Ausstellungsbesprechungen

Lothar Zitzmann - Lapidarer Realismus, Stadtmuseum Jena, bis 17. Februar 2013

Übt ein Künstler, der sich scheinbar in die DDR-Kulturmaschinerie eingepasst hat, überhaupt noch Kritik? Rowena Fuß hat sich in Jena den Fall Zitzmann angeschaut und kommt zu einem positiven Ergebnis.

Lothar Zitzmann war in der DDR regional und überregional bekannt. Ob in Jena, Gera oder Berlin – überall hingen seine monumentalen Wandmosaike. Seine »Läufer vor dem Ziel« zierten sogar die DDR-Olympiasondermarken.

Die Jenaer Ausstellung zeigt insgesamt 82 Arbeiten aus dem Nachlass Zitzmanns. In ihnen wird ein Künstler sichtbar, der nicht nur eine eigene an Bauhaus und Kubismus angelehnte Formensprache entwickelte, sondern auch sich und die Zeitumstände reflektierte.

»Dogmatismus war ihm fremd, besonders seine Lehre betreffend. Widerstände ertrug er mit Sanftmut … Die damalige Situation in Betracht ziehend, war er in mehrfacher Weise ein ermutigender Mensch mit einer Vision, die ihn lange getragen hat«, sagte sein ehemaliger Schüler an der Burg Giebichenstein Dietmar Petzold im Ausstellungskatalog über Zitzmann.

Der Künstler selbst formulierte seine Vision in einem Ausstellungskatalog 1976 so: »Meine intuitive Absicht und meine bewusste ist der Versuch, lapidaren Ausdruck zu finden für meine Position in dieser Zeit.« Unter „lapidar“ verstand er dabei eine knappe, bündige, einfache und klare Formensprache. Inspiration fand er bei den Figurendarstellungen des Bauhäuslers Oskar Schlemmer, aber auch bei dem kubistisch geprägten französischen Künstler Fernand Léger.

Ein liegender weiblicher Akt etwa wirkt geradezu statuesk, wie eine weiß getünchte Steinskulptur, auf der Schattenspiele die sinnlich-üppigen Kurven definieren. Zylindrisch sind Oberschenkel und Kopf-Hals-Partie ausformuliert, der Schambereich ist ein gleichschenkliges Dreieck, die Brüste an den Oberkörper aufgesetzte Halbkugeln.

Der Akt, um 1961 entstanden, könnte als nachträglicher Beitrag zum Formalismusstreit Anfang der 1950er Jahre gelten. Diese Kulturdebatte führte – staatlich initiiert – zu einer klaren Abgrenzung der DDR-Kunst vom westlichen Kunstbetrieb. »Wir wollen in unseren Kunstschulen keine abstrakten Bilder mehr sehen«, fasste der stellvertretende Ministerpräsident Walter Ulbricht in einer Rede vor der Volkskammer 1952 zusammen. Konkret bedeute dies eine Hinwendung zur figurativen Malerei. Aktuell könnte das Thema für Zitzmann durch den Mauerbau geworden sein, der die vollständige Trennung der beiden deutschen Staaten besiegelte.

Wie stark er sich von der staatlichen Kontrolle in der DDR trotz aller Auftragsarbeiten distanzierte, zeigen seine Karnevalsszenen und Selbstdarstellungen als Clown. Indem er sich diese Rolle wählte, schaffte er sich ein Vehikel, um Emotionen und Gedanken in eigener Sache unzensiert äußern zu können. Denn betrachten wir die Figur des Harlekins genauer: Er ist ein Außenseiter, der scheinbar Spielchen spielt mit seinen Zuschauern, er zeigt ihnen eine vermeintlich ferne Wirklichkeit, die seltsamerweise doch irgendwie mit der aktuellen zusammenhängt. Er kann höchst brisante Dinge sagen, ohne, dass er wirklich zur Rechenschaft gezogen wird. Denn es ist ja alles nur Spaß, oder?

