Buchrezensionen

Marius Rimmele, Klaus Sachs-Hombach, Bernd Stiegler (Hg.): Bildwissenschaft und Visual Culture, 2014 transcript Verlag, Bielefeld

Der Sammelband »Bildwissenschaft und Visual Culture« besteht aus fünf Kapiteln, die eine repräsentative und kommentierte Zusammenstellung von 15 Texten zu den interdisziplinären Forschungsbereichen und innovativen Theoriefeldern der Bildwissenschaften bieten. Marco Hompes hat sich die verschiedenen Kapitel für Sie angeschaut und kann das Werk nur empfehlen.

»Bilder sind, so kann man feststellen, everybody’s darling in den Wissenschaften, und das von den Geistes-, über die Gesellschafts-, bis hin zu den Naturwissenschaften«. Diese Erkenntnis steht am Anfang eines Vorworts im Sammelband »Bildwissenschaft und Visual Culture« und ist zweifelsfrei recht einfach nachzuvollziehen: Bilder können etwa die Aktivitäten des menschlichen Gehirns auch für Laien verständlich machen, bedeutende historische Momente werden durch sie erlebbar und auch das Wetter der kommenden Tage wird durch Bilder schon heute sichtbar. Dabei ist diese enorme Bedeutung des Bildes als welterschließendes, bedeutungskonstituierendes Medium verhältnismäßig jung. Im 19. Jahrhundert galt die Sprache als zentrales Mittel der Erkenntnis. Bilder hingegen waren das Hoheitsgebiet der Kunstgeschichte. Diese Wende zum Bild und seine Öffnung Richtung anderen, vormals bildfernen Disziplinen wurde im 20. Jahrhundert zu einem bedeutsamen, komplexen Forschungsgegenstand.

»Bildwissenschaft und Visual Culture« versammelt 15 Texte, unterteilt in fünf Kapitel, die einen fundierten Einblick in die wichtigsten Theorien der Bildwissenschaften ermöglichen.
Den Beginn des Bands markiert die Unterscheidung zwischen »Iconic und Pictorial Turn«. Geprägt wurden diese Begriffe durch W.J.T. Mitchell und Gottfried Boehm. Letzterer widmet sich im Wesentlichen der Frage, wie Bilder Sinn erzeugen. Er ist der Meinung, »Millionen von Menschen gingen nicht ins Museum und zu den Bildern, wenn sie nur mit dem abgespeist würden, was sie wissen oder schon einmal gehört haben«. Vielmehr schreibt er den Bildern eine eigene Intelligenz zu, die sich mitunter der Sprache entzieht. Mit seiner Theorie der »Ikonischen Differenz« versuchte der deutsche Kunsthistoriker, Sprache und Bild als zwei unterschiedliche Bedeutungsmodelle einander gegenüberzustellen.

Im Vergleich hierzu interessiert sich W.J.T. Mitchell dafür, was Bilder »wollen«. In den Theorien seines »Pictorial Turns« weist er darauf hin, dass die Ikonologie auch im Zusammenhang mit Ideologien und soziopolitischen Aspekten zu betrachten sei. Schließlich besäßen Bilder, so Mitchell, nicht nur eine »dienende« Rolle. Vielmehr sind sie selbst Machtinstrumentarien, ganz im Sinne Guy Debords »Gesellschaft des Spektakels«. Gerade heute, da »die Fiktion eines Pictorial Turns, einer Kultur, die vollständig von Bildern beherrscht wird […], zu einer realen technischen Möglichkeit in globalem Ausmaß geworden« ist.

Ein weiterer aufschlussreicher Schwerpunkt des Bandes ist das hierauf folgende Kapitel, welches sich »Bildtheorien« widmet. Exemplarisch wurde je ein Text von Nelson Goodman, Bernhard Waldenfels und Richard Wollheim ausgewählt, um auch unterschiedliche Theorietraditionen zu betrachten. Eine dieser Richtungen, von den Herausgebern als semiotische Tradition bezeichnet, versteht das Bild als spezifischen Zeichentypus, für den kommunikationswissenschaftliche Begrifflichkeiten nutzbar gemacht werden können. Der Aufsatz Goodmans ist hierfür ein ideales Beispiel. Sein Text zu »Sprachen der Kunst« kreist im Kern um die Frage nach dem Bild als Repräsentation. Er hält fest, dass Repräsentationen weder gleichbedeutend mit bildlicher Ähnlichkeit noch mit Nachahmungen sind. Denn Bilder, ebenso wie Wörter, sind nicht vorgefertigt, sondern »das Ergebnis der Art und Weise, wie wir die Welt verstehen«.

