Buchrezensionen, Rezensionen

Marc Lüders: Erfindung der Realität, Hatje Cantz 2010

Mit der Publikation „Erfindung der Realität“ gibt der Hatje Cantz Verlag Einblick in das geheimnisvoll verstörende Œuvre des 1963 in Hamburg geborenen Künstlers Marc Lüders’. Geprägt ist sein Schaffen durch das Spannungsverhältnis von Fotografie und Malerei und der daraus resultierenden Frage nach Realität und Illusion im Bild. Unsere Autorin Verena Paul hat sich den reich bebilderten Band für Sie angesehen.

Die vorliegende Monographie präsentiert dem Leser/Betrachter nicht nur einen Werkausschnitt, sondern hat es sich zur Aufgabe gemacht, die künstlerische Entwicklung Marc Lüders’ von der Frühphase (1990er Jahre) bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. Was dabei recht schnell als roter Faden in den von Lüders als „Photopicturen“ bezeichneten Arbeiten erkennbar wird, ist die Verknüpfung von fotografischem und gemaltem Motiv und der daraus resultierenden poetischen Melancholie. So wirken beispielsweise die Figuren im „trostlosen Nirgendwo von Neubausiedlungen, schäbigen Fluren und Badezimmern […] wie schlafwandelnde Traumtänzer“, schreibt Stephan Berg in seinem informativen und wunderbar zu lesenden Beitrag „Zwischen den Bildern“. Obgleich die Personen realistisch gemalt sind – fährt der Autor fort –, sorgen sie „für eine gewisse Surrealisierung des fotografischen Umfeldes, während […] der fotografische Kontext die malerische Behauptung ein Stück weit dementiert und zersetzt.“ Insofern liegt ein leichtes Unbehagen über den Szenen, das bereits in der Serie „Schwarz-Weiß-Objekte“ in den 90er Jahren angelegt wurde. Hier schweben längliche, schwarz-weiße Malwesen in einem von der Kamera festgehaltenen Raum, der ebenfalls in schwarz-weiß getaucht ist. Diese aus Pinselzügen verdichteten chimäreartigen Gebilde werden von einem sanften Schatten begleitet und gewinnen dergestalt an Körperlichkeit. Allerdings stellt diese „Verdinglichung“ die Abstraktion des Pinselstrichs vehement infrage. Berg spricht deshalb zu Recht von einem „produktive[n] Paradox“, das zeigt, „wie ähnlich sich scheinbare Abstraktion und scheinbare Gegenständlichkeit tatsächlich sind, wenn man sie auf einer Bildebene zusammenbringt.“

Während Stephan Berg die Arbeiten Marc Lüders’ in jenem wahrnehmungstheoretischen Diskurs zwischen Fotografie und Malerei analysiert, setzt sich Luminita Sabau mit dem Unbewussten sowie den surrealistischen Elementen in Lüders’ Arbeiten auseinander. „Surrealistisch an Lüders’ Kunst ist vor allem das Thematische, nämlich das problematisch gewordene Verhältnis von Mensch und Ding“, erklärt sie. „Es geht um beseelte Dinge, die ein Eigenleben führen, sowie um Sehen und Sichtbarkeit durch Ineinander-Blendung verschiedener Realitäts- und Illusionsebenen.“ Dabei zeichnet die Autorin die irritierenden, verrätselten Kompositionen, in welchen Beziehungslosigkeit zwischen bizarren, surrealen Objekten, figuralen Gestalten und ihrem Kontext herrscht, mit sprachlichem Feingefühl und inhaltlicher Präzision nach. Wie Berg lässt auch Sabau Informationen mit einer spielerischen Leichtigkeit in den Text einfließen, so dass diese vom Leser rasch aufgenommen und bei der anschließenden oder parallelen Betrachtung der Werkabbildungen vergegenwärtigt werden können. Hilfreich sind darüber hinaus die kunsthistorischen Vergleiche Sabaus, die uns nicht nur eine Verortung des Œuvres von Marc Lüders ermöglichen, sondern zudem die Bildsprache dechiffrieren helfen. „Wie bei Yves Tanguy“, heißt es dahingehend, „schaffen bei ihm [Lüders] Schatten als Zeichen innerer Bewegtheit Räume, die eigentlich nicht vorhanden sind. Das Schweben der Dinge erinnert an die schwebenden (schwerelosen) Dinge in den Gemälden von Max Ernst, und Lüders’ städtischer Raum ist vergleichbar mit dem bei Paul Delvaux“.

Fazit: Eine rundum gelungene Publikation, die durch hervorragend geschriebene, scharfsinnige Texte ebenso zu überzeugen versteht, wie durch die 168 farblichen Werkabbildungen in hochwertiger Qualität. Durch die Balance von Information und klar strukturierter Werkpräsentation erhält der Leser/Betrachter Einblick in das geheimnisvoll verstörende, wirklichkeitssprengende, perspektivschärfende und ästhetisch meisterliche Œuvre Marc Lüders’. Ein Prachtband, der zum Verweilen und Genießen einlädt und den ich deshalb uneingeschränkt empfehlen möchte!