Ausstellungsbesprechungen

Lumière Noire – Neue Kunst aus Frankreich, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 25. September 2011

Die Nichtfarbe Schwarz in all seinen Facetten, sofern es diese gibt, will die Ausstellung »Lumière Noire – Neue Kunst aus Frankreich« den Interessenten näher bringen. Eingeleitet durch einen Unfall eines Kunstwerks zeigt die Ausstellung viele nachhaltig wirkende Elemente der französichen jungen Kunst. Günter Baumann hat die Schau in Karlsruhe besucht.

Vincent Ganivet hat mit Ai Weiwei eine Gemeinsamkeit: Beider Kunst ist nahezu unverwüstlich. Noch immer erinnerlich ist der Mobiliarturm des chinesischen Künstlers auf der Documenta in Kassel (damals war er noch nicht vom chinesischen Staat faktisch mundtot gemacht und durfte seine Publicity genießen). Vielleicht wurde das installative Objekt erst richtig berühmt, als es ungewollt in sich zusammenbrach – sein liegengebliebener Trümmerberg war ein Highlight der Schau. Dem 1976 geborenen Vincent Ganivet ist etwas ähnliches passiert: Für die Ausstellung zur »Neuen Kunst aus Frankreich« hat der Künstler eine Bogenkonstruktion errichtet, die wie alle seiner betont fragilen Objekte »die Schwerkraft regelrecht herausfordern« (Ganivet); zwar testet er über Modelle deren haarfeine Stabilität und holt Rat von Ingenieuren ein, doch ist das potentielle Scheitern seiner Kunst vor der realen Zerstörung nicht gefeit. Nachdem er seinen in sich gewundenen Doppelbogen in der Rotunde der zur Kunsthalle gehörigen Orangerie errichtet hatte, stürzte das Werk am 27. Juni in der Nacht in sich zusammen. Die Kunsthalle hat sich dazu entschieden, den Schutt liegenzulassen. Vielleicht ist das Werk nicht das stärkste der Ausstellung, aber es ist das eigenwilligste, das aus der inhaltlich etwas einseitigen Schau ausbricht – als reales Trümmerwerk mehr denn als bloße Chiffre der »Maßlosigkeit«, wie es der Künstler selbstkritisch beurteilt.

Die Einseitigkeit ist thematisch gewollt, und es zeugt an sich schon von Mut, die neue französische Kunst auf das mehr oder weniger belichtete Schwarz festzulegen. Auch wenn sich die Ausstellungsmacher auf ein Phänomen des 19. Jahrhunderts berufen können, will man kaum glauben, dass diese intellektuelle Düsternis symptomatisch für die Gegenwartskunst im Nachbarland ist – wo sich andernorts die Farbe mächtig ins Zeug legt. Wie auch immer, die Teilnehmer sind allesamt beeindruckend. Guillaume Bresson inszeniert ein tiefdunkles Gewaltballett, das auf caravaggeske Weise die sozialen Brennpunkte in den europäischen Großstädten evoziert und sie zugleich ironisiert: Dort, wo etwas Licht auf die Schläger trifft, sieht man grinsende Gesichter, gestellte Posen – und prompt kippt die Stimmung, die unsere durch Medien beeinflusste oder gar verseuchte Wahrnehmung in Frage stellt. Mit diesem Einstieg in die Ausstellung, die den Betrachter in klar getrennten Raumabschnitten an den geschwärzten Künstlerperspektiven entlang führt, hat man die Laufrichtung auch schon vorgegeben. Die präsentierten Arbeiten übersteigen Grenzen, die vorwiegend im Dunkel der Nichtfarbe Schwarz stattfinden. Insgesamt zwölf Positionen verschatten uns den Einblick in die junge französische Kunst und hellen ihn zugleich gewitzt auf. Yann Toma, Künstler wie Kunstwissenschaftler, brilliert mit einem irritierenden Schwarm von Glühbirnen, die wie eine lebende, weich erscheinende Masse den Fußboden füllen. Die Übergänge, die hier zwischen Theorie und Praxis, Energiefluss und Lichtmagie beschrieben werden, machen Toma sicher zu den besten Darstellern dieser Karlsruher Ausstellung.

Weitere Künstler sind Saâdane Afif, Dove Allouche, Ismaïl Bahri, Sophie Bueno-Boutellier, Nicolas Chardon, Damien Deroubaix, Nick Devereux, Benjamin Swaim und Vincent Tavenne. Buono-Boutellier zeigt etwa eine abgedimmte Op Art, Chardon gibt sich als Nachfolger von Malevitsch' schwarzen Quadraten, Dove Allouche lässt dagegen aus dem scheinbar puren Schwarz erstaunliche Natur- und urbane Strukturen auftauchen. Weniger überzeugend ist da die gut gemeinte, aber doch (vielleicht bewusst?) amateurhaft gehaltene Videotour Ismail Bahris, der die Welt, in einem Becher Tinte gespiegelt, einzufangen sucht. Konzeptionelles und Realistisches kommt in der Kunsthalle genauso zur Sprache wie handwerklich überzeugend gemachte Malerei: Nick Devereux agiert fast altmeisterlich auf der Leinwand. Es mag sein, dass das Zwielicht in der Karlsruher Schau bedrückend wirken kann (zumal die hellste Arbeit, die von Ganivet, sich selbst zerstört hat), was dem Ganzen eine Vanitas-Symbolik abringt, die womöglich gar nicht vorgesehen ist. Durch die unfarbige Kunst erhält die Schau allerdings eine Stimmigkeit, die überraschend nachhaltig wirkt und zumindest auf ein faszinierendes Segment der französischen jungen Kunst hinweist – die ganze Bandbreite wird damit sicher nicht abgedeckt sein. Der umfangreiche Katalog unterstreicht die Bedeutung, die die Karlsruher Kunsthalle der französischen Kunst zuschreibt und die Ernsthaftigkeit, mit der sie diese im Südwesten präsentiert.