Ausstellungsbesprechungen

Manuela Tirler – root & branch, Kulturpark Dettinger, Steingießerei, Plochingen, bis 28. April 2013

Manieristisch, ästhetisch, mehrdeutig. Manuela Tirlers Skulpturen haben nicht nur den Kurator der Ausstellung mitgerissen. Auch Günter Baumann ließ sich in ihre surreale Welt entführen.

(…) Was Sie hier in der alten Steingießerei sehen, sind – zusammen mit der Plastik vor der Tür – neun im Jahr 2013 entstandene Arbeiten, die es in sich haben: Sie bilden eine Art Summe des bisherigen Schaffens, und sie weisen darüber hinaus. (…)
Als ich vor wenigen Tagen das erste Mal in den Raum kam, um die Plastiken zu betrachten, überkam mich ein Gefühl der Weite. Das machte mich stutzig, handelt es sich doch um einen klar überschaubaren Schauraum mit Dachbalkenkonstruktion, die normalerweise eher sprerrig wirkt (…). Es musste also an den Arbeiten liegen, die das Wahrnehmungsfeld erweiterten, doch auch dabei wunderte ich mich: Stahl gehört zu den schweren Materialien und ohne genau schätzen zu können, erkennen wir aus Erfahrung, dass die Plastiken jeweils zig bis einige hundert Kilos auf die Waage bringen. Schätzungsweise wird man hier auf 1500 Kilo Stahl oder mehr kommen. Man sollte meinen, die lägen wie Wackersteine auf dem Boden.

Und doch, wie leicht scheinen sie über den Steinboden verstreut zu sein, diese konischen, kreisrunden und trichterförmigen Stahlkörper. Es ist eine stille Vertrautheit, so vermute ich, zwischen Stahl und Stein, die den Eindruck des Offenen vermittelt: der Raum, dessen symmetrische Schlichtheit einmal der frühen Schwerindustrie diente, und darin die filigran-geometrischen, in sich ruhenden Stahlplastiken, die das Ergebnis roher, wenn nicht brachialer Kräfte sind, gehen ineinander auf. Fast will man meinen, die Skulpturen wären für diesen Ort geschaffen, prädestiniert, für immer hier zu stehen. Neun respektive acht Plastiken ist rein quantitativ eigentlich wenig für eine Ausstellung, aber wir vermissen doch nichts, im Gegenteil, alles weitere würde den Eindruck stören. (…)

Ein Bedauern vorneweg: Die Ausstellung ist (…) nicht für die Dauer angelegt, sie währt sogar nur wenige Wochen. Dann wäre da der ästhetische Schein innerer Harmonie und des In-sich-Ruhens. Wer das Werk Manuela Tirlers kennt, weiß, dass die unterschiedlichsten Formen durch florale Vorbilder inspiriert sind. Innerhalb dieses architektonischen Ambientes vergessen wir das leicht, doch in der Detailbeobachtung kehrt diese Anmutung umso eindringlicher wieder: Diese Assoziationen von Buschwerk, Geäst, Baumbeschnitt usw. legen ein Pflanzliches nahe, das in der gebauten Umgebung Irritationen hervorrufen muss.

Die manieristisch in sich gedreht sich nach oben öffnende Gestalt der sogenannten »Weed Spiral« neben der Tür könnte in der Tat einem vom Wind zerzausten Baum nachempfunden sein. Doch im Kontext beflügelt uns diese Vorstellung über die Wahrscheinlichkeit hinaus, was uns ins Sinnbildliche führt. Manuela Tirlers Arbeiten sind nie eindimensional, sondern zielen auf eine materiell und formal begründete Mehrdeutigkeit. So nimmt denn die Spirale unvermittelt auch die Form eines Tornados ein, der sich vom Boden aus in wilden Wirbeln nach oben dreht.

