Ausstellungsbesprechungen

Luther und die Deutschen, Wartburg Eisenach, bis 5. November 2017

2017 kommt man nicht am Reformator Martin Luther vorbei und wohl auch schwerlich an der Wartburg. Hier widmet man sich den geistes- und kulturgeschichtlichen Folgen des Wirken Luthers sowie seiner Rezeption. Stefanie Handke hat sich das angesehen.

Großer Andrang herrscht derzeit über Eisenach; Schüler- und Touristengruppen, Familien und Einzelpersonen geben sich die Klinke in die Hand, wenn es darum geht, einen der drei Teile der Nationalen Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum zu besuchen. Während man sich in Berlin der Geschichte des Protestantismus und in Wittenberg Martin Luthers Einfluss auf nachfolgende Generationen widmet, steht auf der Wartburg sein Verhältnis zu den Deutschen im Mittelpunkt. Das könnte heikel werden, denn stets war die Wartburg auch Ort nationaler Verklärungsversuche. Auch der Reformator Luther blieb davon nicht verschont, wie die Schau beweist. Und so begrüßen den Besucher denn auch zunächst Zeichen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation: eine Doppeladlerstandarte und Kopien der Reichsinsignien, uns heute reichlich kitschig erscheinende Reichsadler- und Kurfürstenhumpen finden sich da. Die Grundlage dessen bilden freilich seine theologischen Schriften, seine 95 Thesen sowie die Übersetzung der Bibel. Auch diese finden sich in unterschiedlichen, teils reich illustrierten Drucken wie die sog. Zerbster Prunkbibel des anhaltinischen Fürsten Georg III. mit eindrucksvoll kolorierten Holzschnitten aus der Cranachwerkstatt. Daneben kann der Besucher weitere Varianten der Lutherbibel begutachten, Ausgaben seiner Sendbriefe und Schriften, aber auch Reaktionen der katholischen Seite auf diese. Darunter finden sich freilich auch Porträts des Reformators.

Drei Schwerpunkte setzt die Ausstellung auf der Wartburg: Sie widmet sich ihrer Rolle als Lutherstätte und deutschem Erinnerungsort, den geistes- und kulturgeschichtlichen Folgen des Thesenanschlags sowie der politischen Instrumentalisierung Luthers. Als einer der bekanntesten Deutschen wurde Martin Luther dabei im 19. Jahrhundert zum Nationalhelden stilisiert, dem in unterschiedlichster Form gehuldigt wurde: Luthermonumente sollten errichtet werden, Lutherkirchen entstanden, man huldigte dem Reformator in Liedern und Gedichten und noch so einiges mehr. Dabei stand die konfessionelle Bindung weniger im Vordergrund als der Gedanke an einen Befreier (der Bildung, der Religion, des einfachen Volkes von der Kirche). Auch theologisch und historisch setzte man sich mit Luthers Werk und Wirkung auseinander. Eine besondere Rolle aber kommt in der Tat in dieser Ausstellung dem zu, was der ehemalige Mönch in der breiten Bevölkerung war.

Die Wiederherstellung der Wartburg durch den Weimarer Großherzog Carl Alexander zeigt das eindrucksvoll: Er wies den unterschiedlichen mit der Burg verbundenen Mythen und Personen – von der Heiligen Elisabeth über den Sängerkrieg bis hin zu Luthers Jahr hier – unterschiedliche Orte in der Burg zu. Auch ließ er zahlreiche Entwürfe für die Innenausstattung anfertigen, von denen hier etwa der für einen Wandteppich zu bewundern ist, aber natürlich auch den aus 18 Bildern bestehenden Zyklus von Lutherszenen für das Reformationszimmer – darunter Paul Thumanns »Luther übersetzt die Bibel« (1872), das den Reformator als zielstrebig arbeitenden Übersetzer inszeniert. In der sog. Lutherkapelle hat der damalige Mönch freilich nicht gepredigt; sie ist wohl eher als eines der Phänomene des 19. Jahrhunderts zu werten; doch ihre Ausstattung war prächtig genug. Dieses ausgedehnte Luthergedenken kann vielleicht der Sorge geschuldet gewesen sein, dass mit dem raumgreifenden Freskenzyklus Moritz von Schwinds zur Heiligen Elisabeth das Reformationsgedenken in den Hintergrund treten könnte.

