Buchrezensionen

Markus Müller (Hg.): Die Revolution entlässt ihre Bilder – von Malewitsch bis Kandinsky, Wienand Verlag 2014

Der bedeutungsschwangere Titel zeigt bereits, wo es langgeht und zieht eine deutliche Parallele zu Wolfgang Leonhards Erzählung. Das ergibt Sinn, denn der russische Konstruktivismus, Hauptfigur des Buches, muss auch Leonhard begegnet sein. Seine Bedeutung aber erstreckt sich über Russland hinaus und das beweist das Werk. Jaqueline Menke hat sich das Werk mit Freuden angesehen.

»Die Revolution entlässt ihre Bilder« – so lautet der Titel des mittelformatigen, signalroten Hardcoverbuches, welches die gleichnamige Ausstellung im Pablo Picasso Museum in Münster begleitete. Es schwingt eine Art von radikalem Appell mit, einer künstlerischen Strömung Aufmerksamkeit zu widmen, ihre Bilder anzuschauen, sie regelrecht zu verinnerlichen.

Gemeint sind die Künstler des sogenannten russischen Konstruktivismus, die zusammen mit anderen europäischen Künstlergruppen im frühen 20. Jahrhundert etwas Neues, die Welt Verbesserndes schaffen wollten. Geometrische Formen, klare Linien, Punkte – alles, nur keine gegenständliche Malerei sollten nun ihre Bilder dominieren. Die abstrakten Arbeiten sind voller künstlerischem Missionspathos, wie ihn beispielsweise Wassily Kandinsky in seinen kunstphilosophischen Schriften verbreitete. Der vorliegende Katalog präsentiert einen Teil des Facettenreichtums der abstrakten Malerei in Mittel- und Osteuropa. Der Herausforderung, diesem Vielfaltsanspruch an künstlerischer Produktion gerecht zu werden, nahm sich der Herausgeber und Direktor Markus Müller in der Konzeption des Kataloges an: Gelungen knüpft er in dem ersten Kapitel an die Ausstellungsreihe »Cusbism and Abstract Art« des MOMA in New York der 40er Jahren an. Dabei zitiert er die methodische Vorgehensweise dessen Gründungsdirektors Alfred H. Barr, der die komplexen Zusammenhänge und Einflüsse der modernen Kunst mithilfe eines Diagramms darzustellen versuchte. Im selben Atemzug hinterfragt er diese Vorgehensweise und bezeichnet sie als »denkwürdig«: ein angebrachter Einwand angesichts der verwobenen Strukturen und künstlerischen Einflüsse der modernen Bewegung.

Doch wie konzipiert man nun eine Ausstellung mit dem Fokus auf abstrakter Kunst, ohne den inhaltlichen Bezug zu verlieren? Welche Auswahl trifft man? Welche Künstler sollten im Mittelpunkt stehen und woher kommen sie? Die Antwort findet der Herausgeber und Kurator in dem ersten Kapitel »Die Facetten der Abstraktion«: die Auswahl der Bilder traf nicht er, sondern ein deutscher Privatsammler. So spiegelt der Katalog den subjektiv-ästhetischen Kunstgeschmack eines Individuums wider. Eine raffinierte Idee, die den Katalog bildreich und in sich geschlossen wirken lässt.

Unter den insgesamt 90 Gemälden sind Zeichnungen und Skulpturen von Künstlern aus Deutschland, Frankreich, Holland und Russland. Darunter fallen große Namen wie: Kasimir Malewitsch (1878-1935), Wladimir Tatlin (1885-1953), Wassily Kandinsy (1866-1944), László Moholy-Nagy (1895-1946), El Lissitzky (1890-1941), Alexander Rodtschenko (1891-1956), Ljubow Popowa (1889-1924), Theo van Doesburg (1883-1931) und Georges Vantongerloo (1886-1965). Um eine kleine Auswahl zu geben. Damit wird die kosmopolitische Komponente der abstrakten Kunst betont und deutet gleichzeitig auf die verwobenen Verbindungslinien zwischen den europäischen Kunstzentren.

Um die Multinationalität der Kunstbewegung zu vervollständigen, wird der Leser eingängig in die damaligen Theorien und Überzeugungen der für die Kunstwelt bahnbrechenden Vereinigungen aus der De Stil-Bewegung in Holland, der Lehre am Weimarer Bauhaus und des visionären Missionspathos der russischen Konstruktivisten eingeführt. Einige kunstphilosophische Abschnitte sollte man dabei mit besonderer Aufmerksamkeit zu lesen!

Die Bebilderung lockert das strapazierte Leserauge auf. Den etwas schwer zugänglichen kunsttheoretischen Teil führt Noemi Smolik in dem Kapitel: »Malewitsch und Tatlin – Vertreter einer anderen Moderne?« weiter aus. Es lohnt sich, ihren Beitrag nach der Einführung ein zweites Mal durchzuarbeiten. Spannend ist, wie die Verfasserin die Frage des Titels beantwortet, denn dabei argumentiert sie schlüssig, auch für den Laien nachvollziehbar und pointiert.

Im letzten Drittel des Katalogs werden die abstrakten Darstellungen durch das Medium des Films erweitert. Alexander Gaude gibt einen historischen Abriss über die Entstehung und Ästhetik des abstrakten Avantgardefilms. Abgerundet wird der Katalog durch einen Exkurs zu den russischen Künstlerbüchern, die insbesondere im Zeitraum von 1912 bis 1936 entstanden: eine künstlerisch interessante Fusion von literarisch Wertvollem und kreativer Gestaltung. Unter den 58 Büchern der Privatsammlung gehören solche von Malewitsch und El Lissintzky. Sie bestechen durch ihre schlichte und unkonventionelle Typografie und ihre geometrisch klar gezeichneten Formen.

Der Gesamteindruck des Kataloges ist gut: er ist inhaltlich fundiert und wird durch die spezielle Bildauswahl abgerundet. Dabei leiten die bebilderten Beiträge den Leser in beispielhafter Weise durch die wissenschaftlich fundierten Inhalte.

Beim Zuklappen verabschiedet sich das Werk mit zwei Zitaten: eines von Kasimir Malewitsch, das andere von Wassily Kandinsky. Damit ist nicht nur inhaltlich, sondern auch gestalterisch der Bogen zum Titel gespannt. Wieder ein raffinierter Clou, der für die Kreativität der Gestalter spricht und ihren Einfallsreichtum unter Beweis stellt. Eine gelungene Arbeit, die einen fast mit sich hadern lässt, die Originale noch nicht gesehen zu haben. Mich jedenfalls haben die abstrahierten Bilder in ihrer formalen und farblichen Erscheinung gefangen genommen!