Ausstellungsbesprechungen

Madonna. Frau – Mutter – Kultfigur, Landesmuseum Hannover, bis 14. Februar 2016

Fällt der Name Madonna, mögen zahlreiche Zeitgenossen reflexartig zunächst an die international gefeierte US-amerikanische Pop-Ikone denken. In einer kulturgeschichtlich breit angelegten, überaus materialreichen und inhaltlich anspruchsvollen Sonderausstellung geht es allerdings nicht um diese Gallionsfigur des Show-Business, sondern um Facetten der Mariendarstellung. »Madonna. Frau – Mutter – Kultfigur« heißt die hochinteressante Schau im Landesmuseum in Hannover, die – man sehe und staune – einen Zeitraum von circa 11000 Jahren überspannt. Rainer K. Wick hat sie besucht.

Schon beim Betreten des in Sichtweite des Neuen Rathauses und des Sprengel-Museums gelegenen Niedersächsischen Landesmuseums wird der Besucher angenehm überrascht sein, dass ihn offenbar keine staubtrockene Ausstellung zur Marien-Ikonografie nach dem Prinzip der bloßen Aneinanderreihung historischer Belegstücke erwartet. Denn im Treppenhaus des Anfang des 20. Jahrhunderts im Stil der Neorenaissance errichteten Museumsgebäudes sieht er sich vier Großfotos gegenüber, die neugierig machen. Sie stammen von der 1978 in Aachen geborenen und seit fünfzehn Jahren in Mailand lebenden Julia Krahn. Eines dieser Fotos zeigt eine nur spärlich mit einem reinweißen Tuch bedeckte junge Frau (übrigens ein Selbstporträt der Künstlerin), deren Haltung darauf hindeutet, dass sie einen Säugling im Arm hält – doch das Kind fehlt (»Mutter«, 2009). Spontan assoziiert man »Maria mit dem Kind«, ist aber sogleich durch die Leerstelle irritiert. Ebenso irritierend ist der Umstand, dass das Foto »Vater und Tochter« (2011) zwar den bekannten Typus der Pietà zitiert, »Maria« jedoch als jüngere Frau mit einem kaum verhüllten älteren Mann auf dem Schoß erscheint, der ungeachtet der offenkundig vertauschten Altersrollen sofort an den leblosen Leib Christi denken lässt. Es handelt sich um eine spezifische Form der Aneignung und Transformation religiöser Ikonografie, und insofern wird schon hier, im Entree des Museums, das Leitmotiv dieser sehenswerten und lehrreichen Ausstellung angeschlagen.

Tritt man in die abgedunkelten Räume ein, in denen die Exponate wie Edelsteine aufleuchten, so zieht den Betrachter zunächst ein knapp 8 mal 5 Zentimeter großes Sandsteinfragment mit einer Ritzzeichnung in seinen Bann, die als stark abstrahierte Frauendarstellung zu lesen ist. Gefunden in Bierden im niedersächsischen Landkreis Verden, wird sie auf die Zeit um 9000 v.Chr. datiert. Sie gehört in der Kontext der menschheitsgeschichtlich frühen, um Fruchtbarkeit und Mutterschaft kreisenden »Eiszeitfrauen« und ihrer unmittelbaren Nachfolgerinnen. Fruchtbarkeit und Mutterschaft bilden dann den ersten Themenschwerpunkt der Ausstellung, in der es um die Verehrung göttlicher Mütter im Altertum geht – von der säugenden Isis im alten Ägypten zu Kybele, Demeter und Magna Mater in der griechischen und römischen Antike. Hier finden sich zum Teil frappierende Präfigurationen späterer christlicher Mariendarstellungen, und es ist das Verdienst von Katja Lembke, der Direktorin des Museums, dass sie als Klassische Archäologin und Ägyptologin dem Thema »Madonna« eine kultur- und kunsthistorische Perspektive eröffnet hat, die nicht erst beim Christentum ansetzt, sondern die Kontinuität zwischen der heidnisch-antiken Tradition und der Entfaltung des christlichen Marienkults in den Blick nimmt. Da dürfen weder Aphrodite noch Artemis fehlen – Aphrodite, die allgemein als Göttin der Schönheit und der Liebe rangiert, deren Ursprung aber in uralten Mutterkulten des Nahen Ostens zu suchen ist (sumerisch Inanna, semitisch Ischtar, phönizisch Astarte), und Artemis in ihrem aus dem großen Tempel von Ephesos bekannten Erscheinungsbild, deren Oberkörper mit mehreren Reihen von sphärischen Objekten bedeckt ist, die lange für Brüste gehalten wurden, neuerdings aber als Stierhoden gedeutet werden. Wie auch immer, feststehen dürfte, dass es sich bei der Artemis Ephesia, die in Hannover als unterlebensgroße römische Kopie (Leihgabe aus den Kapitolinischen Museen in Rom) gezeigt wird, um eine Figur handelt, die mit Sexualität, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung im Zusammenhang steht.

