Ausstellungsbesprechungen

Manet - Portraying Life, Royal Academy of Arts, London, bis 14. April 2013

Auf einzigartige Weise verknüpfte der französische Künstler Edouard Manet (1832-1883) seine Porträtmalerei mit Szenen aus dem täglichen Leben. So schuf er eine Brücke zwischen Realismus und Moderne. Die Royal Academy widmet sich diesem Thema in einer großen Ausstellung. Karin Ego-Gaal war fasziniert.

Er spaltete die Kunstwelt, er revolutionierte das Porträt, er hatte es nicht nötig, mit seinen Werken Geld zu verdienen, er war ein Kämpfer und Vordenker, er ist der Vater der Modernen Kunst und einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler Frankreichs: Edouard Manet (1832-1883). »Manet - Portraying Life« ist mit 50 Werken die erste große Ausstellung in Großbritannien. Ihr Fokus liegt auf seinen Porträts, angefangen von den frühen Familienbildnissen über seine Pastellphase bis hin zu seinen letzten Werken 1878. »Es ist eine absolute Notwendigkeit, eine sine qua non, für einen Künstler, seine Arbeit auszustellen .... Auszustellen bedeutet Freunde und Verbündete für den Kampf zu finden«, so Manet 1867.

»Portraying Life« widmet diesen Freunden und Verbündeten, die sich immer wieder als Modelle in seinen Porträts wieder finden, einen großen Teil der Ausstellung. Manets kultureller Kreis bestand aus Autoren, Dichtern, Kritikern, Künstlern und führenden Persönlichkeiten, die auch regelmäßig seine Soirees am Dienstag und Donnerstag besuchten. Der bekannte Autor Emile Zola setzte sich sehr für Manet ein, als er 1866 vom „Salon“ zurückgewiesen wurde; als Dank entstand 1868 das beeindruckende Bildnis »Emile Zola«, welches ganz klar die konventionelle Repräsentation eines Schriftstellers widerspiegelt. Zu seinen künstlerischen Freunden zählten auch zwei Frauen: Berthe Morisot und Eva Gonzales. Eva war eine talentierte junge Künstlerin und die einzige offizielle Schülerin von Manet. Das Porträt »Eva Gonzales« (1870) zeigt sie jedoch als praktizierende Künstlerin und stellt ein Werk der Selbstreflexion und ein visuelles Statement dar.

Der unterschiedliche soziale Status floss ebenfalls in das Bild mit ein. Statusbildnisse wie »Portrait of M. Antonin Proust« von 1880 forderten den Künstler auf, die sozialen und ökonomischen Umstände wie Macht, Reichtum, Position und Bildung des Modells zu vermitteln. Das Porträt des Journalisten, Kritikers und Politikers Antonin Proust, welcher auch ein langjähriger Freund und Biograf Manets war, präsentiert einen respektablen, bedeutenden Mann – was durch seine edle Kleidung und würdevolle Haltung unterstrichen wird. Manets Bestreben war es, die Menschen in realistischen und natürlichen Positionen abzubilden.

Edouard Manet wollte seinen Ruf als Künstler unbedingt durch den offiziellen Pariser Salon etablieren. Sein individueller Stil und seine unkonventionelle Technik bedeuteten jedoch für seine Karriere Zurückweisung und viel negative Kritik. Er sah sich selbst nicht als Impressionist, unterstützte jedoch seine jüngeren Zeitgenossen und war sogar ein Mentor für diese Generation. Eines der Glanzstücke der Ausstellung ist das Werk »The Railway« von 1873, das für den für Manet so wichtigen Salon zugelassen wurde. Wie so viele von Manets Porträts löste auch dieses Spott und Verwirrung aus. Ist Manets »Railway« ein doppeltes Porträt oder ein Subjekt-Bild? Diese Frage stellten sich seine Kritiker. Die elegant gekleidete Dame macht alles richtig, sie schaut den Betrachter an, doch das kleine Mädchen wendet sich ab und schaut den Dampf des vorbeifahrenden Zuges hinterher. Die Definition eines Porträts bedeutete in den 1870ern, die Abbildung eines Gesichtes, das dem Betrachter zugewandt ist. Manets Art zu Porträtieren, veränderte die Porträtmalerei drastisch: »... Ein Portrait von Manet ist das physische und moralische Gegenstück einer Einzelperson«, so der Kritiker und Freund Charles Flor 1880.

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Wie so viele Künstler, malte auch Manet Mitglieder seiner Familie; seine Frau Suzanne und der Sohn Leon sind beliebte Modelle, deren Präsenz sich durch sein gesamtes Œuvre zieht. Leon Leenhoff, sein unehelicher Sohn, ist ein beliebtes Modell in den Jahren 1859 bis 1872. In »Boy blowing bubbles« von 1867 ist er der kleine unbeschwerte Junge mit den Seifenblasen; doch das Subjekt des Seifenblasens hat eine tiefere Bedeutung und lange Tradition in der europäischen Kunst. Die Komposition, Farben und Technik des Porträts erinnern an die holländische und spanische Kunst des 17. Jahrhunderts. In einem der bekanntesten und mysteriösesten Werke Manets, dem »Luncheon« von 1868, welches normalerweise in der Neuen Pinakothek in München zu sehen ist, stellt Leon den wunderschönen arroganten Hauptprotagonisten dar, gefangen in einem Porträt mit zwei anderen, in dem keinerlei Interaktion angedeutet ist und das einem Stillleben gleicht.

Manets Bestreben war es, eine neue visuelle Sprache zu kreieren, die von einem neuen modernen Leben in Frankreich erzählt. Das Gruppenporträt »Music in the Tuileries Gardens« von 1862, dem die Royal Academy eine ganze Galerie widmet, ist nicht nur eines seiner bedeutendsten Werke, es ist ein kulturelles Selbstporträt. Der Künstler selbst und viele seiner bedeutenden Freunde wie Fantin-Latour, Bazille, Baudelaire, Gautier und Offenbach sowie Mitglieder seiner Familie sind unter den Protagonisten. So komplex und faszinierend dieses Meisterwerk erscheint, ebenso vielschichtig und kraftvoll ist seine Bedeutung. Die Beziehung zwischen Manets Porträts und seinen Szenen aus dem modernen Leben finden hier ihren Höhepunkt.

»Manet - Portraying Life« feiert einen Künstler, dessen großes Talent, starkes Selbstvertrauen und ständige Innovationen ihn in die oberste Riege der bedeutendsten Künstler des 19. Jahrhunderts katapultierten. Schon zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1883 wurde Edouard Manet als ein Pionier der Modernen Kunst anerkannt und respektiert.