Ausstellungsbesprechungen

Louise Bourgeois, Kunstsammlung im Stadtmuseum Jena, bis 21. November 2010

Moderne und zeitgenössische Plastik wird von Ausstellungsbesuchern oft stiefkindlich gemieden, da der Zugang durch eine stark vereinfachte Formensprache häufig schwierig ist. Auch der Parcours durch das Werk von Louise Bourgeois (1911-2010) bildet da keine Ausnahme. Dass er sich trotzdem lohnt, zeigt unsere Autorin Rowena Fuß.

Louise Bourgeois ist eine außergewöhnliche Künstlerin, die als einzige Frau in den Top 10 der Ausstellungslisten geführt wird. Wie keine andere verknüpft sie ihre Plastiken, Installationen und Zeichnungen mit einer sehr persönlichen, emotionalen Komponente. Als sie 1938 von Frankreich in die USA emigriert, bringt sie nicht das Erbe des zeitgenössischen Abstrakten Expressionismus in die Neue Welt mit. Sie stellt die Menschen dar, die sie zurückgelassen hat und nicht anwesend sind. Ihre totemartigen Plastiken, die »Personnages«, symbolisieren den Geist dieser Menschen, sowie den, mit denen sie sich auseinandersetzt. Eine ihrer bedeutendsten Arbeiten, die sich im ersten großen Raum der Ausstellung befindet, beschäftigt sich mit ihrem Bruder. »Brother and Sister« erinnert an zwei Hände, die flehentlich, beinahe klagend aufrecht im Raum stehen und für ihre Liebe sowie den Verlust ihres Bruders bzw. der Familienmitglieder stehen, die in Frankreich geblieben sind. Dass Louise Bourgeois trotz allem in New York nicht verzweifelte, zeigt »Spring«, eine knospenförmige Stele, die zu wachsen scheint und nur wenige Schritte von »Brother and Sister« entfernt steht.

Ein wichtiger Einfluss bei der Gestaltung ihrer Werke ging von ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Robert Goldwater, aus. Dieser setzte sich in seinem Buch Primitivism in Modern Painting (1938) mit dem Verhältnis von moderner und traditioneller afrikanischer Kunst auseinander. Als weiterer Einfluss ihrer Arbeiten gilt der europäische Surrealismus von Max Ernst, Marcel Duchamp und André Breton.

Leben und Arbeiten ging im Werk von Louise Bourgeois Hand in Hand. So thematisiert die Plastik »Portrait of Jean-Louis« das Gefangensein in den Rollen Hausfrau und Mutter von drei Kindern einerseits, andererseits die Rolle als Künstlerin. Die an der Wand hängende Plastik bildet einen scheinbar menschlichen Torso mit Beinen ab. Der Oberkörper ist ein Haus, der Unterkörper dagegen figürlich. Das Haus stünde demnach für ihr Gefangensein als Hausfrau und Mutter, das jedoch gleichzeitig den Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Schaffen bildet, denn dieses Gebäude kann laufen. Eine Geschichte erzählt »10 am is when you come to me«. Die Folge von 21 Blättern schildert mit Handgesten den Beginn ihres Tagesablaufs, der damit anfing, dass ihr Assistent sie jeden Tag um 10 Uhr von ihrer Wohnung abholte und sie in das Atelier fuhr. Sprichwörtlich begann mit diesem Termin auch ihr Leben. Verstärkt wird die Aussage durch die verwendeten Notenblätter, die den ewigen „Song of Life“ versinnbildlichen.

In ihrem späteren Werk, das auf der zweiten Etage im Museum gezeigt wird, setzt sich Louise Bourgeois mit (fehlgeschlagener) Interaktion zwischen den Menschen auseinander. Paradoxerweise heißt die erste ausgestellte Arbeit »welcoming hands«. Die Armstümpfe liegen in zwei Paaren teilweise übereinander und greifen zaghaft nach den Fingern der gegenüberliegenden Hand. Diese Hände suchen den Austausch, der jedoch durch den fehlenden Restkörper abgebrochen ist. Hier besteht ein Zusammenhang zur Biografie der Künstlerin, die sich, nach eigener Aussage, nicht in der Lage sah, ihrem Mann eine kompakte Beziehung zu bieten.

Einen zentralen Anteil in ihrem Werk überhaupt bilden biomorphe Formen wie die Plastik »Topiary« (ein Frauentorso mit einem Ahornblatt als Kopf) oder die Mischtechnik »Eccentric Growth VIII«. Diese bezeugen Wachstum, Ausbildung und eine diffizile Formwertung. — Stichwörter, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk von Louise Bourgeois ziehen.

Fazit: Ich war verblüfft, welche Geschichten hinter diesen primitiv anmutenden Plastiken und Zeichnungen stecken. Um diese zu entschlüsseln, würde ich jedoch eine Führung empfehlen. Der Zugang zu den Arbeiten von Louise Bourgeois ist schwierig, da sie sich auf den ersten Blick weder selbst erklären noch eine stringente Erzählung sind. Die Auseinandersetzung mit ihrem Werk ist jedoch in jedem Fall sehr bereichernd für den Umgang mit zeitgenössischer Kunst!