Dass dem nicht so war, das beweisen zahlreiche Lutherbildnisse, Entwürfe für Denkmäler, aber auch eine ganze Wand mit Klimbim, der den Reformator als Nationalhelden feiert und eine Dosis Reformatorenglorienschein für daheim lieferte. Medaillen, Becher, Postkarten, Drucke und andere Devotionalen entstanden anlässlich der Reformationsjubilären im 19. und 20. Jahrhundert und bedienten das Bedürfnis nach einem vom Zeitgeist unabhängigen Nationalhelden. Den bot Luther trotz seiner konfessionellen Bindung – und so wurde er mal als Freiheitsheld gefeiert (schließlich hatte er sich ja für eine umfassende Bildung von Jungen und Mädchen ausgesprochen), im Zuge des Wartburgfests als Vorkämpfer einer Nation (was freilich von den Nationalsozialisten entsprechend verbrämt wurde), und selbst in der ihm gegenüber eher kritisch eingestellten Ideologie der DDR durchaus auch als Teil der frühbürgerlichen Revolution. All diese Konnotationen spiegeln sich in der Ausstellung wider – Martin Luther war stets eine Folie, auf der sich unterschiedlichste Hoffnungen, Wünsche und Ideen projiziert fanden. Unrühmlicher Gipfel des Ganzen war wohl sein Bild als Vordenker des Dritten Reiches und des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. Erfreulicherweise klammert die Ausstellung dieses genau nicht aus. Vielmehr zeigt sie Schriften, Drucke und Entwürfe aus der NS-Zeit, die sich mit der Rolle des Reformators beschäftigen.

Dem Besucher muss dabei aber eines auffallen: Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Martin Luther hatte seit dem ersten großen Reformationsjubiläum 1817 eine identitätsstiftende Funktion und auch indirekt konnte man sich auf ihn – und seine Reformatoren-»Kollegen« – berufen. Caspar David Friedrich schuf mit »Huttens Grab« etwa eines seiner politischsten Bilder. Ulrich von Hutten hatte sich als Humanist und Gegner des weltlich orientierten Papsttums auf die Seite Luthers geschlagen und scheiterte mit seinem »Pfaffenkrieg«. Aber auch er wurde zum Freiheitshelden verklärt und in Friedrichs Gemälde entsprechend inszeniert. Dieses Exponat schlägt eine Brücke zum Nationalbewusstsein der Deutschen, das im 19. Jahrhundert um sich greift. Gerhard von Kügelgen gar lässt auf dem Bildnis seiner zwei Söhne bereits die späteren Nationalfarben in einem Ball auftreten.

So eingebettet – zwischen theologischem Diskurs, breiter religiöser und politischer Diskussion sowie der Sehnsucht nach einem »deutschen« Helden begegnet Martin Luther in der Ausstellung als schwierige Figur. Sein Einfluss auf Humanismus, aber auch Aufklärung und Bildung, sind nicht zu leugnen wie zahlreiche Exponate eindrucksvoll belegen. Aber auch seine Instrumentalisierung als Freiheitsheld, als Vorkämpfer dieser und jeder Revolution oder des Nationalismus wird nicht ausgeklammert. Die Stärke der Schau ist dabei, dass sie mit einem breit gefächerten Angebot an Exponaten aufwartet – reichhaltige Buchkunst und einfache Flugblätter finden sich, Handschriften, kunsthandwerkliche Gegenstände und Gemälde, Nippes und Waffen der Neuzeit. So breitet sich ein umfassendes Bild vor dem Besucher aus, in dem er sich »seinen« Luther suchen kann – oder es schlicht und einfach lassen angesichts der Fülle an Material. Denn bei allen Vorbehalten, die man gegen den Reformator, aber auch eine weitere Aufarbeitung seiner Person haben kann: seine geistesgeschichtliche Wirkung ist nicht zu leugnen.