Ausstellungsbesprechungen

Lübeck 1500. Kunstmetropole im Ostseeraum, St. Annen-Museum Lübeck, bis 16. Januar 2016

Aus Anlass eines denkwürdigen Doppeljubiläums findet eine große Ausstellung in Lübeck statt. Das Ende des Mittelalters und der Einzug der Reformation sind ebenso Thema wie die Geschichte des St. Annen-Museums. Stefan Diebitz hat die kühn »Jahrhundertausstellung« genannte Schau besucht.

Es klingt heute etwas unglaubwürdig, aber Lübeck war einmal eine wirklich bedeutende Stadt, die ihr »lübisches Recht« im ganzen Ostseeraum verbreitete, fettes Geld verdiente, andere Städte anzündete und sich überhaupt so unbeliebt wie möglich machte. Aber ausgangs des Mittelalters waren in dieser Metropole des Ostseeraumes nicht nur die Pfeffersäcke, sondern noch zusätzlich diverse Künstlerwerkstätten ansässig, so dass die Stadt nicht allein Fisch oder Salz exportierte, sondern auch Kunst – gelegentlich sogar große Kunst.

Nach 1531 war alles anders. Denn 1530/31 hielt die Reformation in Gestalt des Wittenberger Predigers Johannes Bugenhagen Einzug in Lübeck, und wenngleich die Lübecker nicht zu Bilderstürmern mutierten und keinesfalls Bilder oder Altaraufsätze vernichteten – das tat man schon des lieben Geldes wegen nicht –, so sank die Bedeutung der sakralen Kunst doch dramatisch. Vorher gab es ungefähr dreißig bis vierzig Bildschnitzerwerkstätten und zwanzig Goldschmiede, und Lübeck war die Heimat von Bernt Notke, einem im ganzen Ostseeraum tätigen Künstler, an den bis heute das große Triumphkreuz im Dom erinnert, danach aber fanden sich nur noch ganz wenige Werkstätten, und von einem zuvor angesehenen Meister weiß man, dass er sich als schlichter Anstreicher durchschlagen musste.

Nach 1531 also reduzierte sich die Zahl der Künstlerwerkstätten. Nachdem der Protestantismus den Katholizismus abgelöst hatte, trat an die Stelle des Bildes das Wort, an die Stelle der Kunst die Druckerei: in Lübeck wurde alles gedruckt, was sich irgendwie verkaufen ließ. Also nicht anders als heute. Die Lübecker Ausstellung kann etliche Beispiele dieser Druckkunst präsentieren – auch eine Bibel ist dabei –, und bei allen Blättern beeindruckt ihre außerordentliche Schönheit. Wie kommt es, dass uns die Spiegel dieser alten Drucke bis heute in ihren Bann schlagen? Die Luther-Bibel gilt ja als eines der schönsten überhaupt je erschienenen Bücher, aber die Konkurrenz war in jenen Jahren beachtlich.

Die Ausstellung thematisiert die Jahre von 1460 bis 1540 und zeigt damit einerseits jede Menge sakrale Kunst, die ja auch sonst im St. Annen-Museum dominiert, andererseits Beispiele der Buchdruckerkunst, einige wenige, allerdings hochwertige Goldschmiedearbeiten sowie einiges an Alltagsgegenständen für den Mann von Welt – Pantoffel, Würfel, Schuhe oder Grabplatten. Von Altären finden sich ohnehin etliche im Hause, aber einige wurden für diese Ausstellung noch zusätzlich herangeschafft – zum Beispiel einer aus Prenzlau, wohin sich ein Altar aus der katholischen Zeit der St. Marien-Kirche verirrte. Diese Ausstellung feiert ja einerseits fünfhundert Jahre St. Annen-Kloster, andererseits einhundert Jahre St. Annen-Museum, und so hat man keine Mühe und Kosten gescheut und allerlei an Leihgaben kommen lassen.

So ist es geradezu eine Orgie an bunter spätmittelalterlicher Bildschnitzerei, die sich bei einem Besuch dieser Ausstellung auftut, und man kann eine ganz unwahrscheinliche Fülle von Figuren aus nächster Nähe bestaunen. In den Kirchen gilt es bei den Altären meist Abstand zu halten, aber angesichts der Freude am Detail, welche die Schnitzer besessen haben müssen, ist es besonders wichtig, nahe heranzutreten. Und das lohnt sich: Immer wieder finden sich eindrucksvolle Gesichter. Es war die Zeit der Renaissance, als in Italien die ersten richtigen Porträts geschaffen wurden, und ein Abglanz dieser Kunst gelangte auch an die Gestade der Ostsee. Neben den üblichen süßlich-nichtssagenden Madonnen und bärtigen Josefs-Gestalten finden sich bereits eigenwillige, charaktervolle Gesichter: man braucht nur hinzusehen, und in Lübeck hat man jetzt ausreichend Gelegenheit dazu.

