Ausstellungsbesprechungen

Martin Kobe, The centre cannot hold

Der große Trubel um die Leipziger Schule ist abgeklungen – auch stehende Ovationen brauchen mal ein Innehalten. Immerhin hat die Malerei ihre Position im Haifischbecken des Kunstmarktes neu behauptet, wo es ja auch neben Damien Hirst & Co. genug Platz gibt. Noch im tosenden Applaus ließen sich Rauch, Eitel und Weischer sogar in die VIP-Lounge tragen: Höchstpreise, Einzelausstellungen reihen sich aneinander.

Da verwundert es schon, dass ein Künstler wie Martin Kobe bislang noch in keiner wichtigen Einzelschau außerhalb Leipzigs zu sehen war, gehört er doch zu den interessantesten Gruppenmitgliedern dieser Jungstars. Geboren 1973, studierte Kobe von 1995 bis 2000 bei Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo er noch immer lebt und arbeitet.

 

Die Galerie Neue Meister in seiner Geburtsstadt Dresden hat nun den Lipsiusbau an der Brühlschen Terasse (Kunsthalle) ausgewählt, um die faszinierend irritierenden Raumbilder Martin Kobes auszustellen, flankiert von Werken aus der Galerie Neue Meister und dem Kupferstichkabinett – sinnfällig sind dies Beispiele u.a. aus Piranesis »Carceri«-Serie oder den konstruktivistischen Strömungen der 1920er Jahre.

 

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Auf den ersten Blick meint man einen Entwurf der Architektin Zaha Hadid vor sich zu sehen, bis man feststellt, dass Kobes bodenlose Raumkonstruktionen sich in der Tat in einem piranesihaftes Labyrinth verfangen und die bestechend geometrisierbaren Raumelemente ad absurdum geführt werden. Das Faszinierende daran ist jedoch, dass unsere selektive Wahrnehmung den Bildern spontan einen Realitätsgrad zugesteht, der im Gehirn ein durchaus nachvollziehbares Interieur ergeben kann – gestützt noch durch die Erkenntnis, dass gerade die Hadid-Entwürfe, vor wenigen Jahren unausführbar, nunmehr weitgehend Realität geworden sind. Und wie verzweifelt ertappen wir uns, wenn wir dann die Raumfluchten und -ebenen auf der Leinwand nachzuvollziehen versuchen. Kobe spielt auch mit den virtuellen Räumen von Computerspielen, berührt damit die absurde Wahnwelt, in die sich manche Internetjunkies hineinmanövrieren. Geschickt gaukelt Kobe uns – in der Brillanz der Acrylfarbe und der Akribie in der Darstellung – so einen Cyberspace vor, der doch wieder als Erlebniswelt durchgeht, die selbst einen imaginären Boden bereitet. Im konstanten Wechsel von Schein und Sein schafft Martin Kobe Irritationen, die eine aus den Fugen geratene Wirklichkeitsauffassung mit sich bringen. Der englische Untertitel der Ausstellung beklagt denn auch den Verlust der Mitte, obwohl Kobe der Gefahr entgeht, kulturpessimistisch den Kopf in den schwankenden Boden zu stecken. Hier ist Kobe eher ein Erbe der Romantik, die offenen Auges die Entgrenzung der Welt verinnerlichte. Da er, perspektivisch gesehen, innerhalb seiner gemalten Architektur regelrecht im Glashaus sitzt, denkt er sicher auch nicht daran, mit Steinen zu werfen. Er steht sozusagen voll im Leben, und sei es auf nichts gebaut.

 

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Der Katalog, der sich leporelloartig auseinanderfalten lässt, gibt dem Besucher mit hintersinniger Symbolik einen auch über die Grenzen eines Buchformats hinausgehenden Eindruck mit auf den Weg, wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass die Qualität der Bildvorlagen nahezu außerirdisch gut sind.




Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr

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