Ausstellungsbesprechungen

Lithografie um 1900. Wie Malerei?

Im Zeitalter digitaler Medien muss man schon daran erinnern, dass es Anno dazumal auch andere Techniken gab, die den Kunstmarkt umkrempelten, die Wohnzimmer schöner machten und überhaupt die Kunst in massenhafter Vervielfältigung in die Welt beförderten.

Die Städtische Galerie zeigt zur Zeit die wunderbare Ausstellung über die Lithografie um 1900. Wunderbar nicht nur im Sinne ästhetischer Anschauung, denn was einst mit dem Angebot von Lithografien erreicht wurde, hatte zudem wohl auch sozialreformerische Hintergründe: Warum sollten nur die Reichen ihr Lieblingsbild in Öl übers Bett hängen. Freilich, die Speisepläne fielen kaum üppiger aus, aber die Wände auch karger Stuben konnten nun mit wohltuenden Motiven geschmückt werden. Und der Titel der Ausstellung legt es nahe: Zwar tat die Lithografie nur so, als sei sie Malerei, aber das Fragezeichen hinter dem Vergleich kann man sich durchaus als trotziges »Nein, aber trotzdem...« vorstellen.

Der Siegeszug der Lithografie um die Wende zum 20. Jahrhundert lässt sich – neben dem Kostenfaktor – auf den malerischen Reiz zurückführen, den diese Technik ermöglichte, ohne auf den spontanen, unmittelbaren Zugriff verzichten zu müssen, der eher der Zeichnung eignet. Immerhin: Der japanische Farbholzschnitt ließ auf Umwegen andere Drucktechniken in den Vordergrund marschieren, die eine Alternative zur Zeichnung boten, malerische Qualitäten entwickelten und den Vorteil der Vervielfältigung nutzten. Die neu verbreitete Farblithografie kostete grade mal sechs Mark. Das war damals unschlagbar (und ließ sich auch nur deshalb so kalkulieren, weil das ganze Reich hinter den Flachdrucken her war). In der Ausstellung sind neben rund 50 Künstler auch die Hauptmeister vertreten wie Henri de Toulouse-Lautrec, Pierre Bonnard und Edvard Munch neben Karlsruher Künstlern wie Hans Thoma, Otto Fikentscher, Friedrich Kallmorgen u.a. Die Technik erwies sich als außerordentlich variationsreich – die Bandbreite reichte vom klassischen Sujet bis zur Werbegrafik.

Karlsruhe entwickelte sich sogar zu einem Zentrum der Lithografierkunst, die bald in ganz Deutschland geschätzt wurde. Die Leipziger Verlage Teubner und Voigtländer deckte einen großen Teil ihres Bedarfs aus den Ateliers in der Badenmetropole. Sogar auf der Weltausstellung in Paris 1900 waren die Blätter aus Karlsruhe gefragt.

Machte die Lithografie nun auch der Malerei den Platz in der Kunst streitig? Mit Sicherheit drohte hier mehr Gefahr seitens der Fotografie – die sich aber kompositorisch lange noch recht malerisch gerierte –, aber die günstige Herstellung und hohe Auflage von gut und gern 1000 bis 10000 Exemplaren konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine hochkomplizierte Drucktechnik war, die größtes Einfühlungsvermögen und technische wie künstlerische Versiertheit des Künstlers voraussetzte, um an das optische Erscheinungsbild eines Gemäldes heranzukommen.

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Insofern war die Lithografie schlichtweg eine Bereicherung. Der Zeit muss man es anrechnen, dass neben den klassischen Sujets der Malerei – Landschaften im weiteren Sinne wie in seinen engeren Unterabteilungen des Blumenstilllebens oder des symbolträchtigen Jahreszeitenbildes sowie das Menschenbild – auch nationale Töne angeschlagen wurden, die es ja auch rasch zu verbreiten galt.

Nicht weniger als 200 Arbeiten machen die Schau in Karlsruhe zur farbprächtigen Entdeckungsreise. Gerade die Technik der Lithografie schien geeignet, um die gewachsenen Aufgaben der Kunst zu formulieren, denn zum einen hieß es Abschied nehmen von Traditionen (etwa in dem rührend anmutenden Blatt »Die Pferdepostkutsche« von Walter Georgi, 1906) und dem zuweilen problematischen Fortschritt ins Auge zu sehen (man denke an das Arbeiterbild in der »Lokomotivenwerkstatt« von Friedrich Kallmorgen, o.J.), zum anderen wuchs neben dem Stimmungsbild – eine Parade grandioser Bildbeispiele gibt es von Albert Haueisen, Gustav Kampmann, ganz obenan Walter Strich-Chapell und anderen zu sehen – das Bedürfnis nach dokumentarischen Arbeiten (so Kallmorgens »Rathaus zu Bremen«), in Fachpublikationen nutzbaren Momentaufnahmen (wie Fikentschers »Krähen im Schnee«) sowie nach Devotionalien, zu dem allerhand religiöser Gefühlskitsch auf dem Druckstein verewigt wurde.

Die »Krähen im Schnee« zieren übrigens den Einband des sehr empfehlenswerten Katalogs, der neben der üppigen Bebilderung sachkundige Informationen über den Karlsruher Künstlerbund vermittelt.

 

 

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Öffnungszeiten
Mi–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr