Ausstellungsbesprechungen

Markus Schinwald, Lentos Kunstmuseum Linz, bis 12. Februar 2012

Markus Schinwald fasziniert mit einem hoch eigenständigen Werk, das sich souverän aller künstlerischen Medien und Formate der Gegenwart bedient. Günter Baumann ist den vielfältigen Spuren in seinen Arbeiten gefolgt.

Der 1973 in Salzburg geborene Markus Schinwald gehörte 2011 zu den eindrucksvollsten Künstlern auf der Biennale in Venedig. Den österreichischen Pavillon verwandelte er in eine klaustrophobisch-labyrinthische Installation, deren Wände nach oben hin regelrecht abhoben: Freie Sicht gab es nur auf die Beine anderer Besucher, wenn man sich denn in entsprechende Duckhaltung begab, ansonsten hätte der Blick Scheinwände durchbrechen müssen. Architektonische, psychologische, theatralische, ästhetische und skulpturale Elemente gingen da ineinander über.

Der Künstler hat, den Biennale-Wänden zum Trotz, eine ungebremste Fantasie, die er – nach einer bereits zu Ende gegangenen Parallelstation in Hannover – nun noch für wenige Tage in Linz auslebt: ob Plastik, Aktion, Film, Malerei oder Bühnenkunst, immer nähert er sich dem Menschen, dem allgemeineren Menschsein oder dem Menschenmaß an. Oftmals ist man sich kaum gewiss, ob es sich um Eigenschöpfungen oder Dokumente handelt, was im klugen Gesamtarrangement zu sehen ist. Das scheint auch nicht wichtig zu sein, denn alles entspringt einer Choreografie, die zwischen Spiel, zuweilen zwanghafter Handlung und purer Schaulust changiert.

Jede von Schinwalds multi-medialen und multi-funktionalen Arbeiten nähert sich einer Überblicksvision seines noch vergleichsweise jungen Schaffens. Denn wie 2011 zu sehen war, erschließt sich das Werk unmittelbar auch über Querverbindungen von Schau zu Schau – Linz, Venedig und Hannover lagen zeitlich und programmatisch dicht beieinander, die letztgenannten Ausstellungen mögen vorbei sein, aber Präsentationen in Spanien, Italien und Paris schließen sich 2012 an. So hat man den Eindruck, Schinwald überziehe die Welt mit scheinbar beiläufigen Spuren: hier ein Fahrrad im Raum (2009), dort ein Paar zerquetschte Damenschuhe (2006), da Möbelbeine als abstrakte Holzobjekte (2007–09), darüber hinaus melancholische Porträtskizzen, lakonische Filmstills, absurde Performances usw. – und immer wieder Marionetten: im Lentos Museum hängen sie geradewegs von der Decke.

Man kann einem Österreicher, auch wenn oder gerade weil er neben Wien auch New York als gegenwärtige Adresse angibt, unterstellen, dass hier die Psychoanalyse ihren bildgewordenen Ausdruck gefunden hat. Man nehme die Schuhe – stehen sie für schmerzvolle Tanzerinnerungen wie im bösen Märchen oder wenden sie sich als Paar wie ein Liebespaar einander zu? In Linz, wo Schinwald studiert hat, zieht der intellektuell und sinnlich begeisterte Allround-Künstler eine Bilanz, die sich sehen lässt. Es ist fast erschreckend: Wo mag ein solch ausdifferenziertes, auf so viel Punkte schon gebrachtes Werk noch hinführen? Was er auch in die Hand nimmt, immer zielt es auf Hülle (Mode, Leinwand u.a.) oder Kern (immerzu der Mensch), jeweils mit abgründigen Schattenseiten, denn zum einen wandelt sich eine Jacke rasch zum Korsett, ein frei agierender Mann eben zur angebundenen Marionette, ein Porträt zur anonym-gesichtslosen Ungestalt.

Die Filme greifen die beste surreale Tradition auf, spielen mit Verstörung und hintergründiger Schönheit; im Parcours durch die Ausstellung geben sie den Handlungsrahmen an biedermeierliche Grafiken weiter, die am Computer verfremdet wurden. Ob der Künstler selbst oder sogar der Besucher die Fäden zieht, sprich das Konzept in Händen hat oder zusammenspinnt, gehört zu den spannenden Fragen und Randerfahrungen bei der Betrachtung des Werks. Sicherheit ist nirgends, schrieb einst Schinwalds Landsmann Arthur Schnitzler – auch hier findet man sie nicht, im Gegenteil: Was zuweilen wie eine alltägliche Darstellung oder Szenerie wirkt und aussieht, führt an der verstandesmäßigen Erfassbarkeit vorbei. Da weiß man nicht mehr, ob es nur eine irritierende Beunruhigung oder schon eine existenzielle Bedrohung darstellt, wenn eine Uhr nur elf Stunden anzeigt. Alles ist so leicht zu über- und doch kaum zu durchschauen, die Arbeiten sind in einer fast entwaffnenden Simplizität vorgestellt und doch von einer philosophischen Tiefe, die einen bange macht.

Auch die Ausstellungsarchitektur stülpt sozusagen die Filmästhetik Schinwalds nach außen, so dass der Gedanke sich aufdrängt, ob nicht der Museumsbesucher unbewusst zur Spielfigur mutiert. Offensichtlich will der Künstler den Menschen im Bezugssystem von Körper und Raum, von Individuum und Gesellschaft, von Freiheit und Zwang »dingfest« machen. Wer die Ausstellung hinter sich lässt, kann sich sicher fühlen, eine Bühne der Irritationen verlassen zu haben – oder ist er vielmehr dem Wahnsinn der Realität entkommen, um sich auf eine Bühne zu flüchten, die in unserer Illusion die Welt bedeutet?