In den beiden kreisrunden Arbeiten mit dem Titel »Weed Spheres« drängen sich verrätselte Metaphern für kosmische Formationen auf, die – einmal liegend, einmal an der Wand aufrecht lehnend – durch ihre zweifache Ausrichtung die Koordinaten von oben und unten ad absurdum führen, ganz im Sinne des abstrakten, sich ausdehnenden (Welten-)Raums. Einmal geht es um eine Ausweitung in der Breite, der gegenüber man das Zentrum im struppigen Stahl erst spät wahrnimmt, zum anderen registriert man bei dem kleineren »Sphere«-Objekt genau diese Mitte als erstes, um die sich der Rest konzentriert – kein Wunder, dass die Parallelbilder unterschiedlich ausfallen: ungeachtet des Gestrüpps denkt man im kleineren Wand-Exponat durchaus auch an einen Kranz, erkennt man bei dem Bodenstück die Form einer Schale. Aber damit nicht genug. Nimmt man die vom Titel insinuierte Sphären-Symbolik ernst, entpuppt sich diese Konstellation zugleich als Sternenhaufen, als stahlgewordene Milchstraße, die um ein Schwarzes Loch kreist. Zugegeben, das klingt abenteuerlich, doch einmal mit dieser Idee befreundet, glauben wir auch eine unendlich langsame Rotation zu spüren, abgesehen von der scheinbar schwebenden Leichtigkeit: Es ist außerordentlich verlockend, die Bedeutung der »Weed spheres« in ihrer ganzen Bandbreite zu denken: von der puren formalen Aufgabe zu zeigen, wie weit das Volumen eines plastischen Körpers reduziert werden kann, um noch Plastik zu sein, bis hin zum fast lakonischen Modell eines Universums.

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Wenn ich die Arbeiten in der Abfolge betrachte, dass auf das Tornado-Motiv und die zwei sphärischen Objekte die drei konischen Formen in den Blick kommen, erkennt man nicht nur eine quantitative Steigerung, sondern auch eine bildhafte Zuspitzung. In der größenorientierten Reihung sind diese »Weed Cones« die tatsächlich ruhigsten Körper im Raum, doch suggeriert der Größenunterschied der vegetativen Objekte ein Wachstum, das letztlich auch eine Bewegung in der Zeit darstellt. Andrerseits gefällt sich auch diese Dreiergruppe als Gegenstand des plastischen Diskurses. (…) Manuela Tirlers »Cones« sind beides: mit dem Bagger modelliert und gepresst, zugleich durch Eisenstahl ergänzt und mit dem Schweißbrenner nachbearbeitet. Zufall und bewusster Eingriff halten sich die Waage, werden zur Form. Die Parallelität mit dem Wachsen, Gedeihen und Vergehen, der Formung und Zerstörung macht diese Werkgruppe auch zu einer Auseinandersetzung zwischen Natur und Kunst – die übrigens vergleichbar im 17. Jahrhundert geführt wurde, stellt man sich etwa Baumplastiken in einem französisch gestutzten Schlosspark vor. Manuela Tirler spielt mit solchen Versatzstücken aus der Kulturgeschichte, ohne sich und ihre Formensprache einem konkreten Inhalt auszuliefern.

Die letzte Gruppe, die hier in der Ausstellung zu sehen ist, besteht aus zwei kinetischen Werken – sozusagen als kleinere bewegliche Installationen in der Gesamtinstallation. Die zartere Arbeit, benannt »Turning Weed«, ist in feiner Ästelung an zwei Drehelementen oben und unten befestigt, die über einen Motor betrieben werden. Wenn die »Weed Spiral« mit der ganzen Wucht der plastischen Serpentine und der dramaturgischen Öffnung nach oben arbeitet, um Bewegung anzudeuten, zeigt sich die unscheinbare, nahezu masselose Struktur der filigranen Arbeit selbst bewegt. So wie die anderen Werkgruppen in der Größe differieren, hat auch die schlanke Drehfigur einen gewichtigeren Partner. Angelehnt an die ehemalige Bestimmung des Ortes imitiert am Raum-Ende eine Art Stahlstößel die Rotation eines Mahlwerks – und das auf einem eingezogenen Bühnenboden aus Holz: der Sound dieser »Milling Plant« ist dort akustisch so eindrucksvoll, wie die Spiralplastik den Betrachter im vorderen Teil des Saals ästhetisch zu packen vermag, und die Spindel draußen nimmt das Thema der Arbeit wieder auf. Auch hier weitet sich der Gehalt: Die Ästhetisierung industrieller Fertigung, die der ehemaligen Funktion des Gebäudes geschuldet ist, ist ein Reflex aus der Romantik.

