Ausstellungsbesprechungen

Man Ray bis Sigmar Polke. Eine besondere Fotografiegeschichte

Experiment, Dokument und Exponent könnte man über die fingierten Abteilungen schreiben, die gleichsam drei sich überschneidende zeitliche Etappen in der Fotogeschichte markieren, wie sie sich in der Sammlung Barbara und Horst Hahn darstellt: die Lust am Experiment im Fahrwasser von Surrealismus und Konstruktivismus; die Last des Lebens in den 1920er und 30er Jahren; das Foto als autonome Gattung.

Die über 220 Arbeiten von rund 50 Fotografen decken ein breites Spektrum ab, das hier mit Man Ray beginnt und mit Sigmar Polke endet: ein Jahrhundert wird besichtigt, freilich mit den Augen eines notorischen Sammlers, der lange zögerte, bis nun erstmals etliche Meisterwerke der Zunft in dieser Fülle vereint gezeigt werden. Gerne erzählt Horst Hahn, dass er beim Kauf mehr nach dem Bauchgefühl geht, doch dass dieses so treffsicher immer wieder nach den besten Stücken greifen ließ, ist erstaunlich.

Bereits das Titelbild des Katalogs, »Die Tränen« von Man Ray (1932), verweist auf eines der berühmtesten Fotos überhaupt. – Nirgends sonst tritt man mit solchen Déjà-vu-Erlebnissen vor einen Barytabzug wie im Fall des surreal-dadaistischen Werks von Man Ray. War die Fotografie bis dahin der teils klägliche Versuch, der Malerei das Wasser abzugraben, zeigt sich hier zum ersten Mal das Bewusstsein für ein selbstständiges Medium. Trotz des bevorzugten Schwarzweißbilds gibt es sich von Beginn an keineswegs nur als Schwarzweißkopie unserer Gesellschaft, sondern als Fixierung dessen, was allein in der (nicht durch Farbe abgelenkten) Eindeutigkeit und durch die monochrome Konzentration zu bewerkstelligen ist. Die faszinierendsten Stücke sind – neben den richtungweisenden Man Rays – Arbeiten des Russen Alexander M. Rodtschenko, der wohl die von der Ästhetik her vollkommensten Bilder schuf, und die von Anton Stankowski, der früh das Machtpotenzial der Fotografie erkannte, dies aber nicht in den Dienst einer Propaganda stellte, sondern für die Werbung und die sozialkritische Botschaft nutzte und somit die zukünftigen Aufgabenfelder der Fotografie mitprägte (vielen ist Stankowski nur noch als Grafiker ein Begriff, und so mag der Fotograf eine Entdeckung sein).

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Ein Schwergewicht der Sammlung sind Künstler(selbst)porträts, die eine wahre Galerie vor den Augen des Betrachters entfalten: Beckett, Duchamps, Hausmann, Joyce, Magritte u. a. m. Natürlich darf in diesem Kontext August Sander nicht fehlen, der neue Maßstäbe in der Bildniskunst setzte. Während die Highlights der Ausstellung sowohl eindeutig in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liegen als auch die Ränder des Mediums ausgelotet wurden – etwa im Fotogramm, in der Montage, in Mehrfachbelichtungen - , reicht die Schau über die erzählerischen Bildreportagen bis hin zu den Künstlerstatements der Gegenwart, die mit Klauke, Knoebel, Newton und Polke wichtige Namen aufzubieten weiß. Daneben ist es ein Verdienst der Sammlung von Barbara und Horst Hahn, dass sie auch Dokumente persönlicher Schicksale bereit hält wie das des von den Nazis ermordeten Fotojournalisten Erich Salomon.

 

 

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Öffnungszeiten
Dienstag-Freitag 11–18 Uhr
Donnerstag 11–20 Uhr
Samstag und Sonntag 11–18 Uhr