Ausstellungsbesprechungen

Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg

Erleichtert atmete das Kunstmuseum Bern auf: Nach dem Aufschrei, den Xiao Yus konglomeratische Verknüpfung eines Vogelkörpers mit einem aufgenähten menschlichen Fötenkopf samt eingesetzten Hasenaugen zum Kunstwerk hervorgerufen hat, bis hin zur Strafanzeige wegen Störung des Totenfriedens, Gewaltdarstellung und Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, haben Ende September das Berner Untersuchungsrichteramt und Staatsanwaltschaft die Wogen weitgehend geglättet.

Unabhängig von der nachvollziehbaren »Verletzung möglicher Pietätsgefühle« unterlagen die – wenn, dann in China begangenen – Störung des Totenfriedens und die Tierquälerei nicht der Gerichtsbarkeit in der Schweiz, und in puncto Gewalt heißt es erstaunlich klar: »Dokumentarische oder künstlerische Werke … führen Grausamkeiten vor Augen, um die Folgen individueller oder kollektiver Gewalt exemplarisch zu illustrieren und das kritische Bewusstsein für deren Verwerflichkeit zu wecken oder zu schärfen. Entscheidend ist die künstlerische Intention, nicht die künstlerische Qualität.« Nicht unwesentlich kam diesem Bescheid entgegen, dass genau dieses Objekt des Künstlers im Jahr 2001 auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde, ohne irgendjemanden aufzuschrecken.

Zur Ausstellung Mahjong in Bern schien das Werk fast die gesamte Schau zu diskreditieren, aber die Empörung war echt und konnte nicht ignoriert werden, mehr noch: Die ethischen Bedenken verlangten nach einer Auseinandersetzung. Das Kunstmuseum tat das einzig richtige – es richtete eine Podiumsdiskussion aus, an der Theologen, Sinologen, Philosophen und Künstler beteiligt waren. Dabei kam der Reliquienkult der Kirche ebenso zur Sprache wie die fragwürdige Faszination unzähliger Menschen für Gunter von Hagens Plastinations-Shows, und es wurde nicht verschwiegen, dass manches Gemüt sich verletzt fühlte, das ganz gern die Augen verschließt vor dem Elend in der Dritten Welt.

Das Kunstmuseum Bern hatte allen Grund aufzuatmen, denn neben einem der radikalsten chinesischen Künstler, Xiau Yu, zeigt das Museum noch bis zum 16. Oktober die grandioseste Ausstellung zur chinesischen Gegenwartskunst, die es je gab. Das lässt sich schon an den trockenen Fakten ablesen. Der Schweizer Uli Sigg, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Ringier-Gruppe, begann als Botschafter in Peking 1995–98 chinesische Kunst zu sammeln, die auf sage und schreibe 1200 Arbeiten von 180 Künstlerinnen und Künstlern anwuchs (und stetig wächst). Eine vergleichbare Sammlung gibt es nicht. Dazu kommt, dass schon rein flächenmäßig die Präsentation der Bilder die größte Ausstellung in der Geschichte des Museums ist: Eine repräsentative Auswahl von 340 Arbeiten aus dieser hochwertigen Sammlung gibt einen grandiosen, atemberaubenden Überblick über die chinesische Kunst zwischen 1979 und 2004, die auch noch nie in einer solchen Dichte zu sehen war.

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Frei nach dem Nationalspiel Mahjong, bei dem 144 Steine in beliebigen Kombinationen wieder und wieder neu gruppiert werden, gliedert sich die Ausstellung in 12 Bausteine, sprich Kapitel:

Ikonen der 70er Jahre vs. Ikonen der 80er Jahre,
Mao und die Kulturrevolution,
Machtspiele,
Mythen und Legenden,
Individuum vs. Gesellschaft,
Konsumismus
Leben im heutigen China,
Stadt vs. Land,
Revidierte Traditionen
Westliche Kunst aus chinesischer Sicht,
Schrift als Malerei,
Das Medium Körper.

Es überrascht gar nicht, dass die figurative Kunst dominiert, berücksichtigt man die Ideologie, die bis 1979 und darüber hinaus keine Extratouren zuließ, zumal die dürftige Museumslandschaft im Reich der Mitte kaum Einblicke in die westliche Kunstgeschichte und damit die Tradition der abstrakten Kunst ermöglichte und noch heute den analytischen Ansatz in der Kunst bremst. Doch ist die Bandbreite der gezeigten Bilder beeindruckend und die Liste hervorragend gehandelter Künstler enorm: der Wort- und Bildführer des sog. Zynischen Realismus Fang Lijun, der wichtigste Vertreter des Polit-Pop Wang Guangyi, Zhang Xiaogang als Vertreter der Sichuan-Schule, die sich im Gegensatz zur eher politisch orientierten Pekinger Schule surrealistischen Tendenzen öffnet, der scharfe Beobachter psychologischer bis psychopathologischer Angstwelten Xie Nanxing und andere mehr.