In den Evangelien spielt Maria eine eher marginale Rolle, und aus frühchristlicher Zeit sind nur wenige Mariendarstellungen überliefert. Begründet wurde der Marienkult interessanterweise an jenem Ort, an dem zuvor Jahrhunderte lang Artemis in der soeben erwähnten Sonderform verehrt wurde, nämlich in Ephesos. Hier fand im Jahr 431 ein Konzil statt, bei dem die Mutter Jesu als »Gottesgebärerin« (griech. Theotokos) und damit als besonders verehrungswürdig anerkannt wurde. Rasch breitete sich der Marienkult aus mit der Konsequenz, dass Maria – noch vor Christus – zu der am häufigsten dargestellten Figur in der christlichen Kunst avancierte. Dabei bildeten sich unterschiedliche Darstellungstypen heraus, von der thronenden Himmelskönigin zur zärtlichen Mutter, von der byzantinischen Kaiserin zur Magd des Herren. Seit dem Mittelalter ist die Madonna mit dem Kind das dominierende Motiv, eine Konfiguration, die manchmal durch den Johannesknaben, durch Anna, die Mutter Mariä (sog. Anna Selbdritt), oder durch Josef erweitert wird. Erwähnt seien Sonderformen wie die Maria im Rosenhag, die Schutzmantelmadonna, die säugende Maria (Maria lactans), Maria auf der Mondsichel, eine Schlange zertretend, die Schmerzensmutter (Mater dolorosa) und das sog. Vesperbild (Pietà). Die Hannoveraner Schau dokumentiert mit erstklassigen Exponaten die große Vielfalt des Marienbildes von der Romanik bis zur Moderne und bietet dem Besucher nicht nur ästhetisches Vergnügen – erwähnt sei nur Rubens‘ herausragendes Gemälde »Madonna mit dem stehenden Kind« aus der Zeit um 1615/1620 – , sondern auch theologische Einsichten und kunst- und kulturhistorische Erkenntnisse. Indem die Kuratoren, wie erwähnt, Referenzstücke aus vorchristlichen Kulturen präsentieren, etwa Muttergöttinnen im Typus der Thronenden, wird zum Beispiel nachvollziehbar, wie im sich etablierenden Christentum einerseits am paganen Mythos angeknüpft wurde, dieser andererseits aber im christlichen Sinne »korrigiert« wurde, um die Deutungshoheit über alte heidnische Überlieferungen zu erlangen.

Fortsetzung von Seite 1

Während in der katholischen Kirche die Marienverehrung nach wie vor von zentraler Bedeutung ist, verlor die Gottesmutter im Zuge der Reformation in der evangelischen Kirche ihren hohen Rang, und nicht selten wurden Marienbilder sogar Opfer des protestantischen Bildersturms, also Opfer physischer Zerstörung. Gleichwohl erinnert Margot Käßmann, die die Schirmherrschaft für die Madonna-Schau übernommen hat, dass »der Reformator Martin Luther ein großer – heute würden wir sagen – ‚Fan‘ Marias« gewesen ist. Und so ist zu konstatieren, dass Darstellungen Mariä trotz ihrer vermeintlich grundsätzlichen Ablehnung durch die Protestanten »in beträchtlichem Ausmaß und nicht hinterfragter Funktion in lutherisch genutzten Kirchenräumen« erhalten geblieben sind, wie dem exzellenten, materialreichen und sachhaltigen Begleitbuch zur Ausstellung zu entnehmen ist.

In dem Maße, wie seit dem 19. Jahrhundert das Sakrale der fortschreitenden Profanisierung ausgeliefert war, veränderten sich auch die Darstellungsmodalitäten des uralten Motivs der Mutter mit dem Kind. So zeigt das Landesmuseum eine Reihe großartiger Bilder der Mutterschaft, die nicht explizit christlich-religiös denotiert sind und auch nicht für den kirchlichen Gebrauch bestimmt waren, sondern die das Thema auf einer allgemein-menschlichen Ebene abhandeln – Gemälde, Grafiken und Skulpturen von Ferdinand Hodler, Paul Gauguin, Mary Cassatt, Lovis Corinth, Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck, Henry Moore und anderen. Ein Meister der Profanisierung war auch Hannovers dadaistischer Säulenheiliger Kurt Schwitters, indem er Reproduktionen klassischer Madonnenbilder von Botticelli und Raffael mit den Mitteln der Collage gründlich umfunktioniert und durch Strategien der »ironischen Entweihung« (Katalog) ihres religiösen Gehalts entkleidet hat. Ähnliches gilt für Thomas Bayrles »Madonna Mercedes« von 1989. Es handelt sich um eine großformatige Collage, die den Schematismus byzantinischer Ikonen aufgreift. Doch das Bild der Muttergottes entstand nicht aus Eitempera auf Goldgrund, sondern aus einer Akkumulation deformierter Fotokopien von Fahrzeugen der Stuttgarter Marke – eine Arbeit, die in einem ironischen Akt quasireligiöser Überhöhung den Fetisch Auto aufs Korn nimmt. Neben der Einbeziehung prähistorischer, ägyptischer, altorientalischer und griechisch-römischer Fruchtbarkeits- und Mutterkulte ist es dieses Eintauchen in die Moderne – aus der Fülle der Exponate seien nur Niki de Saint Phalles farbenfrohe, dickleibige »Nana« von 1965 oder Katharina Fritschs monochrom gelbe »Madonna« von 1989 herausgegriffen –, die den besonderen Reiz dieser konzeptionell bemerkenswerten und überzeugend inszenierten Schau im Niedersächsischen Landemuseum ausmacht.