Buchrezensionen

Marie Luise Knott: Dazwischenzeiten – 1930. Wege in die Erschöpfung der Moderne, Matthes & Seitz 2017

In Zeiten eines starken Rechtspopulismus denkt man oft daran, wie es wohl gewesen sein muss, damals in der Weimarer Republik, vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Immer wieder fragen wir uns zudem bis heute wie es dazu kam, dass eine menschenverachtende Ideologie die Menschen für sich gewinnen konnte. In vier Essays von Marie Luise Knott hat Stefanie Handke dem Untergang der Moderne nachgespürt.

 Im ersten Essay macht Knott Erwin Piscator zum Thema. 1930, genauer gesagt am 30. Januar, wurde der in seiner Wohnung verhaftet und »durfte« die folgende Nacht im Charlottenburger Schuldturm verbringen. Sein 1927 gegründetes Theater war schon längst pleite, auch wenn seine Inszenierungen hatten zahlreiche Neuerungen von experimentellen Bühnenarchitekturen bis zum Genre der politischen Revue hervorgebracht. In seinem Bild vom Theater entwickelte er das eines politisch scharfen Instruments, das mithilfe theatralischer Stoffe zu aktuellen Fragen Stellung bezog und seine Zuschauer auf Widersprüche und Missstände aufmerksam machen, »den Verdammten dieser Erde eine Bühne verschaffen« (S. 29) sollte. Sowohl historische wie auch zeitgenössische Stoffe inszenierte Piscator dafür.

Und dennoch – die Krise der Moderne war auch eine stete Krise der Piscator-Bühne. 1928 meldete sie erstmals Konkurs an, eine zweite Gründung folgte und zeigte mit »Dem Kaufmann von Berlin« von Walter Mehring und dem Bühnenbild von Moholy-Nagy ein Stück, das die Krise selbst in Szene setzte. Allein, der finanzielle Erfolg blieb wieder aus. Piscators Wirken aber fand in einem Raum statt, in dem viel möglich war: der Regisseur positionierte in der Umbruchszeit der 1920er und 1930er Jahre sein Theater politisch und entwickelte aus dem Anspruch, diesem Geltung zu verleihen, zahlreiche Neuerungen.

Während Piscator ungeheuer produktiv war und sich auch von Insolvenzen nicht unterkriegen ließ, so schien ein anderer Intellektueller um das bewusste Jahr 1930 in eine Krise zu stürzen: Karl Wolfskehl, Schriftsteller und Übersetzer, verfasste deutlich weniger Artikel, Bucheinträge und Essays. Er, der mit seiner Bibliothek und seiner Gelehrsamkeit einer derjenigen war, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten vergessene Texte aus dem Dunkel hervorzuholen und durch Übersetzung, aber freilich auch ihre Diskussion wieder bekannter zu werden, darunter auch das Hildebrandslied. Auch Charles de Costers »Die Geschichte von Eulenspiegel« übersetzte er. Wolfskehl selbst war ein Mensch »dazwischen« – heute paradox anmutend, war er zugleich Zionist und deutscher Patriot. Den Avantgardismus der Gegenwart ergänzte er durch eine Rückbesinnung auf alte Texte, die zugleich Chancen für die Zeitgenossen boten. Bereits 1932, nachdem die NSDAP bei den Wahlen einen großen Zugewinn zu verzeichnen hatte, beschrieb er einen symbolhaften Traum, der seine Situation als jüdisch-deutscher Intellektueller in Szene setzte: Er war ein Paria, wie die Autorin es so treffend formuliert; eigentlich Deutscher durch und durch, doch von den aufsteigenden Nationalsozialisten nicht al solcher anerkannt. Im selben Jahr diagnostizierte er dem intellektuellen, weltoffenen München seinen Niedergang. In den folgenden zwei Jahren reiste er viel, hielt bis 1937 durch, verkaufte dann seine Bibliothek und verließ 1938 Deutschland.

Bertolt Brechts Lehrstücke wie »Badener Lehrstück«, »Die Maßnahme«, »Die Jasager« sowie »Die Neinsager« sind ist der Kern des dritten Essays. Der Dramatiker stellte der Krise seine Kulturproduktion entgegen. Die Werke reflektierten die unsichere Gegenwart. Die Krise machte er zum zentralen Thema seiner Stücke und forderte darin die Auflösung des Individuums in den Strukturen der Kommunistischen Partei. Die berühmte Textzeile »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« aus der Dreigroschenoper hatte mit der Weltwirtschaftskrise und in den Zeiten der Inflation grausige Aktualität erhalten. Gleichzeitig bot aber das neue Medium des Radios ein Experimentierfeld für die Kultur, das es zu nutzen galt. Den neuen Stücken Brechts gemein war der Wunsch nach Einverständnis, nach Aufgehen des Einzelnen in der Gemeinschaft. Die (solidarische) Gemeinschaft erscheint gleichermaßen als Hilfsmittel zur Überwindung der materiellen Not wie auch als Antwort auf einen rechten Populismus. Die Lehrstücke beschrieben dafür einen Ausnahmezustand: das Leben als Kampf. In diesem tauchen sodann schaurige Parolen wie »Umarme den Schlächter« auf. Ein düsteres Bild dieser »Dazwischenzeit«.

Und Paul Klee? Ihn leitet Marie Luise Knott mit seinem »neues spiel beginnt« (1930) ein, dem ersten Bild dieses Jahres. Folgt man der Autorin, so hat auch Klee die düsteren Zeiten vorausgeahnt und ist zugleich selbst mittendrin. Als Akteur des Bauhauses erlebte er nicht nur dessen Krise, sondern auch die der Kunst ans sich. Im Zuge der Wirtschaftskrise gerieten moderne Künstler wie er in die Kritik. Zugleich erlebte er aber auch zahlreiche wohlwollende Betrachtungsweisen: seine Kunst »sei permanentes Neubilden«. Damit setzte sie also der Krise etwas entgegen. Die Aufbruchszeit am Bauhaus, die lag 1930 wohl bereits hinter Klee. Knott zeichnet das Bild eines Malers, der allmählich gegenüber den auf die Produktentwicklung und Architektur orientierten Kollegen am Bauhaus ins Hintertreffen geriet, sich dort zunehmend unwohl fühlte. Und in dieser Krise fand Klee auch eine neue Sprache; anstelle des Farbauftrags trat nun zunehmend auch das Abtragen der Farbe. Er verband Elemente wie Farbe, Farbauftrag und Kleister zu neuen Motiven in einer Kunst. Die Abstraktion aber, die seine Werke bis dahin geprägt hatte, wurde zunehmend düsterer.

Das »Wehret den Anfängen«, das in den letzten Monaten immer wieder zu hören ist, findet in Marie Luise Knotts Buch ihr Echo. Ihre Beobachtungen geschehen aus dem Rückblick, freilich, aber sie werfen ein Schlaglicht auf künstlerische Strategien in Zeiten der Krise, die bei weitem keine Antworten sind, aber den Umgang mit der Gegenwart der Beschriebenen sprachlich brillant und gut beobachtet verständlich machen. Nein, sie bietet keine Lösung. Aber sie zeigt die Abgründe auf, an denen Piscator, Wolfskehl, Brecht und Klee damals standen und die sie zu verstehen und zu überwinden suchten.