Die Vielfalt lässt sich kaum angemessen beschreiben, wo schon die bloße Nennung ähnlich klingender Namen für westliche Ohren ungewohnt ist. Dabei sprechen nahezu alle Künstler allgemeingültige Themen an. So demaskiert Zeng Fanzhi mit karikierendem Witz die fratzenhafte Gesellschaft, die in ihrem Individualitätswahn nur neue Uniformierungen erzeugt. Liu Ye erinnert mit seinen kitschnahen Kindmotiven an die lasziven Erotikbilder Johannes Hüppis, wie Xu Yihui etwa in seinem Porzellan-»Boy Reading Mao Book« Anklänge an Jeff Koons erkennen lässt. Vergleiche ließen sich noch zwischen den Bildhauern Yue Min Jun und dem Spanier Juan Munoz ziehen. Auch veristische Werke wie die von Liu Rentao finden bis in die Physiognomie der Figuren im Westen ihre Entsprechung in der Kunst der 20er-Jahre (Grosz, Dix u.a.), und erfreut erkennt der europäische Betrachter Duchamps Pissoir auf einem Gemälde von Shi Xinnings wieder, der es im Kontext einer fiktiven Retrospektive zeigt, bewundert von keinem Geringeren als Mao Zedong! Der nun wieder ist fast allgegenwärtig in den Bildern der jungen chinesischen Künstler, auch wenn er abwesend ist: Qi Zhilong beispielsweise präsentiert Porträts von Soldatinnen in einer Größe, die einst allein Mao und seinen Getreuen zugestanden wurde; und Yin Zhaoyang zeigt sich selbst mit dem väterlichen Mao an seiner Seite sitzend, als sei dieser noch am Leben.

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Überhaupt gehen viele Maler ganz unverkrampft und mit teilweise großartigem Witz an die nationale Identität und ihre Helden heran, die auch mal mit dem Coca-Cola-Schriftzug in einem Atemzug auftauchen wie etwa bei Ai Weiwei. Freilich wird darüber hinaus die ureigene kalligrafische Tradition nicht vernachlässigt, wie die Arbeiten von Xu Bing und anderen beweisen. Zu dieser Fülle kommt dann eben auch ein extremes, schockierendes Werk wie das von Xiao Yu, dessen »Ruan« jenen Skandal hervorgerufen hatte, dessen Verwendung eines Embryonenkopfes viele Besucher verstörte. Der Künstler selbst meinte dazu gegenüber einer Nachrichtenagentur: »Gerade weil ich alles Leben achte, habe ich dies getan. Der Vogel und der Fötus starben, weil mit ihnen etwas nicht stimmte. Ich habe sie zusammengesetzt, als ob sie dadurch ein anderes Leben haben könnten.«

Die fulminante Schau der chinesischen Avantgarde passt prächtig in die gegenwärtige China-Euphorie, die sich besonders in der Wirtschaft zeigt. Dass es sich im Bereich der Kunst nicht um eine temporäre Modewelle handelt, macht die Präsenz der asiatischen Künstler deutlich. Die Ausstellung zur Gegenwartskunst aus Shanghai liegt nicht allzu lange zurück; in Heilbronn sind die Chinesen immerhin mit drei Künstlern (Ah Xian, Wang Fu und der auch in Bern gezeigte Wang Du) in der wunderbaren Skulpturenausstellung zur »Oberen Hälfte des Körpers« vertreten. Und wenn junge Künstler wie der in Stuttgart lebende und arbeitende Xianwei Zhu gleich in mehreren Ausstellungen präsentiert wird, zeugt das von einem anhaltenden Trend, der sich wohl noch verstärken wird. Der in jeder Hinsicht imposante Katalog zur Berner Schau aus dem Hause Hatje Cantz setzt dazu noch Maßstäbe, sowohl was die Bildqualität angeht – hier bekommt man des besten Überblick, der zur Zeit möglich ist – als auch die Kommentare und Textbeiträge, unter anderem von den ausgewiesenen Kuratoren Bernhard Fibicher und Ai Weiwei (der zugleich als Künstler im Rennen ist). Im Herbst 2006 wird die Ausstellung noch in Hamburg zu sehen sein – falls man den Schweizer Termin nicht halten kann, besteht also Hoffnung, diese wichtige Schau ins Visier zu nehmen.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag–Sonntag 10–17, Dienstag 10–21 Uhr

Eintritt
Sammlung SFr. 7.-- / Reduziert SFr. 5.--
Ausstellungen bis Fr. 18.--
 
Führungen
Dienstag 19–20 Uhr, Sonntag 11 Uhr
Führungen auf Chinesisch möglich