Ausstellungsbesprechungen

Markus Weis – „Don’t touch“

Rund 2400 Jahre ist es nun her, so in Plinius’ naturalis historiae XXXV zu lesen, dass die beiden griechischen Maler Parrhasios und Zeuxis in einem Wettstreit die Wirklichkeit malerisch einzufangen suchten. Während Zeuxis die Vögel mit seinen gemalten Trauben zu täuschen vermochte, wurde er selbst durch den von seinem Kontrahenten gemalten Vorhang in die Irre geleitet und verlor damit den Wettstreit. Was aber hat nun diese antike Anekdote mit den Werken von Markus Weis tun, die bis zum 23. November 2008 in der Städtischen Galerie Neunkirchen präsentiert werden? Viel sogar, denn der 1965 in Koblenz geborene Künstler, der in den Niederlanden Malerei studiert hat, beherrscht die Klaviatur illusionistischer Bildgestaltung wie nur sehr wenige seiner Malerkollegen.

Allerdings kann das im Barock beliebte Spiel mit der Täuschung, das die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts bis zur Perfektion betrieb, bei Weis nicht als Selbstzweck verstanden werden. Denn die Sinnlichkeit der Gegenstände, die Illusion ihrer Plastizität wird – so Nicole Nix-Hauck in ihrem Katalogbeitrag – „durch ihre nüchterne, karge, ja oft bis zur Abstraktion reduzierte Umgebung und die formale Strenge eines geometrisch gegliederten Bildaufbaus unterwandert.“ Der Betrachter scheint dem Drang, den kostbaren, mit filigranem Ornament verzierten, seidig schimmernden Stoff zu berühren, der leicht über eine Stuhllehne drapiert ist, kaum widerstehen zu können. Wird er – beispielsweise in der Serie „Tempo“ – nicht geradezu verführt, diese edle Materie wirklich zu erfahren? Markus Weis setzt diesem Bestreben jedenfalls eine Schranke: „Don’t touch“! Denn die monotone, meist graue Fläche des Hintergrundes stößt uns zurück und hält uns auf Abstand.

Weis evoziert eine für den Betrachter irritierende Spannung zwischen „perspektivischer Detailtreue und dem Fehlen räumlicher Tiefe“ [Nicole Nix-Hauck]. Die Gegenstände, wie Tücher, Vorhänge, Fensterrahmen, florale Fragmente, die im Bild eingefroren scheinen, oder ein paar Turnschuhe, sind aus der Zeit herausgerissen. Sie verweisen nicht auf eine abwesende Person, die möglicherweise den Stillstand der Zeit und die meditative Ruhe aufheben könnte, sondern sie genügen sich in ihrem Dasein selbst.

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Der Künstler wirkt mit subtilen Mitteln der Unmittelbarkeit des Gegenständlichen entgegen und relativiert damit die erzeugte Illusion, hinterfragt mit kritischem Auge die vorgetäuschte Nähe im Bild und seine Unnahbarkeit für den Betrachter. Zugleich greift Weis die Metapher der „fenestra aperta“ auf, die Vorstellung vom Gemälde als einem Fenster, das den Blick in die Tiefe des Bildraumes führt und auf die sichtbare Welt öffnet. Die bislang einzige Figur in den neueren Gemälden des Künstlers, die uns im ersten Obergeschoss der Galerie begegnet, zeigt ein blondes Mädchen in Rückenansicht, das seitlich vor einen Vorhang tritt. Bei diesem Bild sind wir zunächst an Caspar David Friedrichs Rückenfiguren erinnert, die nicht selten vor einem Fenster stehen und in die sich davor ausbreitende, symbolträchtige Szenerie blicken. Doch wenn wir uns in die Arbeit von Markus Weis eingesehen haben, prallen wir an der grauen Fläche des Hintergrundes ab, die nicht „Welt“ bedeutet oder eine Verweisfunktion besitzt, sondern einzig dazu dient, die Illusion zu demaskieren. Indem der Künstler mit dem Motiv des Vorhangs den „Akt des Zeigens“ demonstriert, so formuliert es Nicole Nix-Hauck, „verweist er auf die Präsentationsfunktion des Bildes und macht es als das bewusst, was es ist: als Bild, das letztlich nichts anderes zeigt als Malerei.“

Jeder Schritt, mit dem wir uns den Gemälden annähern, führt uns einerseits weg vom imaginären Gegenstand und lässt uns andererseits die Malerei erkennen und verstehen. In diesem Wechselverhältnis von Distanz und Nähe, Illusion und Wirklichkeit artikuliert sich das Wesentliche der Werke von Markus Weis: Es sind Rückzugsmöglichkeiten aus einer Reiz überfluteten Welt, Orte der Stille und Meditation, die den Betrachter auf sich selbst zurückwerfen, ihn zum Nachdenken animieren, dabei aber keineswegs die Last der Vanitas-Metaphorik der historischen Stillleben zu tragen haben. Summa summarum kann, wie Nicole Nix-Hauck schlussfolgert, „die Ent-Täuschung der Illusion auch ein Weg hin zum eigentlichen, wahrhaften Bild sein.“

Mit „Markus Weis. Don’t touch“ ist der Städtischen Galerie Neunkirchen eine stimmige Präsentation gelungen, die durch Hängung und harmonische Integration der Arbeiten in die weiße Architektur, vor allem aber durch die ausdrucksstarken Arbeiten des Künstlers zu überzeugen weiß. Auch wenn diese Kunst nicht in den Raum poltert, sondern uns vorsichtig und leise begegnet, sollten Sie Goethes Aufforderung Folge leisten, der in seiner „Italienischen Reise“ schrieb: „Die Kunst ist deshalb da, dass man sie sehe, nicht davon spreche, als höchstens in ihrer Gegenwart.“

Katalog

Markus Weis. Don\'t touch, hrsg. von Städtischen Galerie Neunkirchen, Kern-Druck GmbH, Bexbach 2008

Der in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienene Katalog „Markus Weis. Don’t touch“ wird den Leser einerseits durch die informative und spannend zu lesende Einführung von Nicole Nix-Hauck beeindrucken sowie die ausführlichen Informationen zum Werdegang des Künstlers. Andererseits weiß die Publikation durch eine sehr gute Qualität der Abbildungen zu überzeugen, denen es auch im kleinen Format des vorliegenden Bandes gelingt, die Faszination, die die Originale transportieren, zu vermitteln. Auf 32 Seiten versteht das Katalogwerk den Leser/Betrachter in einen konzentrierten und inspirativen Dialog mit diesen auf leisen Sohlen daherkommenden Werken von Markus Weis einzubinden. Fazit: Ein geldbörsenfreundliches Katalogbändchen, welches das meditative Erlebnis des Ausstellungsbesuches eindringlich nachklingen lässt und Lust auf mehr Arbeiten des Künstlers macht!

Markus Weis. Don’t touch, hrsg. von Städtischen Galerie Neunkirchen, Kern-Druck GmbH, Bexbach 2008, 32 Seiten. Preis: € 8

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 10-12.30 Uhr und 14-17 Uhr
Do 10-12.30 Uhr und 14-18 Uhr
Sa 14-17 Uhr
So und Feiertage 14-18 Uhr

Öffentliche Führungen
Kostenlos
Sonntag, 26. Oktober, 15 Uhr
Donnerstag, 13. November, 18 Uhr

Eintritt
Frei

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