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Besonders lange bleibt die Aufstellung der Altäre im Remter im Gedächtnis, denn es dürfte schwer fallen, sich einen schöneren und für die Präsentation der Altäre geeigneteren Raum vorzustellen: die Rhythmik der Säulen und Gewölbe, die Höhe und Weite des Raumes, das seitlich einfallende Licht machen ihn zu einem ganz wunderbaren Ort. Umso mehr aber muss es schmerzen, mittelalterliche Kunst auf feuerroten Aufsätzen präsentiert zu sehen. Muss das wirklich sein? Wäre nicht Schwarz geeigneter oder überhaupt irgendetwas Unauffälliges, am besten Unsichtbares?

Die sakrale Kunst bildet mit Altären, Plastiken und Reliefs eindeutig das Schwergewicht dieser Ausstellung. Schon ihrer Größe wegen, aber auch dank ihrer Buntheit dominieren natürlich die Altäre. Die Goldschmiedearbeiten sind nicht so stark vertreten, wie es ihrer Bedeutung in der Zeit selbst entsprechen würde, denn im weiteren Fortgang des 16. Jahrhunderts arbeiteten die Lübecker auch weiterhin an ihren Popularitätswerten, führten also unter dem bis heute gut bekannten Bürgermeister Jürgen Wullenwever kostspielige Kriege und mussten dafür fast alles kirchliche Gerät einschmelzen, um ihre Söldner und Schiffe zu finanzieren. In seiner Darstellung der »Goldschmiedekunst in Lübeck um 1500« im Katalog verweist Lothar Lambacher auf eine zwölfbändige handschriftliche Chronik aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, dank derer wir über die erheblichen Verluste auf das Genaueste unterrichtet sind. Es scheint, dass tatsächlich alles, was die Konfiszierung durch Wullenwever überstand, in der Ausstellung präsentiert wird! Aber so viel ist es eben leider nicht.

Trotzdem bietet diese Ausstellung einige herausragende Stücke, unter anderem Monstranzen, Kelche und mehrere silberne Reliquiare, die St. Georg mit erhobenem Schwert, aber ohne den Drachen zeigen. Dieses Motiv wurde in jenen Jahren immer wieder dargestellt, unter anderem durch (wahrscheinlich oder doch nur vielleicht) Bernt Notke, dessen Hlg. Georg die Storkyrkan in der Stockholmer Altstadt schmückt – ein Abguss aber findet sich in der Lübecker St. Katharinenkirche. Unter dem kryptischen Titel »Bernt Notke. Enigma trotz Erfolg« behandelt Matthias Weniger im Katalog die Frage, ob Notke wirklich für die St. Georgs-Gruppe in der Stockholmer Storkyrkan verantwortlich sein kann. Das ist nämlich durchaus umstritten, und Wenigers kluger Aufsatz versucht sich auch nicht an einer einfachen Antwort, sondern verdeutlicht die Problematik und fordert zu weiterer Forschung auf.

Aus dem eigenen Bestand kann das St. Annen-Museum noch andere St. Georgs-Gruppen zeigen, unter anderem ein Kunstwerk aus der Hand von Henning van der Heyde, das aber die Zeiten nicht unbeschädigt überstanden hat. Nicht erhalten ist das textile Zaumzeug, aber noch mehr wird man den Verlust des ursprünglichen Drachen bedauern, denn der jetzige scheint eher niedlich und kuscht wie ein Straßenköter, wogegen der originale »auf dem Rücken lag und sich mit seiner rechten Klaue gegen das Pferd stemmte, während er mit der linken die ebenfalls verlorene Lanze Georgs / Jürgens umklammerte.« In ihrem interessanten Beitrag »Mit dem Blick der Kaufleute. Drachen und Greifen in Lübeck« lässt Barbara Welzel derartig exotische Tierdarstellungen Revue passieren. Steht man aber vor der Plastik selbst, so fällt die außerordentliche Lebendigkeit auf, die sich wohl mit der Schlichtheit und Natürlichkeit der Bewegungen des Pferdes wie des Reiters erklären lässt.

Hervorgehoben werden muss die hohe Qualität des Kataloges, der trotz seines hohen Preises uneingeschränkt zu empfehlen ist, denn sowohl die Beiträge als auch die Abbildungen genügen hohen und gelegentlich sogar höchsten Ansprüchen. Die einzelnen Essays stellen fast ausnahmslos geschichtliche, also sozial- und kulturhistorische Aspekte in den Vordergrund, wogegen die ästhetischen Eindrücke, die den Besucher an den besten Stellen der Ausstellung geradezu überwältigen, kaum thematisiert werden. Diesen werden aber umso mehr die Abbildungen gerecht. Die Altäre werden ihrer Größe wegen nicht in ihren Details vorgestellt, sondern erscheinen in den Ansichten als Gesamtkunstwerke auf weißem Grund (kein Rot!), und die Reliefs sind dank einer schönen Ausleuchtung (die in den Räumen nicht immer gegeben war: ich wurde oft geblendet) in der Abbildung schöner und dank der vorsichtig seitlichen Ausleuchtung vor allem deutlicher als in situ.