Manuela Tirler arbeitet schon immer raumbezogen. (…) Furore machten bisher vor allem die »Tumbleweeds«, jene vom Bagger geformten Kugeln, die unmittelbar an die dürren, über kargen Boden verwehten Büsche im Westernfilm erinnern, und die formal als Ready-mades naturnahe Strukturen auf den schweren Stahl übertragen. Andere Serien bestehen aus floralem Rankenwerk, den »Grapes«, oder aus gesprengten Stahlplatten, den »Quakes«. Sie können Beispiele davon im Atelier besichtigen. In der Folge der ausgewogenen Präsentationen von Serien und Werkgruppen früherer Ausstellungen konfrontiert sie uns hier jedoch einerseits mit mehr Bewegung denn je, und sie lässt die einzelnen Gruppen andrerseits noch konsequenter untereinander kommunizieren. Es mag Zufall sein, den die Künstlerin ohnehin gern miteinbezieht, dass die Komposition in der Plochinger Schau inklusive der »Weed Spindle« draußen vor der Tür einen besonderen Rhythmus hat: In der von mir vorgeschlagenen Reihenfolge der Betrachtung kommt man auf ein Gesamtensemble im Verhältnis 1 : 2 : 3 : 2 : 1, sprich eine »Weed Spiral«, zwei »Weed Sheres«, drei »Weed Cones« und rückgezählt zwei Installationen mit unterschiedlichem Titel sowie dieser einen »Spindel«. In der Quer-Bezüglichkeit und der formal-familiären Anlehnung an die »Tumbleweed«-Serie entsteht eine Einheit in der Vielfalt, die tatsächlich als ruhendes Element im Ausstellungskonzept aufzufassen ist. Dass das unverwechselbare Widerspiel von Ausdehnung und Verdichtung über die Einzelfigur hinaus auf den ganzen Raum übertragen wird, hat zur Folge, dass – unterstützt durch die verstärkte Bewegungsenergie – der ganze Raum diese Atmung aufnimmt und seine Begrenzung durch die starre Architektur zu lockern scheint.

Durch die Weiterentwicklung der »Weeds« sowie das gestalterische Erbe, das die »Cones«, »Spirals« und »Spindles« auch von den älteren »Waldstücken« und regional spezifizierten »Bannwaldstücken« übernommen haben, nicht zuletzt auch durch die vielfache Verknüpfung von Werden und Vergehen, Bewegung und Ruhe definiert Manuela Tirler den Raum neu, erobert über die »Spheres« kosmische Dimensionen und dehnt das sinnliche Spektrum lautstark aus. Greift sie in ihrem stählern-floralen Werk insgesamt auf romantische, ja sogar forstwirtschaftliche Zeichen und Daten zurück, die sich erstaunlich realistisch dem Bild echter Pflanzen und Pflanzungen nähern, so erschafft sie in Plochingen einen symbolischen Ort einer –will sagen: intellektuell gehobenen, ja surrealen – Natur in einer anderen Qualität wie bisher. Die besondere Architektur und die wie selbstverständlich darin agierenden Plastiken beflügeln die Imagination wider besseres Wissen: In den extremen Randmarkierungen taucht hier die geheimnisvoll-kunstvolle, atmosphärische Welt eines Paul Delvaux auf, während sich dort die absurd-technoide Welt eines Jean Tinguely hörbar macht – Voraussetzung wäre allerdings ein Betrachter, der gewillt ist, diese Welten auch als Bestandteil der Inszenierung zu bevölkern und nachzuleben. Dazwischen darf man aber auch die Kunst Manuela Tirlers weiterhin als zeichenhafte Referenz an die Natur als ein wunderbares, schützenswertes und schönes Refugium sowie als bloß plastische Form genießen. Der Titel der Ausstellung lässt alles zu: Zum einen bleibt die formale Reduktion der Natur auf Stumpf und Stiel, das heißt: auf das spannungsvolle Grundgerüst bestehen. Rein bildhauerisch ist alles florale Beiwerk kaum interessant. Der frappante Reiz von Tirlers Plastiken liegt immer auch in der unvereinbaren Gleichsetzung der Härte des Stahls mit der frei geformten, aber wesenhaften Zartheit der Natur. Zum anderen spricht der Titel für eine interpretatorische Neuorientierung, für die man auch mal bestehende Ansichten mit Stumpf und Stiel ausreißen muss, um neuen Gewächsen Platz zu machen. (…)