Ausstellungsbesprechungen

Mary Bauermeister – Da capo – Werke aus 60 Jahren, Mittelrhein-Museum Koblenz im Forum Confluentes, bis 1. November 2015

Lexikalisch bedeutet »Da capo« so viel wie »von Beginn an« und meint in der Musik, eine bestimmte Passage noch einmal von vorne zu spielen. Und rufen die Italiener im Auditorium »Da capo!«, so ist das Ausdruck ihrer Begeisterung oder gar Bewunderung und die Aufforderung, das Stück erneut von Anfang an zu Gehör zu bringen. Rainer K. Wick hat die Ausstellung in Koblenz besucht und dort die Künstlerin getroffen.

Im Kunstgeschehen der letzten sechzig Jahre nimmt Mary Bauermeister einen singulären Platz ein. So vielgestaltig ihre künstlerische Arbeit, so verschiedenartig ihre experimentellen Ansätze, so sehr war sie in der Avantgarde der Nachkriegszeit verwurzelt, innerhalb derer sie den Aktionsradius für ihr ganz eigenständiges Schaffen fand. 1934 in Frankfurt geboren, ließ sie sich nach Studien an der Hochschule für Gestaltung in Ulm unter ihrem damaligen Rektor Max Bill und an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken Ende der 1950er Jahre als freie Künstlerin in Köln nieder. Ihr Atelier in der Lintgasse, in unmittelbarer Nähe des Kölner Rathauses und der romanischen Kirche Groß St. Martin, wurde in den frühen 60er Jahren zur Drehscheibe der zu jener Zeit neuesten Kunst. Progressive Künstler aus Literatur, Musik und bildender Kunst trafen dort zusammen – schon etablierte Komponisten wie John Cage oder Rising Stars der sich formierenden Fluxus-Szene wie Nam June Paik, La Monte Young oder George Brecht, um nur einige namentlich zu nennen.

Einen zentralen Platz nahm in ihrem Leben der Großmeister der elektronischen Musik Karlheinz Stockhausen ein, dem sie 1957 erstmals begegnet war und mit dem sie einige Jahre in einer Ménage à trois mit dessen Ehefrau Doris lebte, bevor sie ihn 1967 heiratete. Es handelte sich dabei nicht nur um ein Liebesverhältnis, wie Mary Bauermeister in ihrem autobiografischen Erinnerungsbuch »Ich hänge im Triolengitter« freimütig darlegt, sondern um eine höchst produktive, für beide Seiten überaus inspirierende Arbeitsbeziehung, die 1962 ihren ersten Höhepunkt in der großen Einzelausstellung der Künstlerin im Amsterdamer Stedelijk Museum fand, die von Aufführungen elektronischer Kompositionen Stockhausens flankiert wurde. Längere Aufenthalte in den USA brachten Mary Bauermeister in den 1960er Jahren mit den Protagonisten der amerikanischen Pop-art und der Happening- und Fluxus-Bewegung in Kontakt, in New York reüssierte sie mit mehreren Ausstellungen in der Galeria Bonino. Trotz ihrer Nähe zu den Avantgarden jener Zeit geriet sie nie in direkte Abhängigkeit des damaligen künstlerischen Mainstreams, sondern konnte sich durch Arbeiten profilieren, die als unverwechselbare, originäre und innovative Beiträge einer selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit in Erscheinung traten. Frei von stilistischen Fixierungen und inhaltlichen Festlegungen, mag ihr Œuvre auf den ersten Blick heterogen anmuten, doch es ist gerade die zu immer neuen formalen Lösungen und künstlerischen Formulierungen führende Experimentierfreude, die als Markenzeichen Mary Bauermeisters gelten kann.

Dies zeigt auch die aktuelle Werkschau im neuen, 2013 eröffneten Kulturbau »Forum Confluentes« in Koblenz, die eindrücklich die Wandlungsfähigkeit der Künstlerin belegt. Frühe Arbeiten aus ihrer Studienzeit an der Ulmer Hochschule für Gestaltung bewegen sich auf den ersten Blick im Fahrwasser des Konstruktivismus, besitzen aber deutlich strukturierte Oberflächen aus kleinen Punkten, die der glatten »Maschinenästhetik« konstruktivistischer Gestaltungen zuwider laufen und Bauermeisters Widerstand gegen jeglichen ästhetischen Dogmatismus dokumentieren. Informelles durchdringt hier Konstruktives, und so trifft Max Bills Wortschöpfung »konstruktiver Tachismus« diese Gemengelage zweifellos sehr genau. Obwohl im Formalen die konstruktive Prägung in abgeschwächter Form lang nachwirkte, emanzipierte sich die Künstlerin doch mehr und mehr vom strengen Kanon der HfG Ulm und erweiterte den traditionellen Materialkanon, indem sie in ihre Objektbilder Organisches wie Bienenwaben und Strohhalme einarbeitete (z.B. »Sandhalme«, 1962) oder aus Kieselsteinen kompakte serielle Kompositionen schuf, deren formale Ordnung in einigen Fällen auf dem strengen Gestaltungsprinzip der Progression bzw. der geometrischen Reihe (Fibonacci-Folge) beruht.

