Buchrezensionen, Rezensionen

Maria Wiggen: Die Laokoon-Gruppe. Archäologische Rekonstruktionen und künstlerische Ergänzungen, Verlag Franz Philipp Rutzen 2011

Eine der wichtigsten, eindrucksvollsten und schönsten Skulpturen der Kunstgeschichte hat die Zeiten nicht unbeschadet überstanden. Als die »Laokoon-Gruppe« 1506 aus dem Schutt vieler Jahrhunderte geborgen wurde, fehlten gleich mehrere wichtige Teile, unter anderem der rechte Arm des Laokoon selbst. Seit vor hundert Jahren ein Arm, der als der Arm des Laokoon hätte durchgehen können, geborgen und der Schulter des Laokoon angefügt wurde, streitet sich die Wissenschaft über die Restaurierung der Skulptur. Maria Wiggen hat eine kritische Geschichte der Restaurierungsbemühungen geschrieben, die Stefan Diebitz für PKG gelesen hat.

Wie populär die Darstellung des heroischen Kampfes des Priesters Laokoon gegen die beiden gewaltigen Schlangen noch heute ist, zeigte sich an dem Tag, an dem ich mein Rezensionsexemplar erhielt. Ich fand nämlich in der Zeitung eine politische Karikatur, in der die deutsche Politik die Rolle des Laokoon übernahm und unter der etwas irreführenden Überschrift »Gordischer Knoten« vergeblich gegen eine übermächtige Schlange ankämpfte, um schließlich von dem Tier, das die Währungskrise symbolisieren sollte, ganz und gar eingewickelt zu werden. Diese Karikatur wäre niemals veröffentlicht worden, wenn nicht die Kenntnis der berühmten Laokoon-Gruppe bei nahezu jedermann hätte vorausgesetzt werden können.

1506 wurde in der Nähe Roms die beschädigte Marmorplastik gefunden, die den heroischen Kampf des Priesters und zweier seiner Söhne gegen zwei riesige Würgeschlangen schildert. Nur kurze Zeit später gelangte die Laokoon-Gruppe in den Besitz des Papstes. Seitdem steht die Skulptur, die meist als die hochwertige Marmorkopie eines verschwundenen, möglicherweise in Bronze gearbeiteten Originals angesehen wird, in den Vatikanischen Museen. Für Künstler, aber auch für Theoretiker der Kunst wie Winckelmann, Lessing oder Goethe war sie immer wieder von großer Bedeutung, wie zahlreiche Schriften bezeugen.

Maria Wiggens Buch beschäftigt sich aber nicht mit der kunstphilosophischen Ausdeutung der Plastik, sondern mit den zahllosen Versuchen, den Originalzustand zu rekonstruieren. 1905 hatte Ludwig Pollak einen Arm gefunden, den »Pollakschen Arm«, der lange als der rechte Arm des Laokoon angesehen und ihm in verschiedener Weise angestückt wurde. Die Geschichte dieser Ergänzung wird in dem ersten und zugleich längsten Kapitel des Buches in allen Einzelheiten dargestellt. Dieses Kapitel gliedert sich wie alle folgenden in »Kommentar« und »Analyse«, und das bedeutet: in einen Überblick über die Literatur – im Grunde ist ein großer Teil des Buches ein höchst penibler Forschungsbericht – und eine zusammenfassende Stellungsnahme der Autorin, welche die Probleme und Positionen noch zusätzlich mit der Hilfe von 154 Schwarzweißabbildungen und zwei farbigen Beilagen veranschaulicht.

Fortsetzung von Seite 1

»Löst man sich von der stets als selbstverständlich unterstellten […] Beziehung des Pollackschen Armes zur Laokoon-Gruppe«, resümiert die Autorin ihre kritischen Überlegungen zu diesem wichtigsten Eingriff in das Kunstwerk, so stellt sich der Arm als Teil einer »männlichen Figur irgendeines unbekannten Bildwerks« dar. Mit anderen Worten: Der Pollaksche Arm gehört laut Wiggen nicht an den Laokoon, und zu diesem Schluss kommt sie, nachdem sie die Position und Tiefe der Dübellöcher, den Umfang der Rostspuren, die Proportionen des Arms oder die Größe und Anspannung des Deltamuskels in Betracht gezogen hat. Auch die Gestaltung der Brustmuskulatur wollte bedacht sein, denn natürlich stellt sich diese anders dar, je nachdem, wie der Arm angebracht wird: ausgestreckt oder mehr nach oben gerichtet.

Ein von Wiggen vehement zurückgewiesener Argumentationstypus ist ästhetischer Art und richtet sich auf das ausgewogene Erscheinungsbild der Gruppe. Ist dieses eher geschlossen und kompakt, so lautet das Argument, so scheint der ursprüngliche Typus getroffen.

»Die Restaurierung der Laokoon-Gruppe von Magi«, so fasst die Autorin ihre Kritik an der Arbeit von Filippo Magi etwas umständlich zusammen, hat »aus archäologischen Gründen keinen Anspruch, von Bestand zu sein, und erst recht nicht aus historischen«, und so sollten alle Ergänzungen wieder entfernt werden, fordert sie rigoros und in ihrer Argumentation nachvollziehbar. Die Laokoon-Gruppe sollte radikal ent-restauriert werden. (Dieses Verb wird von ihr immer mit Bindestrich geschrieben.) Die Bearbeitungsfehler, so Wiggen, liegen »in allen Bereichen, die bei der Erstellung einer archäologischen Rekonstruktion zu untersuchen sind«.

Maria Wiggen hat es als ihre Aufgabe verstanden, die Geschichte der zahllosen Rekonstruktionen und Verbesserungen zu schreiben, um überhaupt einmal einen Überblick über die Forschung wie über den Zustand der Laokoon-Gruppe selbst zu bekommen; heute nämlich seien selbst Fachleute damit überfordert, die originalen von den hinzugefügten Teilen zu unterscheiden. Ihrer selbstgestellten Aufgabe hat sie sich mit einer sorgfältig und immer präzise argumentierenden Arbeit gewachsen gezeigt.