Ausstellungsbesprechungen

Ludwig von Hofmann, Arkadische Utopien

Verklärer des Lebens. „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ – Dieser Appell aus Thomas Manns Zauberberg scheint zurzeit auf der Darmstädter Mathildenhöhe allgegenwärtig. Denn mit der breit angelegten Retrospektive für den Maler, Akademieprofessor und Künstlerfreund Ludwig von Hofmann sind „Sonnen- und Meereskinder“ in die Säle des 1908 von Joseph Maria Olbrich erbauten Ausstellungsgebäudes eingezogen.

Auf etwa 100 Gemälden und 120 Grafiken wird eine arkadische Harmonie zwischen Mensch und Natur beschworen. Während sich das Grundmotiv des 1861 in Darmstadt geborenen Künstlers in fast 60 Arbeitsjahren kaum verändert, kann der Besucher verfolgen, wie die Darstellungsformen wechseln: Teils orientiert sich die Abbildung idealisierter Körper in paradiesischen Landschaften an Hans von Marées symbolistischen Fantasiewelten, teils zitiert sie die entsättigte Farbwelt Pierre Puvis de Chavannes’, schwelgt in der organischen Formensprache des Jugendstils oder experimentiert vorsichtig mit Im- und Expressionismus.

 

Diese stilistische Vielfalt wirkt in der motivisch-thematischen Inszenierung von Kuratorin Annette Wagner vor allem als Beleg für Hofmanns Nähe zu den Künstlerkreisen der Jahrhundertwende. Mit dem Stolz der Wiederentdeckerin werden die Verbindungen des heute weitgehend vergessenen Malers zu Schriftstellern, Künstlern und Sammlern hervorgehoben.

 

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So erfährt der Besucher, dass Ludwig von Hofmann nach seinen Studienaufenthalten in Dresden, Karlsruhe und Paris 1898 zu den Mitbegründern der Berliner Secession gehörte und maßgeblich an der legendären Kunstzeitschrift PAN mitarbeitete. Gerhard Hauptmann war ihm freundschaftlich verbunden, der George-Kreis stand ihm offen, mit dem Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin wanderte er durch die Schweiz und der Hagener Sammler Karl von der Heydt kaufte bereits 1896 ein Idyll von ihm.

 

1903 wurde Hofmann an die Großherzogliche Kunstschule Weimar berufen, wo er sich mit Harry Graf Kessler und Elisabeth Förster-Nietzsche für das Reformprojekt „Neues Weimar“ engagierte. Nach dessen Scheitern wechselte er an die Dresdner Akademie. Der „Verklärer des Lebens“ (Förster-Nietzsche) wurde dort mit der jüngeren Lehrergeneration um Oskar Kokoschka konfrontiert. Trotz der Konflikte an der Kunstakademie und materieller Schwierigkeiten während der 20er Jahre blieb Hofmann bis zu seinem Tod wenige Monate nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Sachsen.

 

Während die Ausstellung immer neue Künstlerfreundschaften und -anekdoten beschwört – Thomas Mann schaute vom Schreibtisch auf eine Arbeit des Malers – muss sich der Besucher fragen, warum Hofmann trotz seiner Bedeutung für die damalige Kunstszene in Vergessenheit geraten ist. Annette Wagner und ihr Team fühlen sich anscheinend der Renaissance des Künstlers verpflichtet und umgehen die kritische Auseinandersetzung deshalb höflich. Vielleicht rechnen sie aber auch mit einem sensiblen Besucher, der nach dem Defilee arkadischer Schönheiten ganz von allein auf die Idee kommt, dass sich mit klassischer Nacktheit allein die Moderne nicht zähmen lässt.

 

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Der Gegenwelt Hofmanns haftet stets etwas Eskapistisches an. Er flieht Industrialisierung und großstädtische Zivilisation. Ganz geheuer scheinen ihm die eigenen Paradiese jedoch selbst nicht. Denn seine stilistischen Anleihen erweisen Hofmann als einen Suchenden, dem so oft er auch ansetzt, das rettende Bild nicht gelingen will.

 

Dass Hofmann letztlich keine originäre Handschrift entwickelt, spricht für seine Selbstkritik und Intelligenz. Zugleich begründet dieser Mangel wahrscheinlich seine geringe Resonanz in der Gegenwart. Denn der heutige Betrachter kann die solide Malerei Hofmanns je nach individuellem Geschmack würdigen, Aktualität besitzt sie für ihn letztlich aber nur als Dokument eines antimodernen Scheiterns. Arkadien ist keine Alternative. Und Weltflucht für die Kunst bis heute kein Ausweg.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Di – So 10 – 18 Uhr, montags geschlossen

24., 25. und 31. Dezember 2005 und 1. Januar 2006 geschlossen

26. Dezember 2005 geöffnet

 

Eintrittspreise

jeweils inklusive Audioführung

Erwachsene Euro 7,-- Ermäßigt Euro 5,--

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