Kataloge, Rezensionen

Mark Tansey, Ausst.Kat. Museum Kurhaus Kleve, Kerber-Verlag, Bielefeld 2005

Seit den späten 70er Jahren vertritt der amerikanische Maler Mark Tansey im Vergleich zu seinen Malerkollegen eine sehr eigenwillige künstlerische Position: Er arbeitet im Medium der darstellenden Malerei, die im Prinzip der klassischen Bildkomposition verpflichtet ist und schafft mittels einer differenzierten Symbolik und Motivik komplexe Bildgeschehen. Viele Figuren in seinen Gemälden sind Portraits zeitgenössischer Geistesgrößen, die in beziehungsreichen Konstellationen in stumme Dialoge treten.

Auch über die Manier seiner Malerei knüpft er an Vorbilder in der Kunst- und Kulturgeschichte an. Seine großformatigen und in einem einzigen Farbton gemalten Bilder erinnern beispielsweise an Hohlbeins und Grünewalds Technik der Grisaillenmalerei, aber auch an die Bilder kolorierter Filme der frühen Kinogeschichte. Tansey versucht auf motivischer wie stilistischer Ebene eine Flut an Anspielungen zu schaffen, die seine Gemälde zu wahren visuellen Fundgruben machen.

In einer Ausstellung, die im Kurhaus Kleve vom 23. 1.- 24.4.2005 und im Württembergischen Kunstverein Stuttgart vom 4.5.-17.7. 2005 zu sehen war, wurde der Frage nach Tanseys Bildstrategien nachgegangen, wobei hier deutlich wurde, dass ein bloßes Betrachten der Bilder in Anbetracht ihrer komplexen Motivik versagt. Viel eher verstricken sich ihre Betrachter in immer weiter greifenden Deutungsansätzen. Bei allem Beziehungsreichtum des Bildpersonals und Metaphernfülle der Motivik lassen Tanseys Bilder zudem – in Anlehnung an das Vexier-Bild –, niemals nur eine Deutung zu, was seine künstlerische Arbeit klar von den Positionen anderer Künstler seiner Generation abgrenzt. Dennoch haben Tanseys Bilder eine Bedeutung, die sich nicht allein in der Darstellung und Anordnung von Symbolen und Motiven erschöpft.

Wozu und aus welchen Gründen Mark Tansey mit seiner Malerei diesen innerhalb der amerikanischen Kunstwelt scheinbar eigenwilligen Weg geht, die Anfang der 80er Jahre noch ganz dem Minimalismus und der Conceptual Art verpflichtet war, wird im die Ausstellungen begleitenden Katalog angedeutet. Unter der Überschrift „Das Bild schaut zurück“ weist Roland Mönig, Kurator der Ausstellung im Kurhaus Kleve, auf eine zentrale Idee Tanseys hin. Gegen den sog. „Unschuldigen Blick“ des Betrachters auf ein Kunstobjekt beziehungsweise die paradigmatische Aussage Frank Stellas „You see what you see“, zieht er mit den Waffen der Ironie geradezu zu Felde. Tansey schöpft vor dem Hintergrund einer postmodernen Geschichtsauffassung und Kulturhaltung die Möglichkeiten bildlicher Mittel zur ironischen Mehrdeutigkeit voll aus, was er mit einer Vielzahl an Zitaten, Allegorien, Zerr- und Vexierbildern erreicht.

Dennoch greift Tansey mit seinen anamorphobischen und verwirrenden Perspektivverzerrungen den Topos der modernen amerikanischen Kunst auf, die Wahrnehmung selbst zum Thema zu machen, setzt diesen aber in einem viel weniger elementaren Sinne um. Seine Bilder sind ebenso wie die Colorfield Paintings Barnett Newmanns, Land Art- Projekte Walter De Marias und Anordnungen im Museumsraum von Donald Judd und Robert Morris Labors menschlicher Wahrnehmung: Hier wie dort geht es ums Sehen. Doch Tansey geht es weniger um die Wahrnehmung von Objekten im Raum, Oberflächen und Material beziehungsweise Dimensionen in den Einöden der amerikanischen Mojave-Wüste. Tansey setzt auf das Sehen von Zusammenhängen, von Zeichen und Kompositionen, die, wie Mönig festhält, mit „Hintersinn und Ironie von Konzepten und Theorien der unterschiedlichen Avantgarden des 20. Jahrhunderts handeln“ (S.13). Und das geschieht nicht nur auf dem Felde der bildenden Kunst, sondern darüber hinaus als Rekapitulation der Leistungen der Protagonisten der Moderne. Tanseys Gemälde sind daher, neben ihrem ästhetischen Stellenwert, Bild gewordene Kommentare zur modernen Geistesgeschichte.

Im Katalog zur Ausstellung dieses höchst interessanten Künstlers wird in vielen Punkten den Fragen nach Bildstrategien und deren Bedeutungen nachgegangen. Es ist hier allerdings in Anbetracht der an dieser Stelle angedeuteten Komplexität des Themas nicht gelungen, Tanseys Arbeit umfassend darzustellen. Dennoch ist sie mit dem Katalog ausreichend beleuchtet, wobei es vor allem Roland Mönig vermag, auf geradezu unterhaltsame Weise die durchaus komplizierten Bilder Tanseys zu deuten. Dabei gelingt es ihm, anhand weniger exemplarischer Werke, Tanseys Programm zu beschreiben, ohne sich in Details zu verstricken. Der anschließende Katalogteil lässt wegen seines großzügigen Formats den Beziehungsreichtum der Bilder zumindest erahnen und dient daher durchaus als Instrument weitergehender Tansey-Studien.