Ausstellungsbesprechungen

Martin Bruno Schmid – Bohrzeichnungen, Galerie Brötzinger Art, Pforzheim, bis 27. Februar 2011

Kann ein Kunstwerk aus der Destruktion heraus wachsen? Seit Dada stellt sich die Frage eigentlich nicht mehr und sie ist – so gibt sich der Künstler Martin Bruno Schmid überzeugt – noch nicht einmal redlich angesichts des immerwährenden Zerfalls in der Natur, die sich »naturgemäß« stets neu gebiert – und das allem auch äußeren Zerstörungspotential zum Trotz. Nebenbei könnte man selbst den Mythos bemühen – Phönix geht zu Grunde, um sich zu erneuern –, und auch die Dichtung hält als teuflisches Motiv fest: »alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht« (Mephistopheles sieht allerdings eine Erneuerung nicht vor). Günther Baumann hat sich diese ungwöhnliche Ausstellung für Sie angeschaut.

In Pforzheim geht eine Ausstellung mit Arbeiten Schmids zu Ende, die am Sonntag, den 27. Februar (11–18 Uhr), mit einer Finissage gefeiert werden: In diesem Sinne ein kulinarisches Ende mit hoffnungsfroher Perspektive. Bis dahin gibt es die Möglichkeit, Schmids Bohrzeichnungen zu sehen, die schon in der Bezeichnung für eine lustvolle Irritation sorgen: Wie darf man sich gebohrte Zeichnungen vorstellen? Martin Bruno Schmid, der seit 2006 als Assistent des herausragenden Zeichners Andreas Opiolka an der Stuttgarter Kunstakademie unterrichtet, geht nicht nur mit der Bohrmaschine ans Werk. Mit spitzem Bleistift locht er Papier bis zur materiellen Unkenntlichkeit, oder er schleift Hochglanzzeitschriftenseiten bis die Broschürenidylle dahin ist.

Die Arbeiten entziehen sich einer Zuordnung: Bleistiftspuren lassen den zeichnerischen Ursprung erkennen, das Papier ist als fragiler Rest noch als Bildträger vorhanden, aber gerade in seiner flüchtigen Konsistenz zur plastischen Unform zerfleddert. Ästhetisch erinnert der Vorgang an Arbeiten Lucio Fontanas, inhaltlich kommen Bernard Schultzes vegetabile Migof-Figuren in den Sinn. Doch Schmid geht es nicht um die Rezeption bekannter Prozesse. Seine Arbeiten sind weder rein konzeptionell noch rein destruktiv. Er will zum einen den Grat kenntlich machen, wo Schönheit und Zerfall dicht beieinander stehen. Tatsächlich schafft er mit martialisch-brachialen Mitteln Werke, chiffrierte Körperlandschaften von erhabener Zartheit. Zum anderen ist die Ironie unverkennbar; schalkhaft verweist Schmid auf die vielen Heimwerker, die vergebens versuchen, ein vorgezeichnetes Bohrloch exakt zu treffen. So genannte »Probebohrungen«, »Bohr-« und »Schleifstücke« zeugen von der künstlerischen Umsetzung: Ob als gerahmte Hommage an das traditionelle Tafelbild oder als verspachteltes Objekt: der Künstler lotet alle Möglichkeiten seines ästhetischen Minimalismus aus. Sein Tun ist zudem auch als moderner Beitrag zur Diskussion um die White Cubes zu sehen; er kratzt sozusagen in großem Stil an der blanken Wand, um sie aus der lebensfernen Sterilität zu holen. In seinen »Face-Peelings« schließlich schwingen sogar gesellschaftskritische Töne mit: Die künstliche Welt von Vogue und Co. schleift er bis auf Farbspuren ab, um so seine künstlerische Welt triumphal dagegen zu stellen. Eine Welt übrigens, deren Bewohner höchst real mit der natürlichen Alterung, gegen physische und seelische Wunden zu kämpfen haben, die gegen jeden schönen Schein irgendwann der Auflösung anheim fallen.