Rezensionen

Lothar Schirmer (Hg.): Frauen sehen Frauen/Women seeing Women. Schirmer/Mosel

Erstmals ist diese Anthologie 2001 erschienen. Doch noch immer werden beim Durchblättern dieser Bildgeschichte der Frauen–Photographie dieselben Fragen aufgeworfen: Darf man/Mann noch Frauen »bewundern«? Werden diese dann nicht ungebührlich zu Objekten der Begierde reduziert und verdinglicht? Und: Was hat es überhaupt mit dem vielbeschworenen »männlichen Blick« auf sich? Erfreulich korrekt und absolut unverdächtig mutet da die erneute Auflage dieses Photobandes an, der den Titel trägt »Frauen sehen Frauen« – da kann ja nichts schiefgehen, oder doch?! Walter Kayser hat sich den Band angesehen und zeigt sich reumütig und bekehrt.

Cover © Schirmer & Mosel
Cover © Schirmer & Mosel

Die Züricher Anglistin Elisabeth Bronfen gehört zu jenem erlauchten Kreis von Geisteswissenschaftler(*Innen), welche die früher eng gezogenen Grenzen ihres philologischen Fachbereichs in alle Richtungen gesprengt haben. Seit Jahrzehnten tummelt sie sich auf höchstem intellektuellem Niveau in einer umfassenden Kulturwissenschaft, welche Literatur, Film, Psychoanalyse, Philosophie und Kunstanalyse mühelos miteinander ins Spiel bringt. Schon mit Ihrer Habilitationsschrift von 1992 »Over her Dead Body: Death, Femininity and the Aesthetic« (»Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik«) erregte sie Aufsehen. Bereits hier ging es um das spezifisch Weibliche, den Blick auf den weiblichen Körper und seine Instrumentierung im Zusammenhang mit dem Tod. Kein Wunder also, sie ist in Sachen »weibliche Ästhetik« berufen wie kaum eine andere, und ihr einführender Essay zu diesem vom Verlag Schirmer/Mosel bestens herausgebrachtem Buch ist brillant.

Der Band selbst ist klar aufgebaut: Zweisprachig deutsch/englisch, in großem Format, mit exquisiter Abbildungsqualität stellt er in chronologischer Ordnung etwa 90 Photographinnen mit 159 großartigen Aufnahmen vor. »Frauen sehen Frauen« ist somit nicht mehr und nicht weniger als eine repräsentative Geschichte der Gattung Photographie. Beginnend mit Aufnahmen der beiden großen Photographinnen des 19. Jahrhunderts, Clementina Lady Hawarden und Julia Margaret Cameron führen uns die Abbildungen zu Stars der Photogeschichte wie Lotte Jacobi, Germaine Krull, Dorothea Lange, Gisèle Freund, Dora Maar, mit Werken von Annie Leibovitz, Rineke Dijkstra und Inez van Lamsweerde spannt sich der Bogen mithin an die Schwelle des 21. Jahrhunderts. Sehr hilfreich sind auch die kurzen biographischen Informationen zu den Photographinnen wie zu den Portraitierten im Anschluss an den Katalogteil. Die Auswahl der Photographien ist bestechend, sodass im Hintergrund immer die Frage aufkommt, ob es denn so etwas, wie diesen spezifisch »weiblichen Blick«wirklich gebe, und was diesen ausmache.
Elisabeth Bronfen bejaht dies zwar, grenzt sich aber immer wieder von gängigen Klischees ab. Wenn John Berger beispielsweise in einer ziemlich simplen Entgegensetzung die These aufstellt, während die Männer »handelten«, träten Frauen »in Erscheinung«, so bedient er sich dabei des uralten Klischees von »aktiv« versus »passiv«.
Mit Roland Barthes versteht Bronfen eine Photographie als Frucht eines vertrauten Gesprächs, als lebenden Beweis von etwas Gewesenem. Photographien versichern uns in einer komplizierten Verschränkung der Tempora: »Sie wird anwesend gewesen sein«. Insofern sind sie wie Blicke in den Sternenhimmel: Was wir sehen, gibt es nicht mehr, weil die Präsenz des Gegenwärtigen unendliche Lichtjahre entfernt ist. So überkreuzt sich in ihnen »das Vergängliche mit der Ewigkeit«.

Joyce Tenneson: Suzanne in Contortion, 1990
Joyce Tenneson: Suzanne in Contortion, 1990

Was erfahren wir also von dem intimen Dialog, der zwischen der weiblichen Person hinter der Kamera und der davor stattfand? Welche Vorstellung von Weiblichkeit und gemeinsamer Identität sprechen sich hier aus? Denn immerhin kennen Frauen doch wohl Frauen besser. Helfen sie uns, das »Rätsel« des »anderen Geschlechts« besser zu verstehen? Klar ist, das »ewig Weibliche« im Sinne Goethes, ist weniger biologisch definiert als zuallererst ein Ideen–Gebilde, eine kulturelle Zuschreibung, die es zu dekonstruieren gilt. Bestimmte traditionelle Bildtypen wie etwa das biblische Sujet der »Susanne im Bade« bleiben auch für die modernen Photographinnen wie Abgebildeten bestimmend, ganz egal, ob es ihnen bewusst ist oder nicht, und ganz egal, ob es sich um Aktdarstellungen oder um Portraits und Selbstportraits handelt. Frauen seien nun mal – laut Elisabeth Bronfen – von Kindheit an dazu erzogen, sich selbst zu beobachten bzw. die Art ihres Erscheinens zu manipulieren. Sie spricht deshalb von einer »unheimlichen Selbstverdopplung«, da die Frau »in der Art, wie sie sich imaginiert und gebärdet, immer von ihrem für den Mann inszeniertem Bild begleitet« werde.

