Ausstellungsbesprechungen

M Stadt. Europäische Stadtlandschaften, Kunsthaus Graz, bis 08. Januar 2006

Die Herbstausstellung im Kunsthaus Graz hat sich, passend zum diesjährigen Programm des Kulturfestivals steirischer herbst, dem Thema „Stadt“ gewidmet. Der Ausstellungstitel „M Stadt. Europäische Stadtlandschaften“ verweist auf die Situation der „mittleren Stadt“, wie Graz selbst eine ist, impliziert aber auch andere Bezüge, beispielsweise den mitteleuropäischen Kontext mit seiner spezifischen räumlichen Struktur. Die europäische Stadt ist, im Gegensatz zu den Megacities in Übersee und im Fernen Osten, immer noch um den historischen Stadtkern angelegt und von innerer Geschlossenheit und Zentralität geprägt, gerät aber zunehmend in den Sog der Veränderungsprozesse, die zuerst in den Weltmetropolen sichtbar wurden.

An den Stadträndern, aber auch zwischen den Orten breitet sich Sprawl aus – so bezeichnen Fachleute den urbanen Wildwuchs aus Siedlungsgebieten, Gewerbeparks und Einkaufszentren. Diese neuen, amorphen Landschaften bilden hybride Zonen ohne Zentrum oder Ausrichtung, die weder städtisch noch ländlich geprägt sind und graben allmählich den Innenstädten das Leben ab. Ist die europäische Stadt auf dem Weg, ein Auslaufmodell zu werden, oder kann sie ihre Funktionen und Rollen neu definieren?

Wie Kurator Marco De Michelis betont, ist es nicht möglich, in diesen hochkomplexen Bereichen endgültige Antworten zu geben, die Ausstellung will jedoch Fragen formulieren und die allgemeine Wahrnehmung fokussieren. Das Konzept ist bewusst visuell orientiert und wurde in Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, StadtplanerInnen, FotografInnen und DesignerInnen erstellt. Die Erscheinungen des modernen Urbanismus sollen in der Ausstellung als erlebbare Phänomene wahrgenommen werden und nicht in langwierigen Abhandlungen versickern.

In den unteren Geschossen des Kunsthauses gliedert sich das Konzept in sechs verschiedene Themenbereiche, die sich jedoch gegenseitig durchdringen und untereinander korrespondieren – wie sollte es auch anders sein? Letztlich ist es weniger die Auffächerung in Themen, die in diesem ersten Teil der Schau dominiert, sondern eine konsequente Verschränkung von künstlerischen, architektonischen und theoretischen Interventionen, die für ein abwechslungsreiches Ambiente sorgt und komplexe Sachverhalte sichtbar beziehungsweise räumlich erfahrbar macht.

Die großflächige Installation „Pizza City“ von Chris Burden stellt die Auflösung des Stadtraums im Miniaturformat nach: eine phantastisch-surreale Landschaft aus eng aneinandergedrängten Spielzeughäuschen, entzückend und putzig im Detail, in Summe jedoch ein gewaltiger, formloser Stadtmoloch ohne Plan und Ordnung. In unmittelbarer Nachbarschaft von Burdens Arbeit untersucht Vicente Guallart die Geologie der Gebiete, auf denen Städte entstanden sind, und interpretiert die Architektur als Metamorphose eines Einheitsprinzips, das nicht zwischen Stadt und Land, Natur und Künstlichkeit unterscheidet. Sylvie Fleury inthronisiert einen vergoldeten Einkaufswagen auf einem verspiegelten Podest, als Fetisch der Warenwelt oder Pokal der Konsumgesellschaft.

Ein spannendes konzeptuelles Projekt verbirgt sich in der äußerlich schlichten Assamblage von Lorenzo Romito/ Osservatorio Nomade. „The Un-familiar City“ setzt sich mit der komplexen Geschichte der Stadt Thessaloniki auseinander, in der über Jahrhunderte hinweg die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen siedelten. Gebäude und Plätze stehen für den wechselvollen Verlauf der Ereignisse auf diesem geschichtsträchtigen Ort und lassen unbekannte Erinnerungen zutage treten. Aus singulären Bausteinen entsteht die Archäologie einer uralten Stadt im Spannungsfeld von historischem Erbe und Gegenwart. Der kubanische Künstler Carlos Garaicoa wählt eine ganz andere Metapher über das Werden und Vergehen von Städten: seine Installation besteht aus brennenden Kerzen, die die Form von Gebäuden angenommen haben. Wenn die Lichter im Laufe der Ausstellungsdauer nachbesetzt werden, wachsen allmählich auch die Schichten über den älteren Überresten.

Der Hauptraum in der zweiten Etage ist schließlich sechs Städteporträts gewidmet, womit auch der eigentliche Bezug zum Ausstellungstitel hergestellt wird. Die Protagonisten sind hierbei Graz, Basel, Krakau, Triest, Ljubljana und das urbane System des Ruhrgebiets, somit europäische Städte von vergleichbarer Größe und Struktur.

Die Porträts werden in Form von Videos und Installationen präsentiert, wobei Marta Malé-Alemany und dem Team ReD, die für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich zeichnen, ein glücklicher Einfall gelungen ist: die Kojen der Videoinstallationen bestehen aus sechs kegel- oder glockenförmigen Elementen, die sich von der Decke herabsenken. Diese wiederum korrespondieren mit der experimentellen Flux-Architektur des Kunsthaus-Baus von Peter Cook und Colin Fournier und stülpen das aufsehenerregende Design der Außenhaut, die dem Gebäude seine unverwechselbare Silhouette in der Grazer Dachlandschaft verleiht, quasi nach Innen – die Außenwelt interveniert symbolisch im Ausstellungsraum.