Buchrezensionen

Mario Schulze: Wie die Dinge sprechen lernten. Eine Geschichte des Museumsobjektes 1968-2000, transcript 2017

Ob es nun um den Reiz eines Passbildes im Portemonnaie oder Taxonomien missgestalteter Zündhölzer geht, um Holzschlitten eifriger Forscher des Nordpols oder Wäscheklammern: Museen verändern zuweilen durch die Art der Präsentation unsere Sichtweisen auf Alltagsgegenstände. Mario Schulze hat sich der Geschichte des Museumsobjekts in einer umfangreichen Dissertation gewidmet. Rowena Schubert-Fuß hatte sich das unterhaltsamer vorgestellt.

Im Zentrum der Arbeit stehen Detailanalysen von Ausstellungen im Historischen Museum Frankfurt am Main und dem Berliner Werkbundarchiv. Der Autor geht chronologisch vor, unterbricht die Darstellung jedoch immer wieder für theoretische Reflexionen. Den Anfang bildet die neue Dauerausstellung im Frankfurter Museum aus dem Jahr 1972. Als neuer Typus der »argumentierenden Ausstellung« fußte sie auf erläuternden und einordnenden Texten. Eine solche Präsentation stellte einen radikalen Bruch mit bis dato üblichen objektbasierten Darstellungen (Meisterwerke, Anschauungsbelege) dar und wurde politisch kontrovers diskutiert. Mit der Kombination aus Texten, Großfotos und einem Leitsystem zeigte man sich zudem sehr Besucherbezogen.

»Argumentierende Objektensembles« nahmen im Verlauf der 1970er – mehr noch in den 1980ern – stark zu. Parallel dazu stieg auch der Inszenierungscharakter bei der Objektpräsentation. Dies, so Schulze, mündete dann in den szenografischen Ausstellungen der 80er, in denen v.a. Bedeutungen kommuniziert werden sollten, weniger historische Informationen.

An dieser »kulturwissenschaftlichen Wende« wechselt Schulz den Blick und schaut nach Berlin auf die Entwicklungen im 1973 gegründeten Werkbundarchiv. Dessen Umbenennungen in »Museum der Alltagskultur« (1980er) und »Museum der Dinge« (1999) tragen der Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur und ihrer Präsentation bereits Rechnung.

Als eine Art »Protestmuseum« zunächst dem Sammeln von – man möchte sagen: nebensächlichen – Alltagsobjekten verpflichtet, wandte sich das Berliner Haus in den 1980er-Jahren multimedialen Inszenierungsweisen zu. Diese sollten als Denkbilder fungieren und den Ausstellungsraum zum Reflexionsraum machen. Schulze bemerkt sehr objektarme Schauen, das präsentierte Objektwissen gleicht nur mehr einem Hintergrundrauschen.

In summa, so der Autor, reflektieren die sich verändernden Inszenierungspraktiken den Stand der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten zur materiellen Kultur durchaus. Die Entwicklung folgt den jeweiligen Schwerpunktsetzungen von der Gesellschafts- und Konsumkritik über die Aufladung der Objekte als Zeichenträger bis hin zur Charakterisierung des Dings als Akteur.

Was allerdings offen bleibt, ist die Frage nach der Rolle der Institution Museum sowie des Kurators. Vielleicht möchte sie Schulze auch an die Betroffenen weiterreichen. Denn für sie ist diese gründliche und detailreiche Darstellung vorrangig geschrieben worden.