Eve Arnold: Arbeiterin, China 1979
Eve Arnold: Arbeiterin, China 1979

Das Großartige an diesem Essay ist, dass Elisabeth Bronfen stets aufs Neue mit der genauen Betrachtung einzelner Photographien beginnt. Der so behutsam entwickelte Gedankengang mündet induktiv in Thesen, diese werden nicht den Photos übergestülpt. So ergibt sich ein facettenreiches Bild, dessen einzige Konstante darin besteht, dass der »weibliche Blick« dazu neigt, sich in immer neu ausgehandelten komplizierten Brechungen auszudrücken. Man könnte auch sagen: Der weibliche Blick ist ohne den männlichen nicht denkbar. Ob die dargestellte Frau dem Blick der Kamera standhält, ihn erwidert oder aber ihn scheinbar ignoriert oder ihm eine Inszenierung entgegenstellt – stets geht es in sehr variabler Weise um kritische Interventionen. Die gängige (und das heißt männliche) Erwartungshaltung und mit ihr die ikonographische Tradition wird so in unterschiedlichster Weise gebrochen.

In der Nachfolge von Joan Rivière versteht Bronfen deshalb Weiblichkeit als Spiel mit Maskerade und Verstellung. Zwischen den Polen Enthüllen und Verhüllen, Verkleiden und Offenlegen, Sich Bewahren und Sich Preisgeben entsteht eine je neu ausgehandelte instabile Referenzialität jenseits des voyeuristischen Blicks oder des »glamour shots«.
Das Buch leistet aber noch ein Zweites: Die Vielzahl an bedeutenden Frauen, die in Kunst, Politik und Wissenschaft Maßgebliches geleistet haben, geben so etwas wie einen kulturgeschichtlichen Überblick des 20. Jahrhunderts: Ikonen wie Virginia Woolf, Marlene Dietrich, Elizabeth II, Maria Callas, Indira Gandhi, Mutter Theresa bis zu Prinzessin Diana oder Hillary Clinton erscheinen in einem neuen, häufig sehr menschliche–privatem Licht.
Bleibt nachzutragen, dass in den letzten zwanzig Jahren seit der Erstveröffentlichung dieses Photobandes in Sachen »gender studies« eine Menge geschehen ist. Noch immer sind Wissenschaftler*Innen aller Couleur damit beschäftigt, die entscheidenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern heraus zu präparieren. Da hat man herausgefunden, dass Männer rasche Bewegungsabläufe deutlich besser erfassen als Frauen, diese aber wiederum besser hören und riechen können; da wurde eine im Durchschnitt 10% größere Gehirnmasse der Männer gemessen, der Einfluss des Testosterons im Hormoncocktail als Erklärung herangezogen. Demnach zeigen Scanaufnahmen, besonders der Amygdala im präfrontalen Kortex, dass Frauen eine schwächere Verknüpfung von Gefühls– und Kontrollzentrum besitzen und somit stärker und emotionaler auf negative Reize reagieren würden. Überhaupt seien sie, was Altruismus, Rücksichtnahme, Empathie angehe, empfindlicher, – zumindest sähen sie sich selbst so. Bei diesen Untersuchungen wechselt der Akzent häufig je nach Bedarfslage: Mal wird die spezifische Differenz betont, z.B. das Besondere des »weiblichen Blicks«, ein andermal – wenn es um die berechtigte Forderung nach Gleichbehandlung geht – die Unterschiedslosigkeit.

Frida Kahlo im Patio der Casa Azul mit ihren-Itzcuintli Hunden, Mexico City, um 1944
Frida Kahlo im Patio der Casa Azul mit ihren-Itzcuintli Hunden, Mexico City, um 1944

Wenn in diesem Band ausschließlich Frauen Frauen sehen, sind dann ihre Photographien Ausdruck eines sensibleren Blicks und eines facettenreicheren Umgangs in der Selbstdarstellung? – Egal, ob anerzogene Stereotype unser Selbstbild und unsere Rollenmuster prägen, ob biologische Programme oder kulturelle Zuschreibungen, generell gilt: Die Grenzen zwischen den Geschlechtern sind fließend, Männer und Frauen sind sich ähnlicher, als sie verschieden sind. Und genauso ist es mit diesen Photographien: Sie sind großartig und beeindruckend, aber die Kriterien ihrer ästhetischen Qualität sind bei Frauen wie bei Männern die gleichen.

FRAUEN SEHEN FRAUEN /WOMEN SEEING WOMEN
von Lothar Schirmer (Herausgeber)
Mit einem Text von Elisabeth Bronfen
EINE BILDGESCHICHTE DER FRAUEN – PHOTOGRAPHIE 
Hardcover, 20,5 x 29 cm, 280 Seiten
159 Tafeln in Novatone und Farbe
ISBN 978–3–8296–0900–5
Schirmer/Mosel München 2020 (Erstausgabe 2001)

Julia Margaret Cameron: Mrs Herbert Ducksworth (Julia Jackson), um 1867
Julia Margaret Cameron: Mrs Herbert Ducksworth (Julia Jackson), um 1867

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