Ausstellungsbesprechungen

Marc Chagall: Poesie in Farben, Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, bis 16. September 2018

Marc Chagall ist ganz ohne Zweifel einer der populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts – seine Werke hängen nicht nur in den Museen, sondern in den vielfältigsten Formen vor allem an den Wänden von Privatwohnungen. Einen Überblick über das umfangreiche Gesamtwerk eines Künstlers, der sehr alt werden sollte und bis zum Ende produktiv blieb, gibt in diesem Sommer das Kulturforum Schwerins. Stefan Diebitz hat die empfehlenswerte Ausstellung besucht.

Die außergewöhnliche Popularität Chagalls kann man leicht verstehen, denn die große Mehrzahl seiner Werke besticht einerseits durch handwerkliches Können, andererseits durch die Leuchtkraft ihrer Farben. Dazu sind viele Bilder schlicht schön und wirken optimistisch. So ist es verständlich, dass man sie gern an den Wänden einer Wohnung oder auch als Mosaik in öffentlichen Gebäuden sieht. Bis in den Spätsommer präsentiert jetzt das Schleswig-Holstein-Haus im Zentrum Schwerins gut einhundert Lithografien und Grafiken des Meisters, wobei es sich so ungefähr an der Chronologie orientiert. Die schlichten Räume eines Bürgerhauses aus dem späten 18. Jahrhunderts eignen sich sehr gut für eine Chagall-Ausstellung; die dichte Folge vieler, ähnlich großer Bilder sorgt für eine dichte Atmosphäre.

Im ersten Raum finden sich die Illustrationen zu den Fabeln von La Fontaine und den »Arabischen Nächten«. Im zweiten steht Paris im Mittelpunkt, dem Chagall zahllose Bilder widmete. Dann folgen die Illustrationen, die Chagall für die Kunstzeitschrift »Verve« schuf. Im vierten Raum sind vor allem die biblischen Arbeiten versammelt, unter denen die Porträts der Propheten hervorragen – schon deshalb, weil sich Chagall hier für dunklere Farben und einen eher düsteren Gesamteindruck entschied. Jeremias und Jesaias Porträts zeigen sehr eindrucksvolle Gesichter. Das ist eine Seite Chagalls, die sonst eher zu kurz oder sogar viel zu kurz kommt, denn hier – endlich, so möchte man sagen – ist er nicht heiter, sondern sehr ernst und zeigt ein fast expressionistisches Temperament. Diese Arbeiten, obwohl viel später entstanden, erinnern sehr stark an Gemälde von Emil Nolde und Ernst Haeckel, die man den Winter hindurch in der Kieler Kunsthalle sehen konnte; Nolde bildete einen »Propheten« ab, Heckel einen »Richter«. Der düstere Gestus ihrer Gemälde entspricht exakt jenem der Propheten Chagalls.

Gefallen können auch die Stillleben Chagalls, deren es einige wenige in dieser Ausstellung zu sehen gibt. Christoph Goldmann hat ja in einem zweibändigen Werk (»Bildzeichen bei Marc Chagall«) viele der im Werk Chagalls am häufigsten auftretenden Motive aufgeführt; danach ist die Kuh ein Symbol der Fruchtbarkeit, der Geiger erinnert an die weißrussische Heimat des Künstlers, das schwebende nackte Paar gilt dem Maler und seiner Frau. Ist eine derart schematische Ausdeutung nicht eminent unkünstlerisch? Wenn man wirklich so verfahren kann, handelt es sich ja gar nicht um offene Kunst, die zu denken gibt, sondern um eine Art bebilderte Privatmythologie, die man hübsch finden und der man sich anschließen kann – oder auch nicht. Die Porträts der Propheten dagegen wie auch die Stillleben zeigen einen anderen Chagall, der sich nicht so einfach durchbuchstabieren lässt. Es ist eine offene, vieldeutige Kunst – und im Fall der Stillleben ebenfalls sehr schön.

Berühmt ist Chagall nicht zuletzt für seine Kirchenfester mit ihrem die Transzendenz symbolisierenden Blau, und vielleicht wird mancher Besucher erstaunt sein, dass er auch für eine Jerusalemer Synagoge Fenster entwarf – allerdings durften sie natürlich keine Gesichter zeigen, sondern nur Tiere und Gegenstände, sodass das mosaische Bilderverbot auf diese Weise eingehalten wird. Die Fenster sind den zwölf Stämmen zugeordnet, und in Schwerin kann man das dem Stamm Naphtali gewidmete Bild sehen.

Es folgt noch ein weiterer Raum, in dem die Illustrationen zum Alten Testament und zur »Odyssee« zu sehen sind und zusätzlich Grafiken unter der Überschrift »Exodus, Zirkus und Poèmes«.

Chagall war und ist außerordentlich populär, aber mancher steht ihm doch auch kritisch gegenüber. Zwar wird niemand weder an seinen überragenden handwerklichen Fähigkeiten noch an seinen Qualitäten als Farbenzauberer zweifeln. Aber muss man deshalb auch die etwas kindliche Auffassung der Gegenstände und der Figuren lieben, die so viele seiner Bilder bestimmt? Arnold Gehlen, der als Verfechter einer »peinture conceptuelle« das dem spontan agierenden Chagall direkt entgegengesetzte Konzept einer intellektualistischen Kunst vertrat, äußert sich in seinen»Zeit-Bildern« milde, lässt aber doch einen ganz erheblichen kritischen Abstand aufscheinen, wenn er mit ironischem Unterton schreibt: »Es ist wie bei Chagall – über 70 Jahre alt, und immer noch träumend, immer noch Pubertät, immer noch die Blütenphantasien und die Hymnen der Jugend – behält er sie bei, gerade weil er alt wird, oder gerade, weil man nicht alt werden darf?«

Man kann es wirklich kindlich finden, dass die Größe der Figuren oder Gegenstände je nach der Bedeutung variiert – wie auf mittelalterlichen Bildern oder eben wie auf Kinderzeichnungen. Auch sollte es sich lohnen, darüber nachzudenken, dass es auf vielen Bildern überhaupt keinen perspektivisch entfalteten Raum mehr gibt – es ist wie in Träumen, und zwar in besonders schönen Träumen. Leider soll es ja auch andere geben! Ein wenig zauberhaftes Licht, ein wenig pittoreske Architektur mit netten Türmchen, in ein nächtliches Blau getaucht, darüber ein Engel – das sieht hübsch aus und soll Paris sein, aber ist es wirklich große Kunst? In manchen Bildern tendiert die Kunst Chagalls wirklich zu einer Ansichtskartenpoesie.

Abweisender als in seinem großen Buch äußert sich Gehlen in einem 1966 geschriebenen Brief an den Picasso-Intimus Kahnweiler, den der Herausgeber Karl-Siegbert Rehberg in seinem Nachwort zu den »Zeit-Bildern« zitiert. Dort erregt sich Gehlen über die »hochgelogene Wichtigkeit schlechter Kunst« und nennt als einen dieser schlechten Künstler Chagall. Mir scheint das nicht allein zu schroff, sondern auch insofern ungerecht und falsch, als Chagalls Bedeutung nicht von irgendwelchen Kritikern »hochgelogen« wurde, sondern schlicht in seiner enormen Popularität gründet. Aber es sollte schon legitim sein, diese Popularität zu hinterfragen. Die klug und überlegt konzipierte Ausstellung in Schwerin gibt dafür Gelegenheit.