Zu Beginn identifiziert sich Zitzmann noch mit der Gestalt des lustigen Clowns, dem dummen August. Doch diese Maske lässt er in einem Selbstbildnis von 1953 langsam sinken, dabei wachsam nach links blickend. Das, was in beunruhigt befindet sich demnach außerhalb des Bildes. 1952 erklärte die DDR-Führung den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ zur grundlegenden Aufgabe, trieb den Prozess der „Sowjetisierung“ der Gesellschaft voran und stärkte die Staatsmacht. Parallel zur Verstaatlichung von Privatbetrieben wurden Individuen nun zum „Volkskader“ zusammengefasst. Zitzmanns neue Maske ist daher nun die des Pierrots. Im Gegensatz zum lustigen Clown ein naiver, melancholischer und eher bemitleidenswerter Geselle. In »Maske am nächtlichen Fenster, Jena« schaut ein solcher im auffälligen roten Pullover den Besucher abwartend an. Wichtig ist hierbei die Bilderfolge: Kaum im Ausstellungsraum angelangt, trifft der Besucher auf den sich langsam wandelnden Spaßmacher, gefolgt von »Karneval auf der Bühne«. Schließlich blickt ihn der rote Pierrot aus dem Türrahmen zum nächsten Kabinett an. Hier hängt eine Bilderfolge mit dem Motiv zweier Frauen, das Zitzmann mal in ägyptischer Manier, mal wie Picasso oder mal impressionistisch malte. Insgesamt 16 Arbeiten.

Sicherlich dienten ihm die um 1954 entstandenen Werke als Handreiche für seine Schüler, denn 1956 wird er zum Dozenten für das künstlerische Grundlagenstudium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein berufen. Ab 1968 leitet er dort sogar ein eigenes Institut. Was diese Folge jedoch auch deutlich macht, ist eine gewisse Begeisterung für das Gestalten, für das Ändern von althergebrachten Sichtweisen, ein anders-formulieren.

In kurzer Folge schuf der Künstler Ende der 1950 und Anfang der 1960er Jahre mehrere Karnevalsszenen. Wie mitten in der Bewegung erstarrt, bannte Zitzmann 1959 maskierte, blaue, rote und weiße Pierrots auf die Leinwand. »Karneval auf der Bühne« heißt das bereits erwähnte Werk, das das Possenspiel vorführt: Die Maskierung bedeutet schon einen Bruch mit der Realität, die bestehende Ordnung gilt nicht mehr. Auf die Bühne gebracht wird dieser Wirklichkeitsanspruch jedoch nochmals ironisiert. Zitzmann verschleiert etwas, was nicht richtig ist. Handelt es sich dabei um den wirklichkeitsfremden sozialistischen Traum? Zugegebenermaßen können Arbeiter, denen man vorschreibt, wie sie zu leben haben, nicht übermäßig glücklich sein. Fordert Zitzmann nicht geradezu, die Masken herunterzureißen und die Wahrheit und Veränderungsbedürftigkeit der Realität zu sehen? Hier kommt der Betrachter ins Spiel, der sich quasi im Zuschauerraum des Bildes befindet. Er ist nicht Teil des Spiels, hat genügend Abstand, um es zu beschauen, sich Gedanken darüber zu machen. Genau wie Zitzmann.

Programmatisch für Zitzmanns Empfinden gegenüber der DDR-Kunst-Maschinerie ist auch sein Bild »Die Einen sind im Dunkeln, die Anderen sind im Licht« (1976). Entlehnt hat er den Titel aus Brechts Moritat von Mackie Messer. In der Schlussstrophe heißt es da: »Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.« Wiederum ein Hinweis auf die Diskrepanz zwischen dem reinen Äußeren und dem, wie es im Innern aussieht. Zitzmann hat sich in seinen zeichenhaften Darstellungen gut genug verhüllt, um ähnlich wie die Maler der Leipziger Schule subtil Kritik am totalitären Staat üben zu können. Dem, der hinsieht, geben die Bilder Auskunft.

Weitere Informationen

Wer sich ein weiteres Werk Zitzmanns in Jena anschauen möchte, besuche die Mensa der Fachhochschule, ehemals Mensa des Zeiss-Werks II. Dort schuf der Künstler 1972 als Auftragsarbeit ein den Betriebsgremien gefälliges monumentales Wandmosaik mit einer Länge von 40 Metern. Es zeigt Motive der Freizeitgestaltung: einen Lesenden in der Hängematte, spielende Kinder, badende Menschen. Es bringt Heiterkeit und Frohsinn zum Ausdruck. Genau das Richtige für einen Arbeiter, der sich in der Mittagspause von seinem anstrengenden Tun erholen möchte.