Fortsetzung von Seite 1

Mit Richard Wollheims Beitrag präsentieren die Herausgeber einen Text, dem sie der perzeptuellen Theorietradition zuordnen. Diese ist wesentlich stärker an phänomenologische Fragestellungen gebunden. Es geht dabei darum zu verstehen, wie wir sehen bzw. welche Arten von Sehen es gibt. Wollheim führt hierzu die Bezeichnung »Sehen-in« ein, den er gegen (Ernst Gombrichs Begriff) »Sehen-als« setzt. Er will damit u.a. zeigen, dass es eine »simultane Aufmerksamkeit« gibt. Das bedeutet, wir können uns ein Gemälde anschauen und dabei gleichzeitig die Darstellung (z.B. ein Porträt) und das Medium (die Leinwand) betrachten.

Im Abschnitt »Visual Culture Studies« wählten die Herausgeber drei englischsprachige Texte, da sich diese Forschungen vor allem in den angelsächsischen Ländern etablierten. Zentrales Anliegen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist hierbei zu demonstrieren, dass Sehen keine natürliche Kompetenz, sondern ein kultureller Akt ist. Werbung ist beispielsweise keine reine Abbildung eines Produkts, sondern häufig auch Ausdruck einer politischen oder gesellschaftlichen Haltung, die hingehend postkolonialer oder genderbezogener Diskurse kritisch betrachtet werden kann. Hervorragend verdeutlicht dies der Text »Studying Visual Culture“ von Irit Rogoff, der eine wunderbare Einführung in die Thematik darstellt. Darin wird u.a. erläutert, dass es das »unschuldige Auge« nicht gibt. Aus diesem Verständnis heraus findet im Zuge der Visual Culture Studies auch ein Perspektivwechsel statt. Nicht mehr die historische Zeit des Autors oder des betrachteten Objekts steht im Zentrum, sondern auch die des Lesers. Für die Kunstgeschichte ist diese Herangehensweise jedenfalls sehr nützlich, was jedoch nicht immer so akzeptiert wurde. Daher widmet sich ein weiteres Kapitel Forschungen »Zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft«. Die beiden Koryphäen sind hierbei ohne Zweifel Hans Belting und Horst Bredekamp.

Bredekamp betont, dass die mehrere Jahrhunderte alte Kunstgeschichte wesentliche Instrumentarien entwickelt hat, die für die neuen Bildwissenschaften nutzbar sind. An einschlägigen Beispielen illustriert er, dass es vor allem Kunsthistoriker waren, die Grundlagen für bildtheoretische Betrachtungen legten.

Hans Belting entwickelt seine Theorien anhand der Begriffe »Medium – Bild – Körper«. Er definiert den Menschen als »Ort der Bilder«, weshalb die Bildbetrachtung nicht statisch und objektiv sein kann, sondern immer auch an kollektive Normen und subjektive Vorstellungen geknüpft ist. Ein wichtiger Punkt in Beltings Argumentation ist die Wechselwirkung zwischen Medium und Mensch. Beide sind in gewisser Weise interagierende Körper, in denen bzw. durch die Bilder erzeugt werden. Sie sind nicht voneinander zu trennen, denn »[m]edienlos hörten die Bilder auf, im sozialen Raum präsent zu bleiben«. Das gilt übrigens auch für digitale Bilder.

Schließlich wird im letzten Kapitel verdeutlicht, dass das Sehen nicht statisch ist, sondern auch von wissenschaftlichen Erfindungen abhängt.
Alles in allem ist » Bildwissenschaft und Visual Culture« ein längst überfälliges Standardwerk und eine fundierte Einführung in diese Forschungsbereiche.