Ausstellungsbesprechungen

Ludwig Meidner – Weltentaumel. Die expressionistische Werkphase

Mit der Ausstellung „Ludwig Meidner – Weltentaumel“ widmet sich das Museum Sankt Ingbert einer herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Expressionismus. Mit 85 Werken des graphischen Oeuvres wird ein von Themenwandel geprägter Bogen gespannt.

Dieser reicht von den frühen, vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Arbeiten, die zumeist die Großstadt und expressive Menschendarstellungen zum Thema haben, über die apokalyptischen Landschaften, die von dem Feingefühl Meidners für das bevorstehende Grauen des Krieges zeugen, bis zu den Arbeiten der 1920er Jahre, die einem grundlegenden Wandel unterzogenen sind.

Bereits beim Betreten der Ausstellungsräume wird der Besucher von den stimmungsgeladenen, ausdrucksstarken Stadtansichten konfrontiert. Sich neigende Häuserfluchten, fliehende Menschen und Automobile sowie die Expressivität der kristallinen Formensprache, die sich in rasch zu Papier gebrachten Strichfolgen artikuliert, verleihen den Arbeiten Dynamik und zeugen von einem ungemein präzisen Gespür für die im Wandel begriffene Zeit. Die Großstadt wird von Meidner als Ort des pulsierenden Lebens gleichzeitig aber auch als der den Menschen bedrohenden Ort wahrgenommen. In diesem Sinne entwirft Meidner in der Vorkriegszeit von Spannung getragene Werke, die den Nerv der Zeit nur zu deutlich spiegeln und implizit bereits auf den bevorstehenden Krieg hinweisen.

Nur zwei Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 zeichnet Meidner eine Kriegsmappe, die mit aller Deutlichkeit dem Betrachter die Kriegsgräuel vor Augen führt. Die mit „Im Schützengraben“ oder „Schlachtfeld“ betitelten Arbeiten entwerfen einen Kriegsalltag, der nichts beschönigt: abgetrennte Gliedmaßen, schmerzverzerrte Gesichter, zu Totenschädel verwandelte und erstarrte Fratzen und uniformierte Skelette formulieren in expressiver Handschrift den Krieg.

Doch Meidner ist nicht nur als Maler, sondern auch als Literat aktiv: In der Zeit seiner Einberufung zum Militär entstehen zwei Prosasammlungen. Die autobiographische Prosasammlung „Im Nacken das Sternemeer“ wurde noch 1918 in Leipzig publiziert, die Sammlung „Septemberschrei“, die Hymen, Gebete und Lästerungen – so der Untertitel – vereint, erschien im Jahr 1920 in Berlin. Lobenswert sei hier hervorgehoben, dass diese Werke nicht als bloße Informationen auf Infotäfelchen gepinselt sind, sondern dass sie in einem Glaskasten dem Besucher präsentiert werden.

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Interessant sind neben den literarischen Arbeiten Meidners die Porträts, die der Künstler von Freunden und Weggefährten anfertigte. So begegnen wir in der Ausstellung beispielsweise Bildnissen der expressionistischen Dichterfreunde Theodor Däubler, Johannes R. Becher oder Franz Werfel.

Wie gebannt aber wird das Auge des Betrachters von den Selbstbildnissen Meidners, der uns mit seiner enormen physiognomischen Präsenz entgegenblickt. In der Arbeit „Selbstbildnis mit Palette“ aus dem Jahr 1919 blicken wir einem nachdenklichen, vom Kriegsgeschehen geprägten und ausgezehrten Mann entgegen. Das schüttere Haar, das von tiefen Furchen und Schatten überzogene Gesicht, das weit aufgerissene linke Auge, das düster unter der heruntergezogenen Augenbraue blickende, rechte Auge und die kantigen Wangen und Kieferknochen zeigen die Spuren des Krieges. Da wird die Palette des Künstlers zu einer Stütze, an der er Halt findet. Nur ein Jahr nach diesem Selbstbildnis entsteht die Kaltnadelradierung „Selbstbildnis (VIII)“, die uns ausgemergelte Gesichtszüge und eine beinahe deformierte Schädelform vor Augen führt. Die Dominanz der Schatten und der expressive Impetus des Strichs evozieren die in die Seele reichenden Verletzungen. Es ist eine Arbeit, die den Betrachter bannt, da der Dargestellte mit weit aufgerissenen Augen sein Gegenüber zu fokussieren scheint.

Beim Weitergehen durch die Ausstellungsräume gelangt der Besucher schließlich zu den Arbeiten Meidners, die Mitte der 1920er Jahre entstanden sind. Hier zeichnet sich ein deutlicher Wandel im künstlerischen Schaffen ab. Distanziert von der expressionistischen Avantgarde, wendet sich Meidner nun Landschaftsdarstellungen zu, die er naturgetreu wiedergibt, und seinen jüdischen Wurzeln, die ihm zur spirituellen Heimat werden. Bereits die im Oktober des Jahres 1922 entstandene Radierung „Flachlandschaft mit Windmühle“ zeugt von einer befreienden Weite der Landschaft. Spannungsreich wird die Komposition der Striche inszeniert: Während in den Feldern die von links unten nach rechts oben laufenden, staccatoartigen Striche dominieren, stehen jene des Wolkengebildes in direktem Gegensatz, indem sie von links oben nach rechts unten sich entfalten. Es ist eine ganz neue Dynamik, die die Vitalität des Bildes verkörpert.

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Religiöse Konnotationen finden sich bereits in „Selbstbildnis als Prophet“ aus dem Jahr 1920. Hier begegnet uns ein in eine Kapuze gehüllter Kopf, dessen Gesicht ganz verschattet ist. Das Antlitz wird aus abgestuften Grautönen „moduliert“ und lediglich die Augenpartie und ein Teil der Nase erscheinen in einem sanften, gemilderten Grauton. Mit der rechten Hand weist der Dargestellte den Betrachter an, Acht zu geben und zu lauschen, was der charismatischen Arbeit einen geheimnisvollen Impetus verleiht.

Nachdem die Welt durch den Ersten Weltkrieg aus den Fugen gerissen wurde und die Revolution gescheitert war, sucht der Künstler also in der Natur und im Glauben Versöhnung mit sich und der Welt und schafft geheimnisvolle, religiös konnotierte Bildnisse und von Kraft und Energie durchwobene Landschaftsszenen.

Insgesamt ist dem Museum Sankt Ingbert mit „Ludwig Meidner – Weltentaumel“ eine hervorragende Ausstellung gelungen, die durch die Wahl der Arbeiten, die geschickte Präsentation und die Informationstafeln, die in den Ausstellungsräumen hängen und dem Besucher einen roten Faden in die Hand geben, zu überzeugen weiß!

 

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Öffnungszeiten
Di-So, an Feiertagen 10 - 18 Uhr
24., 25., und 31. Dezember 2006 sowie 1. Januar 2007 geschlossen