Ausstellungsbesprechungen

Markus Lüpertz – Im göttlichen Licht, Gemeentemuseum Den Haag, bis 2. Oktober 2011

In Markus Lüpertz hat sich das Gemeentemuseum Den Haag einen der profiliertesten deutschen Künstler der Gegenwart ausgesucht, um zu dessen Werk eine umfangreiche und beeindruckende Ausstellung zu veranstalten. Angesehen und für PKG aufbereitet hat diese Günter Baumann.

»Künstler haben Gott bei der Erschaffung der Welt geholfen«. Wer so markig seinen Berufsstand skizziert, ist kein Geringerer als Markus Lüpertz, in der Tat einer der renommiertesten und ohne Frage einer der selbstbewusstesten Maler der letzten Jahrzehnte – ob der gern als Malerfürst auftretende Lüpertz bei seinem Statement überhaupt andere Kollegen miteinbezog, sei dahingestellt. Jedenfalls passt das selbstgewählte Image zur Retrospektive im Gemeentemuseum in Den Haag, das einen holländischen Wahlspruch auf seinem Vorhallenrelief auf das Werk des deutschen Künstlers ummünzt: »Eer het God’lijk licht in d’openbaringen van de kunst« – »Ehre das göttliche Licht in den Offenbarungen der Kunst«. Erklärtes Ziel der Ausstellungsmacher ist es, diesem Sinnspruch mit der im Haus gezeigten Kunst, die hier traditionsgemäß mit Piet Mondrian verbunden ist, in Einklang zu bringen. Dieser hohe Anspruch fällt leichter, wenn sich der eingeladene Gast selbst als Genie begreift, von dem auch folgender wunderschöne, gesellschaftspolitisch völlig inkorrekte Aphorismus stammt: »Es gibt nur ein Leben und das kann man nur als Künstler leben«.

Eine derartige Vollmundigkeit, der man eine gewisse Arroganz (»Die Künstler sind die Creme de la Creme. Alles andere sind Zwerge«) nicht absprechen kann, mag zum marktbeflügelnden Gebell gehören. Aber Fakt ist: An Lüpertz’ Kunst reicht kaum ein lebender Künstler heran. Und während Jungstars wie Meese, der kaum minder provokant auftritt, erst noch beweisen müssen, dass sie in zehn Jahren noch immer in der ersten Liga mitspielen, hat Lüpertz seinen Ruhm bereits eingefahren. Vor seinem eigenen Werk wenden sich die kernigen Sprüche zu einem Ausdruck tiefster Bewunderung für die Kunst, die manche Zeitgenossen – Allerweltsfiguren oder Berufspolitiker, Wirtschaftsfetischisten oder Stammtischgröler – für überflüssig halten. »Ohne die Kunst«, so Lüpertz, »hätten die Menschen die Welt mit all ihren Aspekten nie so sehen können, wie sie ist«. In jedem seiner Werke erfindet der Maler und Bildhauer aufs Neue ein Universum, für all seine Arbeiten wirft er seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale, das Scheitern des modernen Menschen immer vor Augen. Als entschiedener Kritiker des Unterhaltungsterrors, der über die Medien die Lebensräume der Menschen überflutet, macht er aus jedem Kunst-Stück ein Stück über die Kunst. Lifestyle hat für ihn nichts mit Kunst zu tun, Anbiederung an den Zeitgeist ist seine Sache nicht, und bloße Eventkunst ist ihm zu billig.

Die breit angelegte Ausstellung in Den Haag bereitet das Werk nicht chronologisch auf – auch das wäre einem Künstler nicht gemäß, der als »Dithyrambiker« nicht einfach eine Phase hinter sich lässt, um ein neues Kapitel seiner Kunst aufzuschlagen. Die zuweilen unheimliche und extrovertierte Präsenz seiner Arbeiten bekommt man allenfalls thematisch gezügelt, was zugleich auch ermöglicht, ein Bild von der Ernsthaftigkeit zu vermitteln, mit der Lüpertz seinen Gegenstand jeweils umkreist. So gliedert sich die Schau in die Bereiche »Bildfindungen«, »Loops«, »Serielle Arbeiten am Beispiel der Baumstämme«, »Ähren«, »Kunstgeschichte«, »Alice in Wonderland«, »Herkules«, »Meisterwerke« und »Neue Malereien«, die jedoch ineinander greifen. Mal spielerisch naiv, mal mythisch beschwert, mal metaphorisch, mal zitierend: Markus Lüpertz versteht sich auf den gestischen Wurf genauso wie auf die eindringliche Komposition. Der 70-jährige Künstler gehört zu der Generation von Malern, die der Figuration (im Bild des Menschen) und der gegenstandsbezogenen Kunst (etwa in der Landschaft) wieder eine expressive, wenn man so will: spezifisch deutsche Stimme verliehen. In einem Atemzug kann man neben ihm Baselitz, Immendorff und Penck nennen, egal, ob Lüpertz sie neben sich dulden würde. Er hadert lieber mit höheren Instanzen – etwa mit Gott. Über seine Position bekannte er unlängst der BILD-Zeitung (!): »Mich stört, dass ich sterben muss. Ich will ewig leben. Mir macht das Leben Spaß, ich langweile mich nie mit mir. Und ich fühle mich viel jünger als zu der Zeit, als ich wirklich jünger war«.