Kataloge, Rezensionen

Marc Mer: Raumstrukturen nach Motiven der Natur. Architekturexperimente und urbane Visionen, Postparadise Edition 2011

Studenten der Architektur präsentieren unter der Ägide von Marc Mer, was man sich alles von der Natur für künftige Gestaltungen abschauen kann. Ulrike Schuster hat das Buch studiert.

Marc Mer, Meister der kühnen Architekturmetaphern und verwegener Jongleur der Wörter, Autor, Ausstellungskurator sowie Leiter des Departements Gestalten an der MSA - Münster School of Architecture, hat seine niemals zum Stillstand kommende Feder diesmal in den Dienst seiner Studierenden gestellt. Er konzipierte die Ausstellung » Raumstrukturen nach Motiven der Natur« und gestaltete den dazugehörigen Katalog. Und wie man es von ihm nicht anders gewohnt ist, entpuppt sich dieser als origineller und ansprechender Text- und Bildband, herrlich entschleunigt, ohne Beschwörung von Superlativen, dafür mit bedachter Nachhaltigkeit.

Es handelt sich hierbei um eine Präsentation von Architekturentwürfen, die noch bis zum 11. Dezember des Jahres im Rahmen der großangelegten Schau » Bionik – Patente der Natur« am LWL-Naturkundemuseum in Münster zu sehen sind. Als Ausstellung in der Ausstellung konzipiert, handeln die Visionen der angehenden Architektinnen und Architekten jedoch nicht von der Bionik im engeren Sinne. Sie demonstrieren vielmehr die Rückbesinnung auf eine der ursprünglichsten Tugenden des guten Bauens, denn in Wirklichkeit hat sich große Architektur immer schon an den Formen der Natur orientiert. Oder, wie es Mer in seiner aphoristischen Sprache ausdrückt: »raumbildungen der architektur nach dem vorbild der natur – das sind nachbildungen von vorbildungen.«

Man muss jedoch keine hochabstrakten Manifeste zur Architekturtheorie befürchten. Seine Zugangsweise beschreibt Mer als »poetisch, performativ, sensitiv«. Was verlangt wird, ist lediglich eine gewisse Kontemplation, eine Bereitschaft, sich auf die Metamorphosen der Bilder und Gebilde einzulassen. Aus den schlichten oder auch raffinierten Formen der Natur erwachsen architektonische Strukturen, die sich wiederum in Gebäude und Stadtlandschaften verwandeln. In einer ansprechenden Bildrhetorik werden die Gedanken ins Visuelle übertragen und in die gleichermaßen lyrische wie präzise Sprache ihres Professors eingekleidet.

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Zugegeben: am Anfang steht nicht die reine Natur, sondern bereits ein kleiner Transformationsakt in Gestalt der berühmten Pflanzenfotografien der 1920er und 1930er Jahre. Diese eignen sich in ihrer Symbiose von rationaler Dokumentarfotografie und auratischer Objektmagie wohl auch ausgezeichnet als Quelle der Inspiration. Aber das Vorbild der Natur will erst einmal nachgeahmt werden, bedarf also der Übersetzung in Form und Raum. Ein Experiment, das hier mit viel Gespür, aber auch mit Witz und Esprit umgesetzt wurde.

Man erfährt, wie eine gesprungene Erdkruste das Bild für häusliche Kleinmodule liefert (Lucas Angenendt), Baumstammreihen für architektonischen Kammstrukturen herangezogen werden (Johannes Grimme), Gräser dank der Verschachtelung der Halme als Vorbild für wohnliche Konglomerate auf mehreren Ebenen dienen (Hanna Kier, Linda Pöhler), aus den Fruchtfleischkammern einer trocknenden Kiwi kristalline Raumgebilde abstrahiert werden (Dustin-Darren Engelke).

Blatt- und Blütenkissen werden als komplexe Gewebestruktur für urbane Wohnanlagen nutzbar gemacht (Rena Giesecke) und der Blatt- und Stengelwuchs der Mimosen in ein sensitives Trägersystem umgedeutet (Holger Harmeier). Und sogar das aus etymologischer Sicht älteste Vorbild aus der Natur, der Mensch selbst, findet im Entwurfsprozess Beachtung: Tina Schütte entwickelt ihr Modell aus den Gliedern der menschlichen Hand, Simon Wienk-Borgert hat das Motiv der Gänsehaut und deren rhombischer Gliederung als Ausgangspunkt für seine Raumstruktur genommen.

Das Prinzip, wie gesagt, ist nicht neu. Aber es erweist sich immer wieder aufs Neue als fruchtbar. Nachdem man sich mittlerweile an den computergenerierten Schöpfungen einigermaßen satt gesehen hat, ist es erfrischend und faszinierend, den Kompositionsprozess nachzuvollziehen, der aus der Sprache der natürlichen Elemente abgeleitet ist.