Fortsetzung von Seite 1

Eine Besonderheit sind die sog Lichttücher – Ready mades oder Objets trouvés in der Tradition Dadas, die auf einen Sizilienaufenthalt der Künstlerin im Jahr 1963 zurückgehen. Es handelt sich um seit Generationen im Gebrauch befindliche, oftmals geflickte Betttücher, deren ästhetischen Reiz Mary Bauermeister entdeckte, als sie auf der Leine baumelten und von der Sonne des Südens durchlichtet wurden. Duchamp eingedenk deklarierte sie diese Laken zu Kunstwerken, wie sie auch eine anderes Fundstück, einen alten Flickenteppich aus einem sizilianischen Hühnerstall, zu einer »Stoffcollage« mit dem Titel »Hommage à Rauschenberg« (1963) aufwertete und damit in zeittypischer Manier die Grenzlinie, die Leben und Kunst gemeinhin trennen, überschritt. Licht und Materie spielen nicht nur im Fall der »Lichttücher« eine maßgebliche Rolle, sondern auch bei den sog. Linsenkästen, mit denen die Künstlerin vor allem in den USA Erfolg hatte. Diese hellen, mit filigranen grafischen Strukturen und mehr oder minder fragmentarischen Texten oder kryptischen Zeichen, zum Teil auch mit reliefartigen Oberflächen bearbeiteten Objektkästen, besitzen nischenartige Eintiefungen, in denen sich optische Linsen befinden, die das Licht brechen, Reflexe erzeugen und die zeichnerischen und typografischen Elemente vergrößern, verzerren, verfremden – Arbeiten, die in den erweiterten Kontext der Konkreten Poesie eingebettet und genealogisch bis zur klassischen Avantgarde mit ihren kubistischen, futuristischen und dadaistischen Buchstabenexperimenten zurückgeführt werden können. Verfremdung ist auch das Prinzip einer Werkgruppe aus den späten 1960er Jahren mit Staffeleien, die so umgestaltet wurden, dass sie im künstlerischen Werkprozess ihre dienende Rolle als Träger der zu bearbeitenden Leinwand verloren und sich dadurch gleichsam als Kunstwerke verselbständigt haben. Hier scheint dadaistischer Bildwitz auf, und es ist kein Zufall, dass zur damaligen Zeit nicht selten von Neo-Dada die Rede war.

Die Koblenzer Ausstellung, die vorwiegend selten gezeigte Arbeiten aus dem Privatbesitz der Künstlerin versammelt, spannt den Bogen bis in die unmittelbare Gegenwart. Hervorzuheben ist die Rauminstallation »Zuvielisation« aus dem Jahr 2015. Der Besucher erblickt einen riesigen, sechs Meter langen Holztisch, der am einen Ende mit protzigem Tafelgeschirr eingedeckt ist, während am anderen Ende nur eine leere Holzschale mit einem hölzernen Löffel steht. Dazwischen Stacheldraht. Zwei überdimensionale, mit Samt gepolsterte Stühle signalisieren den übertriebenen Reichtum auf der einen Seite, zwei schlichte, unterproportionierte Miniaturstühle aus Holz und eine Leiter, die an die Tischkante angelehnt ist, um überhaupt an den Teller herankommen zu können, stehen auf der gegenüberliegenden Seite für den Hunger und die Entbehrungen, denen Millionen Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Der scheinbar spielerische, tatsächlich aber von bitterem Ernst zeugende Titel deutet an, worum es im Kern geht, nämlich um Kultur- und Gesellschaftkritik mit den Mitteln der bildenden Kunst. Sie bezieht sich ganz grundsätzlich auf die Tatsache des ungleichen Zugangs zu Ressourcen, gewinnt vor dem Hintergrund der momentanen Flüchtlingskrise aber eine zusätzliche Brisanz. Ohne damit die einundachtzigjährige Mary Bauermeister umstandslos zur »politischen Künstlerin« zu stempeln, manifestiert sich in dieser großen Arbeit doch ein zutiefst humanes Anliegen, das auf die Utopie einer solidarischen, sozial gerechteren Welt zielt.

Wer sich detaillierter über Leben und Werk der Künstlerin informieren möchte, dem sei das bereits erwähnte Buch »Ich hänge in Triolengitter. Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen« empfohlen, das 2011 bei Bertelsmann in der »Edition Elke Heidenreich« erschien und seit 2013 auch als Paperbackausgabe erhältlich ist. So lebhaft und enthusiastisch Mary Bauermeister im persönlichen Gespräch über ihre Kunst berichtet, so interessant liest sich diese flüssig geschriebene »Lebensbeichte« einer Künstlerin, die keinen Stillstand kennt, sondern schon frühmorgens sofort nach dem Aufstehen ihr Atelier aufsucht, um Neues auszuprobieren. Da capo!