Rezensionen

Martin Büchsel: Bildmacht und Deutungsmacht. Bildwissenschaft zwischen Mythologie und Aufklärung, Wilhelm Fink 2019

Die Bildwissenschaft steckt scheibar in einer Sackgasse: Teile von ihr sind zur antiaufklärerischen Ideologie geworden, die es erlaubt, autoritäre Positionen der Auslegung als Macht des Bildes zu beschreiben. In seinem neuen Buch setzt sich Martin Büchsel daher für eine »Kunstgeschichte der kleinen Worte« ein. Torsten Kohlbrei hat es für PortalKunstgeschichte gelesen.

Cover © Wilhelm Fink Verlag
Cover © Wilhelm Fink Verlag

Das 316 Seiten umfassende Buch von Martin Büchsel ist alles andere als leichte Kost. Dies liegt natürlich zunächst am gewählten Thema von »Bildmacht und Deutungsmacht«. Denn der 1950 geborene Kunsthistoriker fragt hier radikal, die Wurzel betreffend, nach dem, was ein (Kunst–)Bild ausmacht. Über die gewählte Fragestellung hinaus sorgt aber auch Büchsels Herangehensweise für eine anspruchsvolle Lektüre. Denn: Obwohl er seine Position klar zur Geltung bringt, folgt er dem selbstgesteckten Ziel, »keinen Autor um sein Argument [zu] bringen« und »die als programmatisch eingestuften Texte so zu durchdenken, dass nicht nur die proklamierten, sondern auch die unter den jeweiligen Prämissen möglichen Gedanken zur Geltung kommen«.

Wie schwer es Büchsel gefallen sein muss, den Versuchungen einer plakativen Polemik zu widerstehen, wird deutlich, wenn man sich den Anlass der Publikation vergegenwärtigt. Bereits in der Vorbemerkung attestiert Büchsel eine »Krise der Bildwissenschaft« und skizziert in der Einleitung die Tendenz im philosophischen und kunsthistorischen Diskurs, die Regeln der sprachgebundenen Aufklärung hinter sich zu lassen und einer »ikonischen Differenz« zu ihrem Recht zu verhelfen. »Bildmacht« ist hier das Zauberwort der Stunde und es soll klarstellen, dass Bilder eigene Regeln und eine vor–semantische Ordnung besitzen. Als Protagonisten dieser Betrachtung werden Gottfried Boehm, Hans Belting und Horst Bredekamp vorgestellt.
Es geht also tatsächlich nicht um die Diskussion von Details der Forschung, sondern um die Basis des disziplinären Diskurses: Was kann Kunstgeschichte leisten?

Alle Versuche dem Fach durch die „Hypostasierung des Bildes“ ein ureigenes Territorium zu eröffnen und ein Sehen, frei von kulturellen Konditionierungen (Boehm) zu etablieren oder gar eine visuelle Kultur zu fordern, in der Bilder Vehikel mit magischen Funktionen sind (Belting), können Büchsel dabei nicht überzeugen.
Denn letztlich können diese mit starken Worten vorgetragenen Positionen die – auch von Büchsel konstatierte – »Divergenz zwischen ästhetischer Erfahrung und wissenschaftlicher Methode« nicht konstruktiv auflösen. Denn wer die Selbstreferenzialität der Bilder beschwört und sie dem aufgeklärten Diskurs entzieht, muss entweder schweigen oder eine »kongeniale Deutungsmacht« für sich beanspruchen. Damit würde aus dem Wissenschaftler ein Magier, dem es gelingt, »in den geschützten Kreis der Bilder einzudringen«. Beide Konsequenzen – das Schweigen sowie die visionäre Schau – sind für den Autor keine tragfähige Antwort zur Verortung der Bildwissenschaft.

In den beiden letzten Kapiteln seines Buches stellt Büchsel daher Kunstgeschichte als vorstellungskritische Disziplin vor. Um Bild und Sprache auszutarieren, geht er dabei zunächst auf die Kontroverse zwischen Bildphänomenologie und Bildsemiotik ein. Denn Bilder zeigen etwas, demnach liegt es nahe, in ihnen daher etwas Verweisendes, Zeichenhaftes zu vermuten. Gleichzeitig gehört es zu den zentralen Kunsterfahrungen, dass sich Bilder nicht in diesem Zeichenhaften erschöpfen.
Anhand der Texte von Lambert Wiesing skizziert Büchsel schließlich den phänomenologischen Bildbegriff und stellt dar, dass diese Position das Bild, indem sie postuliert, dass es kein Zeichen ist, als »Produkt der Einbildungskraft« sehen und »ohne Kontext« denken muss.

Mehr Sympathie besitzt Büchsel da scheinbar für das semiotische Bildverständnis wie er es bei Klaus Sachs–Hombach findet. Denn dort wird das Bild als Zeichen betrachtet, es wird aber an die Wahrnehmung gebunden und erhält so bei aller Parallelität von Sprache und Bild ein eigenes Recht.
In seinem Buch »Das Bild als kommunikatives Medium« (2004) trennt Sachs–Hombach Bildsemantik, die kontextunabhängige Kriterien der Interpretation (Wahrnehmungskompetenzen) erfasst, und Bildpragmatik. Dieser Begriff ist für Büchsels Darstellung besonders wichtig, da eine Interpretation im Sinne der Bildpragmatik stets kontextuelle Kriterien der Veranschaulichung erfasst.
Das wahrnehmungsnahe Zeichen »Bild« zeigt also etwas und es adressiert dabei stets einen vorausgesetzten Betrachter. Anders als es die Vertreter eines Bildes mit Subjektcharakter fordern, liegt die »Macht« bei Hombach jedoch auf Seiten des Betrachters. Denn er ist es, der das Angeschaute als Zeichen liest und in einen Kontext einrückt. Mit diesem Verständnis gelingt es der Bildpragmatik, Bildmacht und Deutungsmacht zu relativieren.
Sie eröffnet einen hermeneutischen Spielraum, den der Betrachter dank seiner Einbildungskraft nutzen kann und dessen Ergebnisse von der Wissenschaft in seiner Relativität ausgeleuchtet sowie auf Nachprüfbarkeit befragt werden können.

Martin Büchsel erreicht so – mit großer Geduld – das in der Einleitung umrissene Ziel. Mit seiner »Kritik der Hypostasierung inverser Bildstrukturen« stellt er die ihrer selbst unsichere Bildwissenschaft vom Kopf auf die Füße. Gegen die großen Worte der neuen aufklärungsskeptischen Bild–Visionäre plädiert der Autor für die differenzierte Betrachtung, die sorgfältige Lektüre und das mehrdimensionale Ausleuchten des Zusammenhangs. Er setzt damit auf eine »Kunstgeschichte der kleinen Worte«, die sich als vorstellungskritische Disziplin ihrer Instrumente und Aufgaben sicher ist.

Wie Martin Büchsel die Kritik eines dem Bild nicht entsprechenden Logoszentrismus untersucht und im Anschluss zur aufgeklärten Basis einer überprüfbaren Bildwissenschaft findet, dürfte über den Kreis des an der kunsthistorischen Disziplin interessierten Publikums hinaus wenig Begeisterung finden. Die gelassene Sachlichkeit, mit der sich Büchsel zwischen Mythologie und Aufklärung bewegt, würde jedoch auch öffentlichkeitswirksameren Diskursen unzweifelhaft zur Ehre gereichen.