, die sie hinter der Bühne oder im Studio aufnahm weitaus interessanter als die Konzertfotografien.

Bereits 2014 entführte das engagierte Kunsthaus in die 60er Jahre, damals mit Fotografien der Ikone Marilyn Monroe. Diesmal ist aber die Fotografin das eigentliche Thema. Mit »Linda McCartney – Die 60er Jahre. Portrait einer Ära« rückt nun nicht nur eine wilde Zeit, sondern auch eine Fotografenpersönlichkeit in den Fokus, die beeindruckt. Begonnen hat deren kurze Fotografinnenkarriere übrigens durch einen Zufall: Ab 1965 arbeitete Linda Eastman als Empfangsdame und »Mädchen für alles« bei der Zeitschrift »Town and Country«. Eine Einladung zu einer Pressekonferenz der damals noch weniger bekannten Rollings Stones nahm sie als einziges Redaktionsmitglied wahr. Mit der Fotografie hatte sie sich bis dato nur privat beschäftigt, hatte Kurse an der Hochschule belegt und für sich fotografiert. Auf der Pressekonferenz vergaß ein Kollege, seinen Film einzulegen und bat sie um Hilfe. Diese Bilder ebneten ihren Weg in die großen Musikmagazine und stellen zugleich den Beginn des Zyklus »The Sixties – Portrait of an Era« dar. Ihre Stärke war dabei die ungekünstelten Aufnahmen der (späteren) Stars, die ihre Persönlichkeiten einfing und als Menschen statt Ikonen inszenierte.

1969 beendete sie bereits ihre kurze Karriere als Musikfotografin. Durch ihre Arbeit hatte sie den Beatle Paul McCartney kennen gelernt, mit dem sie eine lange und glückliche Ehe führen sollte. So finden sich denn auch Fotos ihrer Kinder und ihres Ehemannes in der Schau. Besonders berührt das Bild ihres Mannes, der die Tochter Mary im Fellmantel warm hält 0 Familienglück im besten Sinne. Linda fotografierte also auch im Privaten weiter – diesen Fotografien ist der zweite Teil der Ausstellung gewidmet. Er steht unter dem Motto »Roadworks« und zeigt, dass Linda McCartney das Fotografenhandwerk beherrschte. Sie umfassen die Zeit ab 1968 bis 1995 und wollen eine Art Roadmovie sein, ein fotografisches Tagebuch aus dem Alltag, oft aus dem Auto heraus aufgenommen. Viele davon strahlen eine ganz besondere Stille aus, etwa »Stallion and Stone«, ein Platindruck. Die Aufnahme zeigt ein Pferd, vor einem monumentalen Stein stehend, vielleicht einem Megalithen.

Auch experimentelle Arbeiten finden sich in diesem zweiten Teil der Ausstellung: So experimentierte McCartney mit Verfieltältigungsverfahren des frühen 19. Jahrhunderts, indem sie lichtempfindliche Chemikalien mit dicken Pinseln auf Papier brachte und dann einen Vergrößerungsprozess unter Einfluss von Tageslicht in Gang setzte. Es entstanden Blau- und Sepiafarbene Bilder.

Natürlich finden sich unter den »Roadworks« auch zahlreiche Straßenszenen, etwa »Out Here« (1975): In silbrig-blaugrauem Ton sehen wir einen fahrenden Pickup, auf der Ladefläche ein Fahrrad und ein Passagier. Das Bild scheint eine einzige Inszenierung des »American Way of Life« oder einer Highway-Romantik zu sein wie sie nur in den USA möglich ist. Ganz anders dagegen »Fear Crawled« (1973), das die Sorgen des einzigen Passanten auszustrahlen scheint. Auch in diesem Teil der Ausstellung kommt man übrigens nicht an Linda McCartneys Familie vorbei: »My Love« (1978) zeigt eine Londoner Straßenszene, wohl vom Rücksitz aus aufgenommen – im Rückspiegel blickt Paul McCartney den Betrachter an. Eine alltägliche, wieder sehr intime Szene, die den Tagebuchcharakter dieser wunderbaren Ausstellung illustriert.

Der Titel der Ausstellung ist also nicht ganz korrekt; sie bietet vielmehr als nur Aufnahmen der 1960er Jahre: ein ganzes Fotografinnenleben, das von einem wachen Blick für Menschen und Stimmungen zeigt. Sie beweist, dass die Frau des Beatle Paul McCartney, die sich nach ihrer Heirat zurückzog und ihre Familie und die Musik in den Vordergrund stellte, weiter mit der Fotografie beschäftigte und dabei durchaus das zeug zu einer weiteren Karriere gehabt hätte. Ihre experimentellen Aufnahmen zeugen auch von ihrem handwerklichen Können. Eine absolute Ausstellungsempfehlung!

Flankiert wird die Schau obendrein von den Aufnahmen alt gewordener Stars. Werner G. Lengenfelder stellt im Kabinett des Kunsthaus Apolda Avantgarde unter dem Motto »Never too old for Rock'n'Roll« Fotografien der letzten Jahre aus. Sie zeigt Bilder großer Künstler jenseits der sechzig und bildet so eine spannende Ergänzung zu den jungen Künstlern, die Linda McCartney abbildete.