Ausstellungsbesprechungen

Lovis Corinth und die Geburt der Moderne

Nach über 80 Jahren wendet sich das Leipziger Museum für bildende Künste wieder dem Künstler Lovis Corinth (1858–1925) zu.

In Zusammenarbeit mit dem Musée d'Orsay Paris, in welchem die Ausstellung ihren Auftakt nahm, und dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg, wo sie vom November 08 bis Mitte Februar 09 zu sehen sein wird, wurde ein Konzept entwickelt, dass Corinth in das Zentrum der Moderne rückt. Wie kaum ein anderer entzieht sich Corinth den Versuchen, ihn eindeutig einer Kunstrichtung zuzuordnen. Er präsentiert sich zugleich als Akademiker, bei dem Rembrandt zu höchster Verehrung kommt, wie auch als Avantgardist und Naturalist. Sein Werk zeigt Züge des Impressionismus wie auch des Expressionismus und in seinen Bildinhalten durchwandert er antike wie biblische Mythen ebenso wie die Landschaft, das Stillleben und den Akt. Es scheint fast so, als würden alle Stoßrichtungen der Moderne aus ihm entspringen, als gebäre er die Moderne immer und immer wieder aufs Neue.

Eine Schlüsselstellung in seinem Schaffen nimmt hierbei das Selbstportrait ein, welches er ab 1900 beginnt in Serie zu produzieren. Jedes Jahr malt er fortan eines seiner »Geburtstagsbilder« und wie in keinem anderen Bereich seines künstlerischen Gesamtwerkes zeigt er sich hierin als der zwischen Malweisen und Komposition agil hin und her Schwingende, der experimentell Tastende.

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Das Selbstportrait weitet sich bei ihm zur exzessiven Selbstinszenierung und zeigt dabei Facetten wie den Bacchanten Corinth (Bacchantenpaar 1908), den Ritter Corinth (Selbstbildnis als Fahnenträger 1911), den Naturalisten Corinth (Selbstportrait mit Skelett 1896) und natürlich den Künstler Corinth (Selbstbildnis mit weißen Kittel 1918).

Betrachtet man seine vielen dionysischen Gemälde, so meint man die barocke Lebenslust des Künstlers zu spüren, aber »in der Tat war ich [Lovis Corinth], ich kann wohl sagen seit meiner Kindheit, von schwerster Melancholie heimgesucht«. Eine Melancholie, wie sie sich in den unzähligen Bildern der Leiden Christi ebenso zu verdeutlichen sucht wie in den Schlachthausszenen. Überhaupt entbehren seine Passionsbildnisse, insbesondere die »Kreuzabnahme« von 1906 »jeglicher Andeutung einer christlichen Hoffnung auf Erlösung« (vgl. Katalog S. 110) und schon in seiner Eröffnungsrede meinte Hans-Werner Schmidt, Direktor des Museums für bildende Künste, dass es wohl nicht zu weit her geholt sei, die Bilder der Leiden Christi in direkten Zusammenhang mit den Schlachthausbildern zu stellen.

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Versucht Corinth auch mit den Selbstbildnissen nach seinem Schlaganfall 1911 einen starken, kämpferischen Geist auszudrücken (Selbstbildnis im Harnisch 1914), so ist doch gerade der »geblendete Simson« von 1912 als ein Werk des gebrochenen, geschwächten und mit letzter Kraft mit den Depressionen ringenden Corinth zu lesen. Und so wie die Depressionen gegen die Lebenslust kämpfen und er selbst – folgt man seinen Bildern – mal in tiefer Melancholie verloren, mal in dionysische Ekstase verfallen zu sein scheint, so sind seine Bilder vor allem von Tod und Erotik beherrscht.

»Salome« von 1899/1900 zeigt diesen Kontrast mit dem abgeschlagenen Haupt Johannes des Täufers und seinen daneben liegenden Gebeinen auf der einen Seite und dem entblößten Oberkörper Salomes, wie auch dem muskulösen Rückenbild des Scharfrichters, der das blutbenetzte Schwert noch in der Hand hält, auf der anderen Seite.

Um mit den Worten von Serge Lemoine, Professor für zeitgenössische Kunstgeschichte an der Universität von Paris IV – Sorbonne, zu schließen: »Sein Werk spricht in allen Facetten vor allem von einem: seiner Vitalität, die zuweilen mit einem solchen Überschwang vorgetragen wird, dass sie die Unerbittlichkeit des Verfalls und die Unabwendbarkeit des Todes mit einschließt.«

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Öffnungszeiten
Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr
Mittwoch 12-20 Uhr
Feiertage 10-18 Uhr
Montag geschlossen.
 
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg
9. November bis 15. Februar 2008
http://www.kunstforum.net/home.php