Ausstellungsbesprechungen

Louise Bourgeois – La famille

Da lacht sie, die 71-jährige Louise Bourgeois, 1982 dem schwulen Starfotografen Robert Mapplethorpe in die Kamera, im Arm hält sie lässig, wie wenn es eine Flinte wäre, die Latex-Skulptur „Fillette“ aus dem Jahre 1968: ein überdimensionaler Phallus. Eine „Sweeter Version“ der Arbeit hängt in der großen Bielefelder Ausstellung von der Decke, die Eichel von einem Metalldraht zur Aufhängung durchbohrt.

Ob den Betrachter – nehmen wir hier mal den männlichen – weniger Beklemmung beschleicht, wenn er die wohl berühmteste Plastik der Bourgeois sieht, die vier Meter hohe Stahlspinne (in verschiedenen Varianten), sei dahingestellt. Auf jeden Fall steht er dem drastischen Opus der Grande Dame der modernen Kunst gegenüber.

 

1911 geboren, begann Louise Bourgeois in den 30er Jahren zu malen, während sie noch an der Sorbonne Mathematik und Geometrie studierte. Über die Kunst – sie wurde Schülerin bei Fernand Leger – und die Kunstgeschichte lernte sie ihren Mann, den Kurator Robert Goldwater kennen, dem sie ohne Studienabschluss nach New York folgte und eine Familie mit einem Adoptivkind und zwei eigenen Kindern gründete. In diesem Spannungsfeld zwischen Familie und eigenem Schaffensdrang entstand eines der faszinierendsten Werke einer Bildhauerin und Zeichnerin, die bis heute weder ihre Wirkungskraft verloren hat – im Gegenteil mehr denn je Beachtung findet – und die als scharf urteilende Kritikerin junge Kolleg(inn)en in ihren Bann zieht. Rund 120 Arbeiten zeigt die Kunsthalle Bielefeld, die nicht nur stolz darauf ist, dass sie schon 1999 eine Bourgeois-Schau inszenierte, sondern auch darauf, dass sie ein Licht wirft auf die Retrospektive, die ab 2007 durch England, Frankreich und die USA touren wird.

 

Leitthema der Ausstellung ist die Familie: kein Idyll, wahrhaftig. Vielmehr kreist das Werk der Bourgeois um die Angst, als Mädchen, als Frau, als Mutter, schließlich als Künstlerin nicht bestehen zu können. „Ich habe Angst vor allem, einfach vor allem“, lautet ein besorgniserregendes Credo der betagten Bildhauerin. In Skulpturen, Installationen, aber auch in frühen, zum Teil erstmals gezeigten Gemälden und in Zeichnungen umkreist sie dieses Thema, mal mit optimistisch stimmenden, fast tröstlichen Motiven, mal mit tiefgründigen Horrorszenarien: Käfigzellen, ein über den Kopf gestülptes Haus. Offenkundig spielen persönliche Erlebnisse und Enttäuschungen  ins Werk hinein, das in Arbeiten wie „Zerstörung des Vaters“ oder „Das verschlossene Kind“ gipfeln. Doch mischt sich in die Wut eine melancholische Trauerarbeit und sogar Ehrfurcht vor den Mitgliedern der Familie, die nicht in personalisierter Gestalt benannt werden, sondern als Kunstobjekt symbolische Größe erreichen. Das Haus wird dabei doppeldeutig nicht nur als Gefängnis, sondern auch als Refugium greifbar, die destruktive Potenz wird zur Opferhandlung am Altar umgedeutet.

 

Wie auch immer: „Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten ist in meiner Kindheit zu suchen“, bilanziert Bourgeois ihr Schaffen. Von Kindesalter wurde sie darauf getrimmt zu funktionieren – als drittes Mädchen musste sie sich die Gunst des gestrengen Vaters (der einen männlichen Platzhalter erwartete hatte) erkämpfen. „Mein Leben ist organisiert wie ein Metronom“, sie kämpfte auch noch, als ihr Vater längst tot war. Während er sie aufzog, indem er aus Obstschalen hohle Mädchenkörper formte, knetete Louise heimlich unterm Tisch Brotmännchen und kastrierte sie. Bourgeois begriff dies als erste „skulpturale Lösung“. Sie rebellierte gegen die verlogene Prüderie des Elternhauses, sympathisierte mit den Kommunisten, wurde Künstlerin: und weil sie sich das herkömmliche Material für Plastiken nicht leisten konnte, griff sie zu ungewöhnlichen Lösungen: Gips, Latex und Wollstoff. Als sie sich später Marmor und Bronze gönnte, hatte sie ihren Stil gefunden, und ihr Motiv – der verwundbare, schutzwürdige Mensch.

 

Und wie ist das nun mit dem Riesenpenis: Geht es um Effekthascherei, um Provokation? Das wohl nicht. In Zeiten, wo Künstler sich im Aquarium bis zur Besinnungslosigkeit bloßstellen oder sich sonst wie an Leib und Seele in Gefahr bringen, kann das männliche Glied kaum Empörung erregen. „Der Phallus ist Gegenstand meiner zärtlichsten Aufmerksamkeit“, gibt sie sich selbstbewusst. Ein Schelm, wer Schlüpfriges dabei denkt – die Frau ist bald 100 Jahre alt. So viel Vitalismus muss man bewundern. Sie nannte sich ein „runaway girl“, auf der Flucht vor der Familie fand sie zur Kunst, deren Zentrum bei aller Vielfalt auf einen Begriff zurückführt: die Familie. Allerdings sind die Fragen anders, wie auch die Antworten. „Die Suche (das Bohren) nach Wahrheit hielt mich am Leben. Das Geheimnis meiner Angst. Was ist das für ein Geheimnis seit der Kindheit? Es hat mit Feindseligkeit zu tun – etwas stimmt mit mir nicht.“ Sie täuscht sich in diesem Punkt, es stimmt alles, rückwirkend betrachtet.

 

 

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