Ausstellungsbesprechungen

Logical Emotion. Zeitgenössische Kunst aus Japan, Moritzburg Halle (Saale), bis 26. Juli 2015

Anlässlich des 20. Jubiläums der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Halle/Saalekreis zeigt das Kunstmuseum Moritzburg die bisher umfangreichste Ausstellung zeitgenössischer japanischer Kunst in Deutschland. Rowena Fuß hat die Gelegenheit genutzt und die Auseinandersetzung mit den eigentümlich oberflächlichen Werken gesucht.

Seltsam leuchtende Stalaktiten und Stalagmiten mit schwarzen Punkten, die sich ins Unendliche ziehen. Die »Tropfsteinhöhle« von Yayoi Kusama mit dem Titel »Love is Calling« aktiviert ohne Frage unsere Sinne. Nur sollte man der Tiefendimension des Ganzen wenig vertrauen. Denn Spiegel verzerren die Raummaße. So bleiben Grenzenlosigkeit und Ewigkeit eine Illusion.

Weniger knautschbar als Kusanas Raum-Zeit-Kontinuum ist die Installation »data.scan«. Jedes Pixel folgt mathematischer Kalkulation. Der Video- und Klangkünstler Ryoji Ikeda macht so das Unsichtbare sichtbar, Datenmengen nämlich. Die Zufälligkeit der optischen Erscheinung wird noch durch einen eigenen Soundtrack unterstrichen, der auch ganz zufällig die Binarität der Anlage betont.

Lost in Translation? Zugegeben, es ist ein wunderlicher Kosmos, der dem Besucher in den Räumen des Hallenser Museums begegnet. Technisch und organisch zugleich. Das zeigt sich auch an einem Konstrukt aus 6.000 roten Strohhalmen von Akihisa Hirata. Ob man darin aber nun eine Trägerkonstruktion, eine chemische Formel oder ein Adernnetz sehen will, bleibt ein bisschen auch dem Betrachter vorbehalten.

Unter dem bipolaren Titel »Logical Emotion« fasst die Schau so verschiedene Bereiche wie Keramik, Malerei, Fotografie, Installations- und Videokunst zusammen. Mit Yuichi Yokoyama wird auch ein Manga-Zeichner vorgestellt. Alle der insgesamt 84 Werke widmen sich globalisierten Themen: der Umgang mit der Welt der Technik und der Pop-Kultur ist Dreh- und Angelpunkt der 13 Künstler.

Immer wieder geht es um die Zeit. Ob in den seltsam leeren Bildern mit stilisierten Blumen, Wellen und Vögeln bei Hiroshi Sugito oder den Skulpturen von Teppei Kaneuji, für die er unterschiedliche Materialien – meist Fundstücke – benutzt, die er zusammensetzt. Aktuell sind es Reifen, Gitter, Rohre, Spielfiguren und Schläuche aus Plastik. Anschließend übergießt er sie mit Gips, was ihnen den Ausdruck von etwas Gefrorenem verleiht. Vor, zurück und nach rechts heißt es dagegen in seiner Videoarbeit aus der Serie »Games, Dance and the Constructions «, wo die auf Papier gezeichneten Gegenstände solange hin- und hergeschoben werden, bis der Meister mit ihren Platz im Gesamtbild zufrieden ist. Die zugrunde liegende Logik erschließt sich aber nicht jedem. Kaneuji steht in der Tradition der in den 1960/70ern aufkommenden »Mono-ha«-Bewegung: »Mono« meint »Material«, »ha« bedeutet »Schule«. Ihre Anhänger kombinierten natürliche Werkstoffe wie Stein und Holz mit Eisen, Papier, Schnur oder Gummi.

Dass er weitestgehend Kunststoff für seine in der Ausstellung präsentierten Arbeiten benutzt, stellt einen Ortsbezug her. Denn im nur wenige Kilometer von Halle entfernten Leuna befindet sich einer der größten Standorte für chemische Industrie. Auch Noe Aoki reagiert mit ihrer eigens für die Ausstellung geschaffenen Arbeit auf diesen Fakt. Dabei handelt es sich um eine Installation aus Seifen, die sie mit Stahlstäben zu kleinen Türmchen angeordnet hat. Alle Seifen wurden bereits benutzt und ihr nach einem Spendenaufruf zugeschickt.

Wie ein Alien aus einer fernen Vergangenheit muss bei dieser Ansammlung Masayasu Mitsuke wirken. Seine Arbeiten sind an der traditionellen »Kutani«-Keramikmalerei angelehnt. Der Künstler nutzt statt den üblichen Fischen und Landschaften jedoch abstrakte geometrische Elemente für seine Motive.

Mit »Abstraktion« ist allerdings ein wichtiges Stichwort gefallen. Ohne die Fähigkeit zu abstraktem Denken wird es schwer, sich dem Bedeutungshorizont der vorgestellten Exponate zu nähern. Zu fremd sind die buddhistischen Lehren von der Leere, die die Basis bei Sugito bilden. Und was soll man bitte mit den Kurvendiagrammen anfangen, die Ikedas »data.scan« ausspuckt? Ganz zu schweigen von den Grafiken Yokoyamas, die wegen ihrer Kontextlosigkeit keine Geschichte erzählen. Es sind verklausulierte Allegorien von Geschwindigkeit und Tempo.

Eins aber dürfte jedem Besucher nach dem Gang durch die Schau klar sein: Japanische Gegenwartskünstler finden zwar passende Formen für Zeitgeistphänomene, doch bilden sie nur ab, sie gehen nicht in die Tiefe.